Ich bin sicher, dass längst betrogen wird! Vielleicht kommt das Buch ja zu einem ähnlichen Schluss.
Hier die Wiederholung eines Forumsbeitrages von mir aus dem JHänner 2025:
Vorgeschichte
vor knapp 20 Jahren ergab sich am Rande eines Turniers zwischen Werner Stubenvoll, anderen Spieler_innen und mir ein Gespräch über die Möglichkeit zum Betrug im Tournierschach. Für ihn war das ein bedeutendes Thema, war er doch selbst als Schiedsrichter bei tournieren tätig. Für mich war es ein eher akademisches Thema, weil ich einerseits mit Software zu tun habe und andererseits Computer seinerzeit bereits seit mehreren Jahren in der Lage waren, Schachgroßmeister unter tournierbedingungen zu besiegen.
Somit lag für mich klar auf der Hand, dass die Möglichkeit zum Betrug in jedem Falle gegeben ist; dass Betrug also nicht dadurch ausgeschlossen werden kann, dass Versuche unternommen werden, die betrugswillige Spieler_in am Austausch von Informationen zu hindern.
Zahlenspiele
Zugmöglichkeiten
Zu keinem Zeitpunkt verfügt ein Spieler über mehr als 16 Figuren und keine Figur hat zu einem gegebenen Zeitpunkt mehr als 27 Zugmöglichkeiten. die jeweiligen Zugmöglichkeiten einer Figur lassen sich sortieren . Um einen Zug also eindeutig anzugeben, genügt eine Zahl zwischen 1 und 16 und eine weitere Zahl zwischen 1 und 27.
für den geneigten Hacker liegt damit auf der Hand, dass es maximal 4 Bit (also Ja/Nein-Informationen) braucht, um die Figur zu identifizieren, die gezogen werden soll und maximal weitere 5 Bit um das Zielfeld zu bestimmen. Das sind also 9 Ja/Nein-Informationen und unbeschadet der Tatsache, dass es ganz sicher noch bessere Notationen gäbe, die mit weniger Bits auskommen würden, wollen wir mit diesen 9 Bit einmal rechnen.
Bedenkzeit
In den wirklich interessanten Phasen einer Partie sind Bedenkzeiten von mehreren Minuten mehr als üblich; Nur um eine Zahl zu haben, nehmen wir Mal 5 Minuten an.
Es ist zum Zeitpunkt, da ich dies schreibe, ungefähr 25 Jahre her, dass zuerst ein Computer einen amtierenden Schachweltmeister unter tournierbedingungen geschlagen hat. Nehmen wir sehr konservativ an, dass sich die Leistungsfähigkeit von Computern alle fünf Jahre verdoppelt, so hat sie sich seit dem 11.05.1997, als Deep Blue Garri Kasparow schlug, 5 Mal verdoppelt also um den Faktor 32 Gesteigert. Benötigte seinerzeit der Rechner also noch 5 Minuten, um einen Zug zu berechnen, der besser war, als der des Menschen, so kann er das heute in unter 10 Sekunden.
Ergebnis
Vorausgesetzt, dass der Computer den Zug der Gegenspieler_in zum selben Zeitpunkt erhält, wie der Schummler, so bleiben fast 5 Minuten Zeit, um die oben ermittelten 9 Bit zu übertragen.
Auch hier großzügig gerundet, macht das also 30 Sekunden pro Bit.
Übertragungswege
Jetzt ist ein Bit natürlich eine recht abstrakte und technische Größe und jede denkt zunächst an hoch komplizierte Übertragungsmöglichkeiten. Das muss bei dieser geringen Informationsdichte aber überhaupt nicht sein!
Von draußen
Hier nur eine sehr kurze Liste von Dingen, die ein Bit darstellen können:
- Eine Person räuspert sich 1 oder 2 Mal.
- Ein Hubschrauber fliegt über den Tournierort oder nicht.
- Das Licht wird heller oder dunkler.
- Das Aufnahmelicht einer Kamera geht an oder aus.
- Die Schiedsrichterin greift sich an die Brille oder nicht.
Diese Liste ließe sich fast bis ins unendliche Fortsetzen und sicher würde jeder einzelne Übertragungsweg auf die eine oder andere Weise zu unterbinden sein, aber nur mit sehr hohem Aufwand alle zugleich. Und selbst dann, wenn der finanzielle Aufwand keine rolle spielte, so könnten doch immer nur die bereits bekannten Wege gesperrt werden und es ergäbe sich eine Art informationelles Wettrüsten.
Von drinnen
Bei der Festlegung, dass ein Zug erst dann den eigentlichen Spielbereich verlässt, wenn die Gegenspieler_in bereits geantwortet hat, würde sich die Übertragung natürlich deutlich verkomplizieren. Schließlich müsste die Information den Spielort ja ebenso geheim verlassen, wie oben nur für das erreichen des Spielortes angenommen. Und auch wenn es dafür deutlich weniger Möglichkeiten gibt, weil ein betrugswilliger Spieler ja kaum einen Hubschrauber aufsteigen lassen kann, so ergibt sich daraus kein grundsätzlicher Unterschied, sondern lediglich eine geringere Wahrscheinlichkeit.
Und nachträglich?
Es gibt schon eine ganze Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein bestimmter Zug von einem Menschen oder einem Schachprogramm gemacht wurde und wenn ich mit meinem bescheidenen Fähigkeiten plötzlich gegen einen Magnus Karlsson etwas Anderes als eine jämmerliche Figur machen würde, so würde die Gesamtwahrscheinlichkeit dafür, dass ich ohne Computer-Unterstützung gespielt habe, so nahe bei 0 liegen, dass Mensch es als unmöglich ansehen kann.
Jetzt ist aber jemand, der einen solchen Spieler ernsthaft herausfordert in aller Regel auch ganz ohne Computer-Unterstützung ein veritabler Spieler. Schließlich muss er ja auch erst einmal dort hin kommen, wo sich ein erheblicher Aufwand fürs Schummeln lohnt. Seine Wahrscheinlichkeit, dass er diese oder jene Partie ohne Computer gespielt hat, wäre also wesentlich höher als bei mir. Zumal deshalb, weil wir uns ja auch in einem Zeitalter befinden, da Computer echte Trainingspartner darstellen und sich die Spielweise von Menschen dadurch der von Computern zwangsläufig annähert.
Das traurige Ende
Früher oder später werden wir eine Weltmeister_in haben, die zwar eine gute Spieler_in ist, aber letztlich doch nur eine Marionette eines Computers und wir werden das vielleicht noch nicht einmal herausfinden.
Und ich?
Ich persönlich bin froh, dass ich hier auf CM, wo ich neidvoll Richtung Rang 8 schiele, kaum in den Verdacht geraten werde, mich von einem Blechdeppen beraten zu lassen. Auch dürfte ich kaum in den Fokus eines solchermaßen beratenen Punktegeiers geraten. Außer vielleicht das eine oder andere Mal per Zufall. Das kostet dann eben mal 10, 15 oder 20 Punkte; die kriege ich locker wieder rein, wenn ich dann wieder gegen ebenbürtige Bio-Patzer spiele.
Ich bin der Überzeugung, dass Mensch es merkt, wenn er gegen einen Computer spielt und zum Glück brauche ich für den Klick auf den Ignorieren-Button keine Beweise.
Und bei Turnieren?
Verlasse ich mich auf den Spielleiter, weil beim Auslosen oder Tabelle Erstellen kann ich ihr ja auch nicht über die Schulter schauen.
Insofern finde ich die Regeln hier gut, so wie sie sind.