Vabanque, 1/13, 05. Jan '25
Dr. Robert Hübner, der größte deutsche Spieler seit Emanuel Lasker, ist heute, am 5.1.2025, leider verstorben.
Die folgende Partie hatte ich schon vor über 5 Jahren mal kommentiert, sie aber aus diversen Gründen nie gepostet.
Einer der Gründe waren die ungenauen Züge Hübners vom 37. bis 39. Zug, die entweder durch hochgradige Zeitnot oder evtl. auch durch eine fehlerhafte Partienotation zu erklären sind.
Die Partie wurde beim Interzonenturnier 1976 in Biel gespielt, Hübners Gegenspieler war der US-Amerikaner Kenneth Rogoff, der bereits wenige Jahre später Turnierschach zu Gunsten einer Laufbahn als Wirtschaftswissenschaftler aufgab.
Meine Kommentierung ist recht rudimentär geraten, aber ich poste sie aus gegebenem traurigen Anlass trotzdem, ohne sie noch einmal zu überarbeiten.
[Event "Biel Interzonal"]
[Site "Biel SUI"]
[Date "1976.07.17"]
[Round "6"]
[White "Robert Huebner"]
[Black "Kenneth S Rogoff"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "2585"]
[BlackElo "2480"]
[ECO "D76"]
1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. Nf3 Bg7 4. g3 O-O 5. Bg2 d5 6. cxd5 Nxd5 7. O-O Nb6 8.
Nc3 Nc6 9. e3 e5 10. d5 {Nur so kann Weiß auf irgendwelchen Vorteil hoffen.
Tausch auf e5 würde sofortigen Ausgleich bedeuten.} 10... Ne7 11. e4 Bg4 (
{Nach} 11... c6 $4 12. d6 {hätte der Se7 kein Rückzugsfeld. Der Textzug
verschafft ihm eines auf c8 und bereitet so c6 vor.} ) 12. a4 c6 13. a5 (
{Jetzt wäre nach} 13. d6 $2 Nec8 {der Spieß umgedreht; Weiß würde den kecken
Bauern verlieren.} ) 13... Nc4 ( {Unternehmender als} 13... Nbc8) 14. Qb3 $5
{Ein Bauernopfer, dessen Annahme unklare Folgen hätte. Schwarz zieht aber eine
Fortsetzung vor, die ihm Ausgleich verspricht.} 14... cxd5 (14... Nxa5 15. Qa2
$1 b6 16. b4 Nb7 17. Bg5) 15. Nxd5 (15. exd5 Nd6 $1 {mit schönem
Blockadespringer.} ) 15... Nxd5 16. Qxc4 (16. exd5 Nd6) 16... Ne7 {Bei der
symmetrischen Bauernstruktur hat Weiß allenfalls die hauchdünn besseren Chancen
durch sein aktiveres Figurenspiel. Die Partie verläuft jetzt auch bis zum 26.
Zug recht ausgeglichen und nicht sonderlich spannend. Dann aber setzen
ungeahnte Verwicklungen ein.} 17. Be3 Nc6 18. Qb5 (18. a6 $1) 18... Qc7 (18...
Qe7 $2 19. Bc5) 19. Rfc1 Rfc8 20. h3 Be6 21. Bf1 a6 22. Qa4 h6 23. Rc3 Qd7 24.
Rd1 Qe8 25. Bb6 Bf6 {Die folgende Überführung des Läufers zum anderen Flügel
ist geistreich, aber fragwürdig.} 26. Kg2 Bd8 27. Be3 $6 {Ein möglicherweise
unbeabsichtigtes Bauernopfer, das allerdings nur zeitweiliger Natur ist.} (27.
