Eröffnungstheorie Zweispringerspiel im Nachzug

Colorado77, 1/9, 27. Jan '16

Colorado77 - 27. Jan '16
Hallo Schachfreunde,

hier werde ich in Kürze einige theoretische Ideen vorstellen, extra für das anstehende TT.
Ich verweise nach
1.e4 e5
2.Sf3 Sc6
3.Lc4 Sf6
4.Sg5 (Ohne Zweifel der kritische Zug!)

auf die tollen Analysen von Arcachon, zu finden hier:
/forum/topic.html?key=42b2c69568e94f8f&sv=5

Dies vor dem Hintergrund, dass wir von DKJ ein eigenes TT zur Preussischen Partie incl. Traxler-Gegenangriff machen, beginnend ab 15.März.
/forum/topic.html?key=2585d5da6abb4f45&sv=4

Hier in diesem Thread geht es dann ausschliesslich um die ruhige Antwort 4.d3 und um 4.d4.

To be continued...

KroMax, 2/9, 27. Jan '16

KroMax - 27. Jan '16
Tolle Sache Colorado77. Danke dir.
Es war übrigens mit mir abgesprochen, dass auch Gäste hier natürlich etwas zum Besten geben können und eben auch gerne eine theoretische Einführung, denn es geht ja gerade bei den TT`s ums Lernen.
Beste Grüße
Max

Colorado77, 3/9, 27. Jan '16

Colorado77 - 27. Jan '16
Quellen:
Online Datenbank: chessok.com/?page_id=352 
Bologan: Bologan´s Black Weapons in the Open Games, NIC 2014

Erklärungen:
HV = Hauptvariante
NV = Nebenvariante

+/- Weiss hat klaren Vorteil
+- Weiss steht auf Gewinn
+= Weiss hat leichten Vorteil
-/+ Schwarz hat klaren Vorteil
-+ Schwarz steht auf Gewinn
=+ Schwarz hat leichten Vorteil

Das Zweispringerspiel ist ein weites Feld, das man in der Kürze nur mit Schwerpunktsetzung behandeln kann.

Ganz allgemein lässt sich sagen, dass es eine Geschmacksfrage ist, ob der Schwarze zu Italienisch 3…Lc5 oder eben dem Zweispringerspiel greift:

Italienisch hat den Vorteil, dass es Variante A auslässt, dafür aber Weiss ermöglicht, das Evans-Gambit zu spielen 4.b4!?.
Das Zweispringerspiel vermeidet das Evans Gambit, dafür muss man als Schwarzer sich eine Antwort auf Preussisch überlegen (Polerio Variante nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.Sg5 d5 5.exd5 Sa5 6.Lb5+ c6 7.dxc6 bxc6) oder gar den Traxler-Gegenangriff (4….Lc5).

Ich kategorisiere wie folgt:

A: 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.d4

Weiss zeigt damit an, dass er ein Gambit spielen will und aggressiv zu Werke gehen möchte.

A1: Rousseau Gambit
Dieses ist nicht gefährlich (wenn man es kennt).

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.d4 exd4 5.Sg5

r1bqkb1r/pppp1ppp/2n2n2/6N1/2BpP3/8/PPP2PPP/RNBQK2R b KQkq - 1 5


Schwarz kann hier 5...Se5 spielen. Ich schlage einen anderen Weg vor:
5… d5! 6.exd5 De7+

r1b1kb1r/ppp1qppp/2n2n2/3P2N1/2Bp4/8/PPP2PPP/RNBQK2R w KQkq - 1 7


Weiss hat hier mehrere Möglichkeiten:

A11:
7.De2 ?! Dies lässt nicht nur den Damentausch zu, sondern auch die Initiative bei Schwarz.
7… Dxe2+ 8.Kxe2 Sb4 9.Lb3 Lf5 10.Te1 000! 11.Sxf7 Te8+ 12.Kf1 Txe1+ 13.Kxe1 Tg8 -/+

Schwarz ist viel besser entwickelt, die Bauern c2 und d5 sind schwach und er hat die Initiative.

A12:
7.Le2 ist nur unwesentlich besser: Schwarz behält hier einen leichten Vorteil nach:
7...Sxd5 8.00 h6! 9. Sf3 Df6! 10.Sbd2 Lf5 11.Sb3 000, nach dem Generalabtausch auf d4 wird Schwarz Le7-Lf6 spielen und die Türme zentralisieren und steht gut.

