Vabanque, 1/3, 14. Apr '25
Häufig wird eine Rochadestellung aufgerissen, wenn ein auf f6 (bei Weiß auf f3) stehender Springer durch einen zuvor auf g5 stehenden weißen (bzw. auf g4 stehenden schwarzen) Läufer geschlagen wird, und der g-Bauer zurückschlagen muss. Dies ist nicht in allen Fällen notwendigerweise ein Nachteil; es kommt immer auf die Stellung der angreifenden und verteidigenden Figuren an.
In vorliegender Partie wird Schwarz so eine Aufreißung seiner Rochadestellung erfahren, aber da er zugleich versäumt hat, den Damenflügel zu entwickeln, wird er den auf seinen Königsflügel zielenden weißen Figuren wenig entgegensetzen können.
Besonders bemerkenswert ist aber die feine, opferreiche Weise, wie der Weißspieler, der tunesische IM Slaheddine Hmadi (geb. 1950) diesen Umstand ausnutzt. Vom 16. Zug an ist fast jeder weiße Zug ein Keulenschlag!
(Thematisch verwandt ist übrigens die Partie Trapl-Plachetka /forum/thread/JrFfwyk6ITVw?sv=4 , woran man sieht, dass bestimmte typische Stellungsstrukturen bzw. Muster auch in unterschiedlichen Eröffnungen immer wieder auftauchen.)
[Event "It (cat.7), XII"]
[Site "Budapest (Hungary)"]
[Date "1995.12.??"]
[Round "7"]
[White "Hmadi, Slaheddine"]
[Black "Vadasz, Laszlo"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "2325"]
[BlackElo "2350"]
1. e4 c6 2. d4 d5 3. exd5 cxd5 4. c4 Nf6 5. Nc3 e6 {Diese so genannte
Panov-Variante im Caro-Kann ergibt Stellungsbilder, die mehr den
Damenbauern-Eröffnungen verwandt sind. } 6. Nf3 Bb4 7. Bd3 dxc4 8. Bxc4 {Nun
ist tatsächlich eine Position aus der Nimzowitsch-indischen Verteidigung
entstanden. Hier spielt Weiß typischerweise mit einem isolierten Damenbauern,
der die merkwürdige Eigenschaft hat, dass er immer dann schwach ist, wenn ich
selber ihn habe, sich aber als stark erweist, wenn mein Gegner ihn hat.} 8...
O-O 9. O-O b6 10. Qe2 Bb7 11. Rd1 Bxc3 {Zu diesem Tausch bestand eigentlich
noch keine Notwendigkeit. Der dunkelfeldrige Läufer wird Schwarz später
fehlen.} ( {Schwarz konnte einfach mit} 11... Nbd7 {die Entwicklung seines
Damenflügels beenden.} ) 12. bxc3 Qc7 13. Bd3 {Ein Bauernopfer, um den Läufer,
der auf c4 wenig ausrichtet, auf ein wirksameres Feld zu bringen. Weiß konnte
aber auch zuvor Ld2 oder Lb2 einschalten.} 13... Qxc3 {Schwarz schnappt zu, was
gefährlich, aber noch kein Fehler ist.} ( {Risikoloser war wiederum} 13...
Nbd7 {.} ) 14. Bg5 $6 ( {Besser} 14. Bb2 {, aber oft ist es ja so, dass gerade
schwächere Züge den Erfolg bringen, weil sie die größeren Probleme stellen und
daher der Gegner die richtige Antwort versäumt. So auch hier.} ) 14... Qa5 $2
{Offenbar fürchtet Schwarz Tac1 nebst Tc7 mehr als die Aufreißung seiner
Rochadestellung durch Lxf6; sehr zu Unrecht, wie die Folge beweist.} (14...