Bc4) 27... Bxa5 28. Rcc1 ( {Vielleicht hatte Hübner in der Vorausberechung
geglaubt, nun mit} 28. Rxc6 $2 {Material gewinnen zu können, sah jetzt aber,
dass nach der raffinierten Antwort} 28... Bc7 $1 {die Qualität verloren geht.}
) 28... Kg7 $6 {Schwarz musste h6 decken. Besser wäre er dazu aber nicht in die
lange Diagonale spaziert, wie die Folge zeigt.} 29. Nxe5 {Schon hat Weiß den
Bauern wieder.} 29... b5 (29... Nxe5 30. Qxa5 {, und jetzt zeigt es sich, dass
die Königsstellung auf g7 nicht günstig ist: der Se5 hängt mit Schach. Stünde
der K auf h7, hinge der Springer dagegen überhaupt nicht, da er durch Lxh3+
indirekt geschützt wäre.} ) 30. Qa1 $1 {Wieder eine verdeckte Aufstellung auf
der langen Diagonalen.} 30... Bxh3+ $2 {Scheinbar schlau ausgerechnet, verliert
der Zug die Partie.} (30... Nxe5 31. Qxa5 {und es sollte nicht viel
passieren.} ) 31. Kxh3 Qxe5 32. Rxc6 $1 {Der Zug, der scheinbar wegen der
schwarzen Antwort nicht geht.} 32... Qh5+ ( {Auf} 32... Rxc6 $2 {folgt} 33. Bd4
{mit Damengewinn, und erneut zeigt sich der Nachteil der Königsstellung auf
g7.} ) 33. Kg2 Rxc6 {Aber nun kann Weiß nicht auf a5 nehmen, weil der Td1
hängt; und so weit hatte Schwarz wohl bei 30... Lxh3+ alles durchgerechnet ...}
34. b4+ $1 {... und dabei diese andere Möglichkeit, doch den La5 zu gewinnen,
übersehen. Wieder steht und fällt alles mit der Königsstellung auf g7.
Spätestens jetzt wird Schwarz sich gewünscht haben, im 28. Zug den König nach
h7 gezogen zu haben.} 34... Kg8 35. bxa5 {Der materielle Vorteil von Weiß ist
mit 2 Läufern gegen Turm und Bauer sehr gering, aber der positionelle Vorteil
ist so groß, dass Hübner nun auf Gewinn steht. Td5 lässt sich schon mal nicht
verhindern.} 35... Re8 36. Rd5 Qg4 37. Qd4 $6 {Vermutlich war Hübner in starke
Zeitnot geraten, nur so sind die nächsten paar ungenauen Züge zu erklären. Es
ist schwer zu verstehen, warum er hier nicht den e-Bauern mit Ld3 oder f3
sichert und dies auch die nächsten Züge unterlässt. Eine andere Erklärung wäre,
dass die Partienotation evtl. nicht korrekt ist.} 37... h5 $2 ( {Natürlich
nicht} 37... Rxe4 $4 38. Rd8+ Kh7 39. Rh8#) ( {Aber mit dem Damentausch} 37...
Qxe4+ 38. Qxe4 Rxe4 39. Bxh6 {hätte Schwarz fürs erste überlebt, wenn das
Endspiel auf Dauer auch verloren sein dürfte. Vermutlich war auch Rogoff in
großer Zeitnot.} ) 38. Bh6 $2 {Wieder war Ld3 oder f3 das Gegebene.} 38... f6
$2 ( {Das Endspiel nach} 38... Qxe4+ 39. Qxe4 Rxe4 {ist immer noch gut für
Weiß, aber hier bleibt Schwarz sogar der h-Bauer} 40. Rd8+ Kh7 41. Be3 {und
Weiß hat den Plan, mit Ta8 und Lb6 den a-Bauern zu erobern.} ) 39. Rd7 $6
{Einfacher sofort} (39. Qa7 {mit Mattdrohung auf g7} ) 39... h4 (39... Rxe4
40. Rg7+) ( {Jetzt brächte der Übergang ins Endspiel allerdings nichts mehr:}
39... Qxe4+ 40. Qxe4 Rxe4 41. Bd3) 40. Qa7 {Zeitkontrolle geschafft!} 40...
Qxe4+ 41. Kg1 g5 {So deckt Schwarz noch h7, merkt aber sogleich, dass es ihm
nichts nützt und gibt auf. Wenigstens den nächsten Zug Hübners hätte er noch
abwarten sollen, obwohl fast jeder weiße Zug nun gewinnt ... aber nur fast.} (
41... g5 42. Rd8 $3 {wäre am schönsten gewesen. Weiß hätte aber noch verlieren
können mit} (42. Bd3 $4 Rc1+ 43. Bf1 (43. Kh2 Rh1#) 43... Rxf1+ 44. Kxf1 Qh1#
{und deswegen meinte ich, Rogoff hätte noch nicht aufgeben sollen. Freilich
ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Hübner nach überstandener Zeitnotphase in
diese Selbstschussanlage getreten wäre.} ) ) 1-0
Die folgende Partie hatte ich schon vor über 5 Jahren mal kommentiert, sie aber aus diversen Gründen nie gepostet.