A13:
7.Kf1 ist der einzig problematische Zug. Zugleich ist es die HV.
Nach 7...Se5 darf Weiss keine Zeit verlieren und spielt 8.Dxd4 Sxc4 9.Dxc4 h6! (der Springer muss weichen):

A13a:

10.Sf3

r1b1kb1r/ppp1qpp1/5n1p/3P4/2Q5/5N2/PPP2PPP/RNB2K1R b kq - 1 10


Wie löst Schwarz nun sein Problem der Entwicklung/Missstellung der Dame?
10...Dc5! 11.De2+ Le7 12.Le3 Dxd5 13.Sc3 Da5 14.Te1
Weiss hat nach einigen forcierten Zügen eine augenscheinliche Initiative. Schwarz muss nun energisch sein und einen Bauern opfern.
14...00! 15.Lxh6 Te8 16.Ld2 Ld7

r3r1k1/pppbbpp1/5n2/q7/8/2N2N2/PPPBQPPP/4RK1R w - - 3 17


=+ Schwarz hat leichten Vorteil, neben dem Läuferpaar, der besseren Entwicklung (Th1!), den aktiveren Figuren steht der weisse König schlecht. Dies mehr als Kompensation für den Bauern.

A23b:

10.Sc3 ?!
Weiss setzt alles auf eine Karte und opfert eine Figur.

10...hxg5 11.Lxg5 Dd8!? Dies ist ein Vorschlag von Bologan, der eine forcierte Variante nach sich zieht, die aber mindestens -/+ ist, also klarer Vorteil Schwarz.

12.Te1+ Le7 13.Lxf6 gxf6 14.d6 cxd6 15.Sd5 Le6 (einziger Zug) 16.Sc7+ Kf8
17.Sxe6+ fxe6 18.Dxe6 Tc8 -/+

Schwarz hat langfristig gute Gewinnchancen, Weiss hat einfach zu wenig Material um ernsthafte Drohungen zu arrangieren. 2 Bauern für den Läufer sind zu wenig.

2rq1k1r/pp2b3/3pQp2/8/8/8/PPP2PPP/4RK1R w - - 1 19


Fazit: das Rousseau Gambit braucht den kundigen Schwarzspieler nicht zu erschrecken.

To be continued...

Colorado77, 4/9, 27. Jan '16

Colorado77 - 27. Jan '16
A2: Das Zentrumsgambit

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.d4 exd4 5.00 Sxe4 6.Te1 d5 7.Lxd5 Dxd5 8.Sc3

r1b1kb1r/ppp2ppp/2n5/3q4/3pn3/2N2N2/PPP2PPP/R1BQR1K1 b kq - 1 8


Zunächst einmal der Hauptvorzug von 5...Sxe4: Es wird der gefährliche Max-Lange-Angriff verhindert:
2kr2r1/ppp3Pp/2n1p2B/2b1q3/2p1N1P1/2Pp4/PP3P1P/R2QR1K1 b - - 0 16

Dies ist die alte HV, die schon vor 100 Jahren bekannt war.

Der Max-Lange-Angriff ergibt sich nach: 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.d4 exd4 5.00 Lc5 6.e5 d5 7.exf6 dxc4.

Nun kann später obiges Diagramm entstehen nach 8.Te1+ Le6 oder auch die moderne Variante, die wohl noch gefährlicher ist:
8. fxg7 Tg8 9.Lg5 f6!?
r1bqk1r1/ppp3Pp/2n2p2/2b3B1/2pp4/5N2/PPP2PPP/RN1Q1RK1 w q - 0 10


Kommen wir zurück zum Zentrumsgambit:

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.d4 exd4 5.00 Sxe4 6.Te1 d5

Hier kann Weiss versuchen – ungesund, sofort das Spiel zu verkomplizieren:
7.Sc3?! dxc3 8.Lxd5 Le6! 9.Lxe4 (falls Txe4? gewinnt Se7 sofort, -+) Dxd1 10.Txd1 cxb2 11.Lxb2 f6 -/+
Die Läuferbahn ist zu, der Lg7 kann entwickelt werden, Schwarz hat einfach einen Bauern mehr.
r3kb1r/ppp3pp/2n1bp2/8/4B3/5N2/PBP2PPP/R2R2K1 w kq - 0 12


