Die "Preußische" und die "Traxler" - eine Einführung.

Arcachon, 1/10, 21. Jan '16

Arcachon - 21. Jan '16
Bei meinen einleitenden Kommentaren zur Preußischen und Traxler kann ich auch auf eigene Erfahrungen zurückgreifen und zwar im Nah- wie auch im Fernschach. Sollte dem einen oder anderen meine Kommentare bekannt vorkommen, so ists kein Wunder da ich beide Abspiele auf einer englischen Webseite ausführlich dargestellt habe.

Über die Entstehungsgeschichte dieser beiden Abspiele des Zweispringerspiels kann man im Internet nachlesen. Ich werde keinesfalls alle möglichen Varianten und Nebenvarianten bearbeiten, da es Hunderte davon gibt und mir so viel Zeit hier nicht bleibt.

Ich werde versuchen für den Verteidiger ruhigere Wege zu beschreiben bzw. für den Angreifer dynamische und aggressive Fortsetzungen, die seinen Gegner in die Irre führen. Insbesondere für die Traxler (im Englischen „Wilkes Barre Variation“ genannt) gilt, daß bei einem sogen. „unforced error“ das sofortige Ende droht, da es sich in vielen Abspielen um forcierte Zugfolgen handelt, in denen ein Schritt vom Weg den Verlust der Partie bedeutet.

Da ich für die wichtigsten Abspiele und Varianten wohl mind. 4 Wochen benötige, aber bis zum Beginn des TT damit fertig sein möchte, fang ich am Besten jetzt an.

Hier die beiden Ausgangsstellungen der Preußischen
/Diagramm)

r1bqkb1r/ppp2ppp/2n2n2/3pp1N1/2B1P3/8/PPPP1PPP/RNBQK2R


und der Traxler.
(Diagramm)

r1bqk2r/pppp1ppp/2n2n2/2b1p1N1/2B1P3/8/PPPP1PPP/RNBQK2R


Wird fortgesetzt

Arcachon, 2/10, 22. Jan '16

Arcachon - 22. Jan '16
Fangen wir mit der Traxler an, sie ist im Nahschach ein Leckerbissen für die Draufgänger und Wagemutigen und bleibt es auch in vielen Abspielen im Fernschach. Vor allem deshalb weil es noch unerforschtes Terrain gibt, das auch von den stärksten Engines nicht umfassend ausgeforscht werden kann.

Wenn vor nicht allzu langer Zeit der Springerzug nach g5 als Widerlegung des Zweispringerspiels galt, so dachten viele Optimisten dass die Traxler eine Widerlegung von Sg5 sei.

Schauen wir uns die Stellung nach 4...Lc5 nochmals an.

r1bqk2r/pppp1ppp/2n2n2/2b1p1N1/2B1P3/8/PPPP1PPP/RNBQK2R


Der Weiße hat jetzt die Qual der Wahl: mit dem Springer oder dem Läufer auf f7 schlagen. So dachte ich selbst bis vor einigen Wochen mir ein Gegner (ELO 2000) in einem Mannschaftskampf à tempo 5.d4 vorsetzte wonach ich in tiefes Grübeln verfiel. Nach einer halben Stunde fand ich einen ausgleichenden Zug, der mir das Überleben sicherte. Da dieser sehr selten gespielte Zug bei bestem Spiel wohl nur zum Ausgleich führt, werde ich erst am Schluss darauf eingehen, da 4.Sg5 eine eindeutige Gewinnabsicht verfolgt und kein Ausgleich gesucht wird. Jahrzehntelang hielt die Theorie 5.Lxf7+ für den einzig richtigen Zug, da der Weiße damit ein Tempo gegenüber Sxf7 gewinnt und der Weiße die zum Teil haarsträubenden Verwicklungen nach 5.Sxf7 Lxf2+ vermeidet. Doch so einfach ist es nicht denn in beiden Abspielen steckt der Teufel im Detail und weder Theorie noch Praxix haben bis heute bewiesen welches der beste Zug ist. Zunächst schauen wir uns das angeblich bessere 5.Lxf7+ an. Ich werde jetzt Zug für Zug ein Diagramm veröffentlichen da die Abspiele zu einem taktischen Gemetzel führen, in dem man leicht den Überblick verliert.