Nbd7 $1 {, um die erwähnte Aufreißung zu verhindern, war korrekt.} 15. Rac1 $6
Qa5 16. Rc7 $4 {wäre dann überhaupt nicht angängig gewesen wegen} 16... Bxf3
{mit Gewinn des Lg5.} ) 15. Bxf6 gxf6 {Der damit verbundenen Schwächung seiner
Rochadestellung hatte der Ungar wohl zu wenig Bedeutung beigemessen. Der
tunesische IM zieht nun in hübscher Weise Nutzen daraus.} 16. d5 $1 {Dieses
zweite Bauernopfer schneidet der schwarzen Dame den Weg zum Königsflügel ab.}
16... Bxd5 ( {Natürlich nicht} 16... Qxd5 $2 17. Bxh7+ {mit Damengewinn.} ) 17.
Ne5 $1 {Dieses in solchen Situationen typische Opfer macht der weißen Dame den
Weg nach h5 frei.} 17... f5 {Sperrt wenigstens die Diagonale des Ld3.} ( {Die
Annahme} 17... fxe5 $2 {verbietet sich wegen} 18. Bxh7+ Kxh7 {(die Ablehnung
verzögert nur)} 19. Qh5+ Kg7 20. Qg5+ Kh7 21. Rd3 {nebst Matt auf der h-Linie.}
) 18. Qh5 f6 $2 {Dieser naheliegende Versuch, den lästigen weißen Springer zu
vertreiben, beschleunigt die schwarze Niederlage, aber die Situation war in
jedem Fall prekär.} 19. Rac1 $1 {Wegen der Drohung Tc7 kann Weiß seinen
Springer erneut zum Opfer anbieten.} 19... b5 {Verhindert Tc7, aber nun zeigt
es sich, dass der weiße Turm noch eine weitere Drohung in petto hatte.} (19...
fxe5 $2 20. Rc7 {und Schwarz kann dem Matt auf h7 oder g7 nicht entgehen.} )
20. Rc8 $3 {Klasse! Wegen des gefesselten Tf8 droht Df7+. Der Zug funktioniert
natürlich nur, weil Schwarz es im 11., 13. und 14. Zug jeweils konsequent
versäumt hat, den Sb8 zu entwickeln. Nun fällt ihm die fehlende Verbindung der
Türme in eklatanter Weise vor die Füße.} 20... fxe5 {Führt zu einem schnellen,
aber pikanten Ende.} ( {Die kritische Variante ist} 20... Rxc8 21. Qf7+ Kh8
22. Qxf6+ Kg8 {(natürlich hätte Weiß jetzt Dauerschach, so dass Tc8 zumindest
ohne jedes Risiko spielbar war, aber es ist mehr drin:)} 23. Nf7 $1 {(droht
Sh6#)} 23... h5 24. Nh6+ Kh7 25. Nxf5 $1 {(droht Dg7# und legt die
Läuferdiagonale frei)} 25... exf5 26. Bxf5+ Kg8 27. Bxc8 {und Weiß wird bei dem
freigelegten schwarzen König mindestens noch weiteres Material erobern
(zunächst droht z.B. Dg5+ nebst Dxd5), z.B.} 27... Nd7 (27... Qxa2 $2 28. Be6+
$3 Bxe6 $2 29. Rd8+ {nebst Matt!} ) 28. Qg6+ Kf8 29. Qd6+ Kg7 30. Qxd5 {. Es
ist zwar kaum anzunehmen, dass Hmadi das bei 20. Tc8 schon alles gesehen hat;
aber er wird erkannt haben, dass die weißen Figuren gegen den vereinsamten
schwarzen König genügend Furore machen können.} ) 21. Qg5+ Kf7 22. Be2 $1
{Droht Lh5#, und es bringt Schwarz auch nichts, den Tc8 zu schlagen, weil dann
nämlich Läufer und Dame den schwarzen König allein zur Strecke bringen, man
sehe:} (22. Be2 $1 Rxc8 23. Bh5+ Kf8 24. Qf6+ Kg8 25. Bf7+ Kf8 26. Bg6+ Kg8
27. Qf7+ Kh8 28. Qxh7# {, und diese Standard-Mattführung haben natürlich beide
Spieler gesehen (Schwarz freilich zu spät). Ein spektakulärer Sieg des
tunesischen IM.} ) 1-0
In vorliegender Partie wird Schwarz so eine Aufreißung seiner Rochadestellung erfahren, aber da er zugleich versäumt hat, den Damenflügel zu entwickeln, wird er den auf seinen Königsflügel zielenden weißen Figuren wenig entgegensetzen können.