Deswegen ist die HV 7.Lxd5 Dxd5 8.Sc3

A21: 8...Dh5!?
Dieser Zug ist seltener gespielt als 8...Da5, jedoch auch sehr gut.
r1b1kb1r/ppp2ppp/2n5/7q/3pn3/2N2N2/PPP2PPP/R1BQR1K1 w kq - 2 9



9.Sxe4 Le6
Die Stärke des schwarzen Aufbaus zeigt sich in der NV 10.Sxd4?! Dxd1 11.Txd1 000 12.Le3 Sxd4 13.Lxd4 Lf5 14.Sg5 Lg6 =+ wegen des schwarzen Läuferpaares.

Auch die NV 10.Seg5 (optisch toll) taugt nichts: 000! 11.Sxe6 fxe6 12.Txe6 Ld6 =+
Schwarz hat die Initiative ergriffen und steht zum Angriff am K-Flügel bereit.

Einziger Zug ist für Weiss 10.Lg5! Ld6 11.Sxd6+ cxd6 12.Lf4 Dd5 13.c3 Tc8! 14.Sxd4 cxd4
2r1k2r/pp3ppp/3pb3/3q4/3n1B2/2P5/PP3PPP/R2QR1K1 w k - 0 15


Weiss hat den Bauern wieder in petto, doch das ist schon alles. Er muss genau spielen, denn
15.Dxd4 Dxd4 16.cxd4 Kd7! Gibt Schwarz das bessere Endspiel wegen der c-Linie, die Weiss nicht sofort neutralisieren kann (Bauer a2 hängt!), =+.
Deswegen sollte er spielen:
15.cxd4 00
16.b3 =
Das späte Mittelspiel steht gleich, trotz der Damen auf dem Brett ist ein Remis der wahrscheinlichste Ausgang.

A22: 8….Da5
Der Hauptzug der oft auch forciert zu einem Endspiel mit D vs. 2 T führt, was ca. ausgeglichen ist.
9. Sxe4 Le6
r3kb1r/ppp2ppp/2n1b3/q7/3pN3/5N2/PPP2PPP/R1BQR1K1 w kq - 1 10


Die NV 10.Lg5 ist sehr riskant für Weiss:
10...h6 11.Lh4 Lb4! (einfacher als das auch starke ...g5) 12.c3 dxc3 13.bxc3 Lxc3 14.Sxc3 Dxc3
-/+ Weiss hat Kompensation für 1 Bauern, aber nicht für 2. Er wird 00 spielen und den Bauern b7 zurückgeben, um in der Entwicklung aufzuholen.
r3k2r/ppp2pp1/2n1b2p/8/7B/2q2N2/P4PPP/R2QR1K1 w kq - 0 15


Die HV geht weiter wie folgt:
10. Seg5 000 11.Sxe6 fxe6 12.Txe6 Ld6 13.Lg5 Tde8 14.De2 Kd7!

Der schwarze König selbst kümmert sich um die Dominanz auf der wichtigen e-Linie.
15.Txe8 (das besagte D vs. TT Endspiel ergibt sich nach Te1-Dxe1+ etc.) Txe8 16.Dd3

4r3/pppk2pp/2nb4/q5B1/3p4/3Q1N2/PPP2PPP/R5K1 b - - 1 16


Diese späte Mittelspiel neigt zum Remis, was die hohe Remisquote in der Statistik auch begründet.

Um der schwarzen Stellung Gewinnchancen zu erhalten schlägt Bologan vor:
12...h6 13. De2 g5!? 14. De4 Dd5!
Schwarz will die Damen tauschen, weil er aktivere Figuren hat als der Weisse.
15.Ld2 Lg7 16.Dxd5 Txd5 17.Tg6 Th7 =
Der Bc2 neigt zur Schwäche, Schwarz steht gut (Idee Tc5).

2k5/ppp3br/2n3Rp/3r2p1/3p4/5N2/PPPB1PPP/R5K1 w - - 2 18


Fazit: Auch das Zentrumsgambit ist ungefährlich, die Remisbreite ist hier für die theorie-fiten Spieler sehr hoch.

To be continued...