Einer der Gründe waren die ungenauen Züge Hübners vom 37. bis 39. Zug, die entweder durch hochgradige Zeitnot oder evtl. auch durch eine fehlerhafte Partienotation zu erklären sind.
Die Partie wurde beim Interzonenturnier 1976 in Biel gespielt, Hübners Gegenspieler war der US-Amerikaner Kenneth Rogoff, der bereits wenige Jahre später Turnierschach zu Gunsten einer Laufbahn als Wirtschaftswissenschaftler aufgab.
Meine Kommentierung ist recht rudimentär geraten, aber ich poste sie aus gegebenem traurigen Anlass trotzdem, ohne sie noch einmal zu überarbeiten.
[Site "Biel SUI"]
[Date "1976.07.17"]
[Round "6"]
[White "Robert Huebner"]
[Black "Kenneth S Rogoff"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "2585"]
[BlackElo "2480"]
[ECO "D76"]
1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. Nf3 Bg7 4. g3 O-O 5. Bg2 d5 6. cxd5 Nxd5 7. O-O Nb6 8.
Nc3 Nc6 9. e3 e5 10. d5 {Nur so kann Weiß auf irgendwelchen Vorteil hoffen.
Tausch auf e5 würde sofortigen Ausgleich bedeuten.} 10... Ne7 11. e4 Bg4 (
{Nach} 11... c6 $4 12. d6 {hätte der Se7 kein Rückzugsfeld. Der Textzug
verschafft ihm eines auf c8 und bereitet so c6 vor.} ) 12. a4 c6 13. a5 (
{Jetzt wäre nach} 13. d6 $2 Nec8 {der Spieß umgedreht; Weiß würde den kecken
Bauern verlieren.} ) 13... Nc4 ( {Unternehmender als} 13... Nbc8) 14. Qb3 $5
{Ein Bauernopfer, dessen Annahme unklare Folgen hätte. Schwarz zieht aber eine
Fortsetzung vor, die ihm Ausgleich verspricht.} 14... cxd5 (14... Nxa5 15. Qa2
$1 b6 16. b4 Nb7 17. Bg5) 15. Nxd5 (15. exd5 Nd6 $1 {mit schönem
Blockadespringer.} ) 15... Nxd5 16. Qxc4 (16. exd5 Nd6) 16... Ne7 {Bei der
symmetrischen Bauernstruktur hat Weiß allenfalls die hauchdünn besseren Chancen
durch sein aktiveres Figurenspiel. Die Partie verläuft jetzt auch bis zum 26.
Zug recht ausgeglichen und nicht sonderlich spannend. Dann aber setzen
ungeahnte Verwicklungen ein.} 17. Be3 Nc6 18. Qb5 (18. a6 $1) 18... Qc7 (18...
Qe7 $2 19. Bc5) 19. Rfc1 Rfc8 20. h3 Be6 21. Bf1 a6 22. Qa4 h6 23. Rc3 Qd7 24.
Rd1 Qe8 25. Bb6 Bf6 {Die folgende Überführung des Läufers zum anderen Flügel
ist geistreich, aber fragwürdig.} 26. Kg2 Bd8 27. Be3 $6 {Ein möglicherweise
unbeabsichtigtes Bauernopfer, das allerdings nur zeitweiliger Natur ist.} (27.