r1bqk2r/pppp1Bpp/2n2n2/2b1p1N1/4P3/8/PPPP1PPP/RNBQK2R


Quo vadis Rex? e7 oder f8? Es bleibt eigentlich nur das Feld e7 aus einem einfachen Grund. Die f-Linie ist in den meisten Abspielen eine Überlebenshilfe für Schwarz über die Druck auf die weiße Stellung ausgeübt und der schwarze Angriff verstärkt werden kann. Aus Gründen der Zeitersparnis verzichte ich auf die Kommentierung der Abspiele nach Kf8. Ich habe die Traxler schon oft als Schwarzer gespielt und nicht ein einziges stringentes Beispiel in den Archiven für 5...Kf8 gefunden, das es wert gewesen wäre, es damit zu versuchen.

r1bq3r/ppppkBpp/2n2n2/2b1p1N1/4P3/8/PPPP1PPP/RNBQK2R


Und jetzt scheiden sich schon wieder die Geister: da der Schwarze mit h6 droht eine Figur zu gewinnen, kommt nur ein Wegzug mit dem Läufer infrage. Doch wohin? Nach d5 oder b3? Um ehrlich zu sein: ich weiß es genauso wenig wie auch die aktuelle Theorie. Also gehen wir zunächst zu 6.Lb3. Auch 6.Lc4 wird hin und wieder gespielt, jedoch mit einem in der Praxis besseren Ergebnis für Schwarz, da der Läufer auf c4 exponiert ist und dem Schwarzen mehr Möglichkeiten bietet.

r1bq3r/ppppk1pp/2n2n2/2b1p1N1/4P3/1B6/PPPP1PPP/RNBQK2R


Wird fortgesetzt.

Arcachon, 3/10, 24. Jan '16

Arcachon - 24. Jan '16
Nach 6.Lb3 gibt es nur 3 Fortsetzungen des Schwarzen, die einer näheren Prüfung standhalten, es sind dies: 6...Tf8 6...De8 und 6...d6. Nach dem mir vorliegenden Daten- und Archivmaterial (ca. 1000 Partien mit keinem Spieler unter ELO 2000, FS und Nahschach) liegen – was die Erfolgsquote betrifft – 6...Tf8 und 6...d6 klar vorne. Fangen wir mit dem Letzteren an.
S. Diagramm
r1bq3r/ppp1k1pp/2np1n2/2b1p1N1/4P3/1B6/PPPP1PPP/RNBQK2R


Der Grund für diesen Zug ist klar: Entwicklung um den Weißen so schnell wie möglich unterDruck zu setzen. Weiß könnte jetzt antworten mit 7.d3 7.Sc3 sowie 0-0. Alle möglichen Verzweigungen nach diesen Antworten zu kommentieren würde Monate dauern. Der Variantendschungel der Traxler ist extrem unübersichtlich, ich werde mich auf das aussichtsreiche 7.d3 beschränken (müssen). Mit diesem Zug bereitet Weiß Le3 vor, um nach Abtausch mit dem schwarzfeldrigen Läufer von Schwarz Druck abzubauen.
Diagramm nach 7.d3

r1bq3r/ppp1k1pp/2np1n2/2b1p1N1/4P3/1B1P4/PPP2PPP/RNBQK2R


Die schwarze Antwort 7...Tf8 ist wohl am besten, aber auch 7...De8 und 0-0 kamen in der Praxis vor.

Diagramm

r1bq1r2/ppp1k1pp/2np1n2/2b1p1N1/4P3/1B1P4/PPP2PPP/RNBQK2R


Wird fortgesetzt

Arcachon, 4/10, 25. Jan '16

Arcachon - 25. Jan '16
Von den Zügen, die nach 7....Tf8 in der Praxis von Weiß gespielt wurden, will ich nur 8.Le3 aufgreifen. 8. Sf3 sieht zwar nicht schlecht aus, doch warum soll Weiß den Zug aufschieben, der den schwarzen Angriff am wirkungsvollsten behindert, wenn nicht sogar stoppt? Deshalb hat er ja d3 gespielt!