KroMax, 5/9, 27. Jan '16

KroMax - 27. Jan '16
Alle Achtung Colorado77.
Da muss man sich erstmal in Ruhe durcharbeiten :-))
Eine tolle Einstimmung auf das anstehende TT.
Grüße

Colorado77, 6/9, 28. Jan '16

Colorado77 - 28. Jan '16
A3: Der zentrale Vorstoss e5

Wir kommen damit zum zweithäufigsten Zug nach 5.00, nämlich 5.e5.
Meines Erachtens ist dies der beste Zug und zugleich auch der Grund (neben 4.Sg5), warum ich selbst Italienisch spiele.

r1bqkb1r/pppp1ppp/2n2n2/4P3/2Bp4/5N2/PPP2PPP/RNBQK2R b KQkq - 0 5


Schwarz hat nun 3 Möglichkeiten: d5, Se4 und Sg4 (die letzten beiden kommen ca. gleich oft vor)

A31: 5...Sg4
6.00 d6

NV sind
6...d5 ?!
7.Lb5 Ld7
8.Lxc6+ bxc6
9.Dxd4 +=/+/-

Weiss hat grossen Vorteil, er hat eine verbesserte Aufstellung erreicht als in der HV von Var. A33 (sehen wir später), nämlich mit Dd4 statt Sd4: Die Felder vor dem Doppelbauern xd4,xc5 sind schlecht. Zudem steht der Sg4 sehr wacklig.

Auch zweifelhaft ist
6...Lc5, da nach 7.Lf4 00 8.h3 Sh6 9. Lxh6 gxh6 10.Sbd2 die schwarze Königsstellung zu ramponiert ist.

Nach 6...d6 hat Weiss aber die Chance, das Spiel zu öffnen:
7.exd6 Lxd6 8.Te1+

r1bqk2r/ppp2ppp/2nb4/8/2Bp2n1/5N2/PPP2PPP/RNBQR1K1 b kq - 1 8


Nun muss Schwarz entweder ein Tempo verlieren oder die Rochade.

A31a:

8...Le7 9.Lg5 00 10.Lxe7 Sxe7 11.Dxd4 Dxd4 12.Sxd4 Sg6 13.Sc3
+= bis =, wenn alles gut geht, remisiert Schwarz, bei der kleinsten Ungenauigkeit wächst der weisse Vorteil aber beträchtlich. Die Stellung ist symmetrisch und dadurch hat Weiss mit seinem zentralisierten Turm einen kleinen Vorteil.

A31b:

8...Kf8 9.h3 Sge5 10.Lb3 Df6 (hält taktisch wegen Sf3+ den Bauern d4 fest) 11.Sbd2
In ganz wenigen Partien hat Weiss hier sehr stark gepunktet: z.B.
11...Sxf3 12.Sxf3 h6 (wegen Lg5) 13.Ld5! Ld7 14.Ld2!
Dieser bescheidene Zug wird 15.c3 vorbereiten, der Läufer steht sehr aktiv auf c3 dann und nimmt die Df6 aufs Korn. Zudem ist der schwarze König gefährdet (xg7).
Weiss hat volle Kompenstion für den Bauern, vlt. auch mehr, +=.

r4k1r/pppb1pp1/2nb1q1p/3B4/3p4/5N1P/PPPB1PP1/R2QR1K1 b - - 3 14


A32: 5...Se4

Dieser Zug sieht besser aus als 5...Sg4, wird der Springer doch zentral postiert.
Der Nachteil von Se4 ist aber wiederum, dass die e-Linie geöffnet wird in Kürze.
6. 00 d5

Warum nicht 6...Le7?
Nun, darauf muss Schwarz sehr künstlich spielen, denn der Se4 wird vertrieben mittels:
7.Ld5! Sc5 8.Te1 Se6 9.c3!? dxc3 10.Sxc3 00 11.Se4
r1bq1rk1/ppppbppp/2n1n3/3BP3/4N3/5N2/PP3PPP/R1BQR1K1 b - - 2 11


Der weisse Angriff ist offensichtlich, er hat volle Kompensation mit dem Feld e4, g5 (nach Vorbereitung durch h2-h4) und der schlechten Entwicklung von Lc8 und Ta8.

7.exd6 Sxd6 8.Ld5 (wiederum!) Sf5.
Schwarz will also an dem Bauern d4 unbedingt festhalten.
9.Te1+ Le7 10.Lxc6+ bxc6 11.g4! Sh6 12.Lg5

Weiss entwickelt immer mehr Druck, der Sh6 steht abseits…
r1bqk2r/p1p1bppp/2p4n/6B1/3p2P1/5N2/PPP2P1P/RN1QR1K1 b kq - 2 12


12...Le6 13.Lxe7 (Lxh6-gxh6, Sxd4 nebst unklarer Stellung ist auch möglich) Dxe7 14.h3 c5.
Schwarz muss, da er schlechter steht, versuchen, sich an das Material zu klammern.