Besonders bemerkenswert ist aber die feine, opferreiche Weise, wie der Weißspieler, der tunesische IM Slaheddine Hmadi (geb. 1950) diesen Umstand ausnutzt. Vom 16. Zug an ist fast jeder weiße Zug ein Keulenschlag!
(Thematisch verwandt ist übrigens die Partie Trapl-Plachetka /forum/thread/JrFfwyk6ITVw?sv=4 , woran man sieht, dass bestimmte typische Stellungsstrukturen bzw. Muster auch in unterschiedlichen Eröffnungen immer wieder auftauchen.)
[Site "Budapest (Hungary)"]
[Date "1995.12.??"]
[Round "7"]
[White "Hmadi, Slaheddine"]
[Black "Vadasz, Laszlo"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "2325"]
[BlackElo "2350"]
1. e4 c6 2. d4 d5 3. exd5 cxd5 4. c4 Nf6 5. Nc3 e6 {Diese so genannte
Panov-Variante im Caro-Kann ergibt Stellungsbilder, die mehr den
Damenbauern-Eröffnungen verwandt sind. } 6. Nf3 Bb4 7. Bd3 dxc4 8. Bxc4 {Nun
ist tatsächlich eine Position aus der Nimzowitsch-indischen Verteidigung
entstanden. Hier spielt Weiß typischerweise mit einem isolierten Damenbauern,
der die merkwürdige Eigenschaft hat, dass er immer dann schwach ist, wenn ich
selber ihn habe, sich aber als stark erweist, wenn mein Gegner ihn hat.} 8...
O-O 9. O-O b6 10. Qe2 Bb7 11. Rd1 Bxc3 {Zu diesem Tausch bestand eigentlich
noch keine Notwendigkeit. Der dunkelfeldrige Läufer wird Schwarz später
fehlen.} ( {Schwarz konnte einfach mit} 11... Nbd7 {die Entwicklung seines
Damenflügels beenden.} ) 12. bxc3 Qc7 13. Bd3 {Ein Bauernopfer, um den Läufer,
der auf c4 wenig ausrichtet, auf ein wirksameres Feld zu bringen. Weiß konnte
aber auch zuvor Ld2 oder Lb2 einschalten.} 13... Qxc3 {Schwarz schnappt zu, was
gefährlich, aber noch kein Fehler ist.} ( {Risikoloser war wiederum} 13...
Nbd7 {.} ) 14. Bg5 $6 ( {Besser} 14. Bb2 {, aber oft ist es ja so, dass gerade
schwächere Züge den Erfolg bringen, weil sie die größeren Probleme stellen und
daher der Gegner die richtige Antwort versäumt. So auch hier.} ) 14... Qa5 $2
{Offenbar fürchtet Schwarz Tac1 nebst Tc7 mehr als die Aufreißung seiner
Rochadestellung durch Lxf6; sehr zu Unrecht, wie die Folge beweist.} (14...
Nbd7 $1 {, um die erwähnte Aufreißung zu verhindern, war korrekt.} 15. Rac1 $6
Qa5 16. Rc7 $4 {wäre dann überhaupt nicht angängig gewesen wegen} 16... Bxf3
{mit Gewinn des Lg5.} ) 15. Bxf6 gxf6 {Der damit verbundenen Schwächung seiner
Rochadestellung hatte der Ungar wohl zu wenig Bedeutung beigemessen. Der
tunesische IM zieht nun in hübscher Weise Nutzen daraus.} 16. d5 $1 {Dieses
zweite Bauernopfer schneidet der schwarzen Dame den Weg zum Königsflügel ab.}
16... Bxd5 ( {Natürlich nicht} 16... Qxd5 $2 17. Bxh7+ {mit Damengewinn.} ) 17.