Schwarz kommt um den Abtausch des Läufers nicht herum, es bleibt also nur 8...Lxe3 9.fxe mit folgender Stellung:
r1bq1r2/ppp1k1pp/2np1n2/4p1N1/4P3/1B1PP3/PPP3PP/RN1QK2R

Arcachon, 5/10, 25. Jan '16

Arcachon - 25. Jan '16
Und nun, wie verstärkt Schwarz seinen Angriff, bzw. wie hält er den Druck aufrecht? Um ehrlich zu sein, ich bin mir nicht sicher, und das vorhandende Daten- bzw. Partienmaterial gibt keinen klaren Aufschluss darüber. Denkbar wären sowohl 9...De8 wie auch 9...Sg4 und 9...Lg4. Die Praxis muss es beweisen, deshalb beende ich hier die Kommentierung von 6.Lb3 und fahre mit 6.Ld5 weiter. Ich überlasse es den TN am TT wie sie als Schwarzer fortsetzen wollen. Die Stellung gibt taktisch für Schwarz sicherlich einiges her, doch wenn Weiß vorsichtig ist, dürfte es für Schwarz schwer werden den Verlust der Rochade und des Bauern zu rechtfertigen.

Colorado77, 6/10, 27. Jan '16

Colorado77 - 27. Jan '16
Das waren bisher super Analysen!
Wer Fragen an Arcachon hat, nur zu, stellt sie...

Ich persönlich bin auch eher skeptisch, was diese Variante des Traxler betrifft und denke, dass Weiss schon einen gewissen Vorteil behält - solange er auf Sxf7? verzichtet.

Für die Freunde von solchen Analysen und wer sich für die anderen Hauptvarianten des Zweispringerspiels interessiert, ich bereite gerade für CC und deren TT einen ähnlichen Theoriebeitrag vor:
/forum/topic.html?key=e36f799544354bc3&sv=5

Klauno, 7/10, 19. Feb '16

Klauno - 19. Feb '16
Ich wusste nicht, ob es in Ordnung gewesen wäre, hier zwischendurch was reinzuschreiben ?

Erstmal vielen Dank für die schöne Analyse.
Ich würde meinen, das die Variante :
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3. Lc4 Sf6 4.Sg5 Lc5 5.Lxf7 Ke7 6. Lb3 d6 7. d3 Tf8 8. Le3 für beide Seiten die besten Züge darstellt.
Ich habe den Traxler Angriff mit Schwarz viele Jahre lang im Verein gespielt, mit ganz guten Resultaten, bis alle meine Gegner sich darauf eingestellt hatten, und ich nicht mehr als Remis hatte, maximal.

Deshalb erlaube mir bitte 2 Anmerkungen :
6. Lb3 ...ich finde Ld5 etwas stärker. Der Läufer bleibt auf der gleichen Linie, verhindert aber, was in einigen Abspielen gut für Schwarz ist, das Opfer d5 !
In der gezeigten Variante kommt dies aber nicht zum tragen.

Und meine 2te Anmerkung betrifft den letzten Zug der Kommentierung.
8. Le3....du schreibst ich zitiere :
"8. Sf3 sieht zwar nicht schlecht aus, doch warum soll Weiß den Zug aufschieben, der den schwarzen Angriff am wirkungsvollsten behindert, wenn nicht sogar stoppt? Deshalb hat er ja d3 gespielt!"
weil auf direktes 8. Le3 Sd4 möglich ist, was ich auch als besser erachte ?
auf c3 folgt Sxb3 ( man beachte meine erste Anmerkung )
und auf Sf3 kommt Lg4...das wäre dann nur Zugumstellung.
Aber 9...Sd4 ist sicher stärker als 8...Lxe3.
will Weiss den Lc5 jetzt doch tauschen, ist c3 erzwungen. Dann geht aber auch der Läufer auf b3 hops. Und der ist für Schwarz unangenehm.

Ich hätte gern auch ein Diagramm eingefügt, habe aber nirgens ein Anleitung dazu gefunden, weder im Wiki noch unter Hilfe. Evtl. ist mal jemand so freundlich, und sendet mir einen Link mit der Beschreibung dazu ? Ein PGN Viewer ist scheinbar noch nicht implementiert ?