15.Dd3! Diese Stellung ist noch nicht besonders erforscht. Sie ist aber nicht einfach zu spielen für Schwarz:

r3k2r/p1p1qppp/4b2n/2p5/3p2P1/3Q1N1P/PPP2P2/RN2R1K1 b kq - 1 15


Das Hauptproblem ist die Bauernstruktur mit schwachen Bauern auf a7, c5, c7 und der schlechte Sh6. Das ist mehr genug für eine weisse Kompensation.

15...Tb8
Dies ist ein Engine-Vorschlag. Schwarz kommt dabei aber nicht gut weg…
16.Sbd2 Txb2 17.Da3!
Die Dame greift den Tb2 an und zugleich die miserablen Bauern a7 und c5.
17...Tb7 (Tb6, dann 18.Sc4!) 18.Se4 += (Plan c3 und Tac1)

4k2r/prp1qppp/4b2n/2p5/3pN1P1/Q4N1P/P1P2P2/R3R1K1 b k - 3 18


Trotz der momentanen 2 schwarzen Mehrbauern und trotz der luftigen Diagonalen a8-h1 steht Weiss besser, dies wird umso deutlicher, je mehr man ins Endspiel kommt.

Fazit: Beide Varianten (5...Sg4 und 5...Se4) sind nicht ganz so leicht zu spielen. Sie sind deswegen auch nicht so populär wie 5….d5.

A33: 5….d5
Es gibt einen Grundsatz in den offenen Spielen, dass man ein weisses e5 mit Angriff auf den Sf6 immer beantworten sollte mit d5, falls dann auf c4 der Läufer angegriffen wird!

Dieser Zug ist bei weitem der häufigste.

6.Lb5 Se4
7.Sxd4 Ld7
Dies ist die HV.

Bei FS Spielern beliebt wurde ein Zug, der auch schon recht alt (um 1900) ist, nämlich:
7...Lc5 !?

r1bqk2r/ppp2ppp/2n5/1BbpP3/3Nn3/8/PPP2PPP/RNBQK2R w KQkq - 1 8


Nun kann die sog. Kaidanz Variante entstehen:
8.Sxc6 Lxf2! 9.Kf1 Dh4!? / ?! (Hier geht es auch weniger wild mit 9...bxc6)

Über die letzte Korrektheit kann ich hier nur spekulieren. Derjenige, der das mal austesten will, kann es gerne versuchen und sich hier das genauer anschauen:
Mark Morss, hier:
correspondencechess.com/campbell/hard/h990927a.htm 

Will Weiss diesem Chaos aus dem Weg gehen, kann er auch sicher spielen und zu 8.Le3 greifen.
Damit kommt man später wieder zur HV.

Weitere Quellen, auch zum Urusov Gambit, sind die tollen Seite von Michael Goeller, zwar schon etwas betagt, aber dennoch topaktuell und auch der Campbell Report:
rci.rutgers.edu/~goeller/urusov/perreux/index.html 
rci.rutgers.edu/~goeller/urusov/perreux/queen_check.html 
correspondencechess.com/campbell/hard/h990315.htm 

To be continued...

Colorado77, 7/9, 03. Feb '16

Colorado77 - 03. Feb '16
A33: 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3. Lc4 Sf6 4.d4 exd4 5.e5 d5 6.Lb5 Se4 7.Sxd4 Ld7 8.Lxc6 bxc6

Das ist die. Ausgangsstellung.
r2qkb1r/p1pb1ppp/2p5/3pP3/3Nn3/8/PPP2PPP/RNBQK2R w KQkq - 0 9


Die absolute HV ist nun:
A33a
9.00 Lc5 10.Le3 Lb6 (um den Lc5 zu decken) 11.Sd2!

Dieser Aufbau hat sich als stark erwiesen, nicht nur der Se4 wird befragt, sondern es wird auch
die Hauptschwäche des Schwarzen in Angriff genommen (Sb3), nämlich das Feld c5.
Im Gegenzug für das Läuferpaar hat Schwarz statische Schwächen rund um den Doppelbauern, vor allem die Felder c5 und d4
sind Aktionsbasen für Weiss.