Bc4) 27... Bxa5 28. Rcc1 ( {Vielleicht hatte Hübner in der Vorausberechung
geglaubt, nun mit} 28. Rxc6 $2 {Material gewinnen zu können, sah jetzt aber,
dass nach der raffinierten Antwort} 28... Bc7 $1 {die Qualität verloren geht.}
) 28... Kg7 $6 {Schwarz musste h6 decken. Besser wäre er dazu aber nicht in die
lange Diagonale spaziert, wie die Folge zeigt.} 29. Nxe5 {Schon hat Weiß den
Bauern wieder.} 29... b5 (29... Nxe5 30. Qxa5 {, und jetzt zeigt es sich, dass
die Königsstellung auf g7 nicht günstig ist: der Se5 hängt mit Schach. Stünde
der K auf h7, hinge der Springer dagegen überhaupt nicht, da er durch Lxh3+
indirekt geschützt wäre.} ) 30. Qa1 $1 {Wieder eine verdeckte Aufstellung auf
der langen Diagonalen.} 30... Bxh3+ $2 {Scheinbar schlau ausgerechnet, verliert
der Zug die Partie.} (30... Nxe5 31. Qxa5 {und es sollte nicht viel
passieren.} ) 31. Kxh3 Qxe5 32. Rxc6 $1 {Der Zug, der scheinbar wegen der
schwarzen Antwort nicht geht.} 32... Qh5+ ( {Auf} 32... Rxc6 $2 {folgt} 33. Bd4
{mit Damengewinn, und erneut zeigt sich der Nachteil der Königsstellung auf
g7.} ) 33. Kg2 Rxc6 {Aber nun kann Weiß nicht auf a5 nehmen, weil der Td1
hängt; und so weit hatte Schwarz wohl bei 30... Lxh3+ alles durchgerechnet ...}
34. b4+ $1 {... und dabei diese andere Möglichkeit, doch den La5 zu gewinnen,
übersehen. Wieder steht und fällt alles mit der Königsstellung auf g7.
Spätestens jetzt wird Schwarz sich gewünscht haben, im 28. Zug den König nach
h7 gezogen zu haben.} 34... Kg8 35. bxa5 {Der materielle Vorteil von Weiß ist
mit 2 Läufern gegen Turm und Bauer sehr gering, aber der positionelle Vorteil
ist so groß, dass Hübner nun auf Gewinn steht. Td5 lässt sich schon mal nicht
verhindern.} 35... Re8 36. Rd5 Qg4 37. Qd4 $6 {Vermutlich war Hübner in starke
Zeitnot geraten, nur so sind die nächsten paar ungenauen Züge zu erklären. Es
ist schwer zu verstehen, warum er hier nicht den e-Bauern mit Ld3 oder f3
sichert und dies auch die nächsten Züge unterlässt. Eine andere Erklärung wäre,
dass die Partienotation evtl. nicht korrekt ist.} 37... h5 $2 ( {Natürlich
nicht} 37... Rxe4 $4 38. Rd8+ Kh7 39. Rh8#) ( {Aber mit dem Damentausch} 37...
Qxe4+ 38. Qxe4 Rxe4 39. Bxh6 {hätte Schwarz fürs erste überlebt, wenn das
Endspiel auf Dauer auch verloren sein dürfte. Vermutlich war auch Rogoff in
großer Zeitnot.} ) 38. Bh6 $2 {Wieder war Ld3 oder f3 das Gegebene.} 38... f6
$2 ( {Das Endspiel nach} 38... Qxe4+ 39. Qxe4 Rxe4 {ist immer noch gut für
Weiß, aber hier bleibt Schwarz sogar der h-Bauer} 40. Rd8+ Kh7 41. Be3 {und
Weiß hat den Plan, mit Ta8 und Lb6 den a-Bauern zu erobern.} ) 39. Rd7 $6
{Einfacher sofort} (39. Qa7 {mit Mattdrohung auf g7} ) 39... h4 (39... Rxe4
40. Rg7+) ( {Jetzt brächte der Übergang ins Endspiel allerdings nichts mehr:}
39... Qxe4+ 40. Qxe4 Rxe4 41. Bd3) 40. Qa7 {Zeitkontrolle geschafft!} 40...
Qxe4+ 41. Kg1 g5 {So deckt Schwarz noch h7, merkt aber sogleich, dass es ihm
nichts nützt und gibt auf. Wenigstens den nächsten Zug Hübners hätte er noch
abwarten sollen, obwohl fast jeder weiße Zug nun gewinnt ... aber nur fast.} (
41... g5 42. Rd8 $3 {wäre am schönsten gewesen. Weiß hätte aber noch verlieren
können mit} (42. Bd3 $4 Rc1+ 43. Bf1 (43. Kh2 Rh1#) 43... Rxf1+ 44. Kxf1 Qh1#
{und deswegen meinte ich, Rogoff hätte noch nicht aufgeben sollen. Freilich
ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Hübner nach überstandener Zeitnotphase in
diese Selbstschussanlage getreten wäre.} ) ) 1-0