Gruß
Klaus

Arcachon, 8/10, 19. Feb '16

Arcachon - 19. Feb '16
Ich lasse diese Kommentare unkommentiert bestehen, nicht etwa weil ich damit einverstanden oder nicht einverstanden wäre, sondern weil das TT eben zum Ziel hat die besten Antworten und Varianten zu finden und dafür ist Klaunos Kommentar ein wichtiger Beitrag. Eines ist klar: Im Nahschach ist die Traxler brandgefährlich und der unvorbereitete Weiße sitzt sehr schnell in der Klemme. Obbwohl ich im Augenblick kaum Zeit habe versuche ich eine kurze Zusammenfassung der noch ausstehenden Varianten vor Beginn des Thematurniers zu verfassen. Für Klauno hat sich der <Zeitaufwand bishewr ja "gelohnt".
Noch was zur Veröffentlichung der Diagramme
dann den FEN-string dann am Schluss unmittelbar danach


Und zwar läst man z.B. beim folgenden String
rnbq1rk1/pp2bppp/4p3/2pn4/3P2P1/2N2N1P/PP2PPB1/R1BQK2R b KQ - 2 8
diesen Teil "b KQ - 2 8" weg!

Arcachon, 9/10, 21. Feb '16

Arcachon - 21. Feb '16
Hier folgt nur noch eine Zusammenfassung der weißen und schwarzen Möglichkeiten nach dem einzigen Alternativzug zum Traxlerzug Lc5 nämlch d5. Diagramm

r1bqkb1r/ppp2ppp/2n2n2/3pp1N1/2B1P3/8/PPPP1PPP/RNBQK2R

Arcachon, 10/10, 21. Feb '16

Arcachon - 21. Feb '16
Abschließender Kommentar

Der einzige Zug für Weiß ist hier natürlich 5.exd. Und jetzt gibt es für Schwarz nur:
5...Sa5 die Hauptvariante der Preußischen
5...Sd4 die berühmte Fritz-Variante
5...b5 die ebenso berühmte Ulvestad-Variante, die allerdings schnell in die Fritz-Variante übergehen kann.
Allen, die hier 5...Sxd5?? spielen wollen, sei gesagt, dass dies nach der weißen Rochade 0-0 eine verlorene schwarze Stellung ergibt und dies zwangsläufig (daher ohne Kommentar)!

Die Hauptvariante 5...Sa5 ergibt strategisch bestimmte Positionen nach der besten weißen Erwiderung 6.Lb5+ c6 7. dxc (jetzt haben wir ein waschechtes Gambit) bxc 8. Le2. Hier wurde auch schon 8.Df3 erprobt, doch mit dem besseren Ende für Schwarz in der Praxis. (Diagramm)

r1bqkb1r/p4ppp/2p2n2/n3p1N1/8/8/PPPPBPPP/RNBQK2R


Nach dem besten schwarzen Zug 8...h6 kann Weiß den Springer nach f3 oder gar nach h3 spielen. Die schwarze Stellung ist leichter zu spielen und dem Weißen stehen ein paar unangenehme Positionen bevor.

Nach 5...Sd4 kommen wir zur berühmten Fritz-Variante
(Diagramm)

r1bqkb1r/ppp2ppp/5n2/3Pp1N1/2Bn4/8/PPPP1PPP/RNBQK2R


Es gibt jetzt für den Weißen nur 6.c3 da der d4-Springer zu mächtig ist und auf jeden Fall vertrieben werden muss. Nach der besten Zugfolge 6...b5 (siehe Ulvestadvariante) 7.Lf1 ergibt sich folgende Stellung:
r1bqkb1r/p1p2ppp/5n2/1p1Pp1N1/3n4/2P5/PP1P1PPP/RNBQKB1R


und jetzt geht’s erst richtig los aber enden auch gleichzeitig meine Kommentare, da eine ausführliche Besprechung dieser Variante Wochen und Monate dauern würde und dazu fehlt mir leider die Zeit und außerdem werden 99 Prozent aller Schachspieler in ihrem Leben nie damit zu tun bekommen. Es sei denn man spielt ein TT wie hier.

Als einzige Empfehlung weise ich noch auf die folgenden schwarzen Erwiderungen (nach 7.Lf1) hin:

7...Sxd5
7...Sf5
7...h6

Alles andere dürfte mit ziemlicher Sicherheit verlieren.
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