11...c5! 12.S4b3 Sxd2 13.Dxd2

r2qk2r/p1pb1ppp/1b6/2ppP3/8/1N2B3/PPPQ1PPP/R4RK1 b kq - 0 13


Nun hat Schwarz 2 Möglichkeiten:
13...Lb5
14. Lxc5!? Weiss gibt die Qualle Lxc5
15.Sxc5 Lxf1
16.Txf1 00
17.f4 00
18.Dd4 = bis +=

r2qr1k1/p1p2ppp/8/2NpP3/3Q1P2/8/PPP3PP/5RK1 b - - 2 18


Für die Qualle hat Weiss einen Bauern am K-Flügel, zentralisiserte Figuren auf den schwarzen Feldern c5 und d4
sowie die Chance auf einen Bauernsturm f5 und e6 oder f6.
Seine Stellung, obwohl objektiv gleich, spielt sich einfacher.

13...d4!?
14.Lg5 Dc8
15.c3 h6
16.Lh4 Db7!

Dies ist eine Enginewahl --> sehr forciert nun, zugleich Bologans Empfehlung:

17.cxd4 cxd4
18.Sxd4 g5
19.e6 Ein Zwischenzug, da nach 19.Lg3 000 Weiss in den Seilen hängt (Abzüge Ld7).
19...000
20.exd7+ Txd7
21.Lg3 Lxd4
22.Dc2 Dxb2
23.Da4 oder Df5
=

2k4r/p1pr1p2/7p/5Qp1/3b4/6B1/Pq3PPP/R4RK1 b - - 1 23

Selbst nach Dxa1 steht der schwarze König zu offen, damit ist ein Dauerschach sehr wahrscheinlich.


Nun kann man ansetzen und überprüfen, ob 9.00 zu sehr Schablone ist und nicht sofort durch 9.Le3 ersetzt werden sollte.

A33b
9.Le3 vor 9.00 gewinnt an Kraft, wenn der Lf8 noch nicht auf c5 steht.
Dies ist dann ein gewaltiges Argument für 7...Ld7 statt 7...Lc5.

9.Le3

I: 9...Lc5
Sehen wir, was passiert, wenn Schwarz Schablone spielt:
10.Sd2! wieder muss der Springer e4 sich erklären
10...Dh4

-----
Exkurs

Die NV 10...De7?! ist eine kleine Falle:
11.Sxe4 dxe4
12.e6! fxe6
13.Sxc6 Lxc6
14.Dh5+ g6
15.Dxc5 Dxc5
16.Lxc5
+= / +/-
Dieses Endspiel ist schon rein optisch eine Katastrophe
für Schwarz.
r3k2r/p1p4p/2b1p1p1/2B5/4p3/8/PPP2PPP/R3K2R b KQkq - 0 16


--------
11.00 Lb6

r3k2r/p1pb1ppp/1bp5/3pP3/3Nn2q/4B3/PPPN1PPP/R2Q1RK1 w kq - 6 12


In der Partie Nakamura vs. Hebden (2008) folgte
12.S2b3 De7 13.Te1 00 14.f3 Sc5? 15.Sxc5 Lxc5 16.Sb3 Lb6
17.Dd2 Tae8 18.a4! f6 (Normalerweise hilft dieser zentrale Bauerntausch Schwarz, Druck auf e- und f-Linie aufzubauen, hier aber nicht)
Hier hätte folgen können:
19.a5 Lxe3+ 20.Dxe3 fxe5 21.Dxa7
+/-
Das Endspiel ist sehr schlecht für Schwarz, der Springer hat volle Kontrolle über xc5 und ist dem Ld7 deutlich überlegen.
4rrk1/Q1pbq1pp/2p5/P2pp3/8/1N3P2/1PP3PP/R3R1K1 b - - 0 21


Viel besser und ausgeglichenes Spiel konnte Schwarz erreichen mit:
14...c5
15.Se2 und nun bieten sich neben 15...d4 auch 15...c4 an, mit gleichem Spiel.