Ne5 $1 {Dieses in solchen Situationen typische Opfer macht der weißen Dame den
Weg nach h5 frei.} 17... f5 {Sperrt wenigstens die Diagonale des Ld3.} ( {Die
Annahme} 17... fxe5 $2 {verbietet sich wegen} 18. Bxh7+ Kxh7 {(die Ablehnung
verzögert nur)} 19. Qh5+ Kg7 20. Qg5+ Kh7 21. Rd3 {nebst Matt auf der h-Linie.}
) 18. Qh5 f6 $2 {Dieser naheliegende Versuch, den lästigen weißen Springer zu
vertreiben, beschleunigt die schwarze Niederlage, aber die Situation war in
jedem Fall prekär.} 19. Rac1 $1 {Wegen der Drohung Tc7 kann Weiß seinen
Springer erneut zum Opfer anbieten.} 19... b5 {Verhindert Tc7, aber nun zeigt
es sich, dass der weiße Turm noch eine weitere Drohung in petto hatte.} (19...
fxe5 $2 20. Rc7 {und Schwarz kann dem Matt auf h7 oder g7 nicht entgehen.} )
20. Rc8 $3 {Klasse! Wegen des gefesselten Tf8 droht Df7+. Der Zug funktioniert
natürlich nur, weil Schwarz es im 11., 13. und 14. Zug jeweils konsequent
versäumt hat, den Sb8 zu entwickeln. Nun fällt ihm die fehlende Verbindung der
Türme in eklatanter Weise vor die Füße.} 20... fxe5 {Führt zu einem schnellen,
aber pikanten Ende.} ( {Die kritische Variante ist} 20... Rxc8 21. Qf7+ Kh8
22. Qxf6+ Kg8 {(natürlich hätte Weiß jetzt Dauerschach, so dass Tc8 zumindest
ohne jedes Risiko spielbar war, aber es ist mehr drin:)} 23. Nf7 $1 {(droht
Sh6#)} 23... h5 24. Nh6+ Kh7 25. Nxf5 $1 {(droht Dg7# und legt die
Läuferdiagonale frei)} 25... exf5 26. Bxf5+ Kg8 27. Bxc8 {und Weiß wird bei dem
freigelegten schwarzen König mindestens noch weiteres Material erobern
(zunächst droht z.B. Dg5+ nebst Dxd5), z.B.} 27... Nd7 (27... Qxa2 $2 28. Be6+
$3 Bxe6 $2 29. Rd8+ {nebst Matt!} ) 28. Qg6+ Kf8 29. Qd6+ Kg7 30. Qxd5 {. Es
ist zwar kaum anzunehmen, dass Hmadi das bei 20. Tc8 schon alles gesehen hat;
aber er wird erkannt haben, dass die weißen Figuren gegen den vereinsamten
schwarzen König genügend Furore machen können.} ) 21. Qg5+ Kf7 22. Be2 $1
{Droht Lh5#, und es bringt Schwarz auch nichts, den Tc8 zu schlagen, weil dann
nämlich Läufer und Dame den schwarzen König allein zur Strecke bringen, man
sehe:} (22. Be2 $1 Rxc8 23. Bh5+ Kf8 24. Qf6+ Kg8 25. Bf7+ Kf8 26. Bg6+ Kg8
27. Qf7+ Kh8 28. Qxh7# {, und diese Standard-Mattführung haben natürlich beide
Spieler gesehen (Schwarz freilich zu spät). Ein spektakulärer Sieg des
tunesischen IM.} ) 1-0