Deswegen kann Weiss seinen Haupttrumpf, die Hatz auf den Lb6 sofort ausspielen mittels:
12.a4! Sxd2 13.Dxd2 a5 14.f4
+=
Wieder ist xc5 unter Kontrolle, die schwarzen Felder lassen sich mit Df2 weiter verstärken (nach vorherigem g3 zB.) und es liegt ein
Bauernsturm mit f5, f6 in der Luft. Zudem neigt in allen Endspielen der Ba5 zur Schwäche.
r3k2r/2pb1ppp/1bp5/p2pP3/P2N1P1q/4B3/1PPQ2PP/R4RK1 b kq f3 0 14


II: 9...De7!?
Dies ist eine absolute NV und der Engine Liebling.
Menschen spielen ungern so direkt auf Bauernfang, wenn man unterentwickelt ist und der König noch nicht rochiert.
10.f3 Sd6
11. 00 Dxe5
12.Te1 Le7
13.Sb3!?
r3k2r/p1pbbppp/2pn4/3pq3/8/1N2BP2/PPP3PP/RN1QR1K1 b kq - 3 13


Das Motiv kennen wir schon, das Feld c5...
13....Df6
14.Sc3 (Blick a4-->c5) Sf5
Deckt den Le7, da 00? sofort verliert wegen Ld4-Dg5, f4 +-
15. Lc5 00
16.Lxe7 Sxe7
17.Sa4
Streng positionell ist der Verteidiger von xc5 beseitigt und nun fallen die Springer über das Feld her.
Weiss sollte volle Kompensation haben für den Bauern.

r4rk1/p1pbnppp/2p2q2/3p4/N7/1N3P2/PPP3PP/R2QR1K1 b - - 1 17


III: 9...c5
Dies ist Bologans Empfehlung und wirklich stark
10.Sb3 d4
11.Lc1

Der Clou ist, dass das normale Lf4 ein Tenpoverlust ist. Denn der Se4 ist nicht mehr stabil und wird über xg5 nach xe6 wandern, so dass ein Lf4 wieder ziehen muss.
11...Lb5
verhindert die Rochade
12.Sa3 La6
13.Dg4 f5!

r2qkb1r/p1p3pp/b7/2p1Pp2/3pn1Q1/NN6/PPP2PPP/R1B1K2R w KQkq f6 0 14

14.exf6
Dxf5 geht hier nicht gut, da nach Dd5, f3-Sd6, Df4-Sf7 der Bauer e5 fällt und Schwarz wegen der aktiveren Figuren leicht besser steht.
14...Sxf6
15.De6+ De7
16.Sxc5 Dxe6+
17.Sxe6 Sd5!

r3kb1r/p1p3pp/b3N3/3n4/3p4/N7/PPP2PPP/R1B1K2R w KQkq - 1 18


Schwarz hat mit dem La6, der verhinderten Rochade und dem Läuferpaar volle Kompensation.
18.Sxd4 ist wegen 000 zu gefährlich.
Bleibt 18.Ld2 Kd7
Nun hat Weiss die Wahl:

- Auf Material spielen:
19.Sxd4 Te8+ 20.Kd1 Lc5 21.c3 Lxd4 22.cxd4 Te2
Schwarz hat völlige Kompensation für 2 Bauern

- in ein remislastiges Endspiel überleiten:
19.Sxf8 Thxf8
20.000 Txf2
21.Le1 Tf4
22.Lg3 Te4
=

r7/p1pk2pp/b7/3n4/3pr3/N5B1/PPP3PP/2KR3R w - - 4 23


Dies beendet meine Ausführungen zum starken 5.e5
Schwarz muss genau aufpassen, wie er das Problem um das Feld c5 zu lösen gedenkt (mit Lc5 oder ohne Lc5)...

In der letzten Folge wird dann das ruhige 4.d3 behandelt.

To be continued....

Colorado77, 8/9, 03. Feb '16

Colorado77 - 03. Feb '16
Ich hoffe doch, dass Euch das gefällt und in den Partien zum TT oder auch in den eigenen Spielen weiterhilft.
Ein Feedback ist gern gesehen.

brauna, 9/9, 03. Feb '16

brauna - 03. Feb '16
Hallo liebe CC'ler,

ich kann euch nur empfehlen, die Ausführungen von Ralf mal nachzuvollziehen. Er erläutert die schachlichen Stellungen mit hohem Sachverstand.

Noch interessanter ist es, mit Colorado77 ein Spiel zu machen...auch dort macht der Dialog mit ihm einfach Spaß.

Danke Ralf!
LG Arno
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