Vabanque, 1/16, 16. Dec '24
Da die erste Folge der Reihe tatsächlich einigen beifälligen Widerhall gefunden hat, bringe ich hier nun ein zweites Beispiel. Dieses ist viel älter als das vorige, und auch weniger kompliziert. Der Partieverlauf bis zum 16. Zug ist zwar durchaus interessant und originell, aber ihren ästhetischen Wert bekommt die Partie nur durch die spektakuläre Remiskombination, die Schwarz danach anbringt.
Die Partie wurde 1958 in der Meisterschaft des 'Burevestnik'-Clubs gespielt. Da dies ein Hochschul-Sportverein war, und der Schwarzspieler (ein späterer FIDE-Meister) 1934 geboren ist, der Weißspieler 1922, kann man annehmen, dass hier ein Student gegen einen Dozenten spielte.
Tipp: Für den 'schnellen Kick' reicht es, die Partie ab dem 16. Zug nachzuspielen😊
[Event "'Burevestnik' Club Ch"]
[Site "USSR"]
[Date "1958.??.??"]
[Round "?"]
[White "Iosif Davidovich Berezin"]
[Black "Nikolay Zhuravlev"]
[Result "1/2-1/2"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "D07"]
1. Nf3 Nc6 2. d4 d5 3. c4 Bg4 {Die Tschigorin-Verteidigung des Damengambits,
die eigentlich nicht als besonders günstig gilt, aber dennoch immer mal wieder
von großen Meistern aufgegriffen wurde, zuletzt von Morozevich.} 4. cxd5 Bxf3
{Die Kardinalfrage in dieser Variante ist, ob dieser Tausch, der das schwarze Läuferpaar
aufgibt, nun durch die Zersplitterung der Bauern den weißen Königflügel
schwächt, oder eher doch das weiße Zentrum stärkt.} 5. gxf3 Qxd5 6. e3 e6
{Häufiger wird hier das energischere e5 gespielt.} 7. Nc3 Qh5 8. f4
{Damentausch käme Weiß bei seinem Läuferpaar und dem starken Bauernzentrum
gelegen. Vor allem wäre dann die durch die Aufreißung des weißen Königsflügel
potenziell bestehende Gefahr beseitigt.} 8... Qh4 {Deswegen weicht Schwarz dem
Damentausch aus und versucht die durch die Verdoppelung des f-Bauern
entstandenen Felderschwächen auszunutzen. Frühes Spiel mit der Dame gilt ja in
der Regel nicht als empfehlenswert, aber wie will Weiß die schwarze Dame denn
von diesem vorgeschobenen Posten vertreiben?} 9. Bg2 Nge7 {Schwarz will lang
rochieren und sich daher nicht den Damenflügel durch Lxc6+ zersplittern lassen;
außerdem kommt er so dem möglichen doppelten Angriff auf c6 durch Da4 schon
einmal zuvor.} 10. Bd2 O-O-O 11. Rc1 {Sicherer wäre es natürlich gewesen, De2
oder Df3 (um vorerst den Bauern f2 zu decken) nebst langer Rochade zu spielen.}
11... g5 {Nach diesem schwarzen Zug wird Weiß nämlich auch nicht mehr kurz
rochieren können, und sein König wird für den Rest des Spiels in der Mitte
verbleiben müssen.} 12. fxg5 Qxg5 {In die nun vollends geöffnete g-Linie
hineinzurochieren, käme schachlichem Suizid gleich.} 13. Bf3 Rg8 14. Ne4 {So aber ist
Weiß erstmal wieder am Drücker. Der schwarze Zug g5 hat Weiß indirekt dieses
Tempo verschafft.} 14... Qg6 15. Nc5 Nd5 {Ein zentralisiertes Pferd ist immer
ein nützliches Haustier. Aber vielleicht hatte Schwarz hier tatsächlich schon
die folgende Wendung im Auge.} 16. Qb3 {Weiß scheint nun doch sehr drohend zu
stehen, aber Schwarz könnte den Sc5 einfach mit Lxc5 wegtauschen. Er hatte aber
wahrscheinlich ein schlechtes Gefühl, mit zwei Springern gegen zwei Läufer
spielen zu müssen (zumindest ich hätte das). Und da hat er tatsächlich eine
ziemlich spektakuläre (wenn auch nicht besonders schwierig zu sehende und
durchzurechnende) Remiskombination entdeckt, die mich dazu bewogen hat, die
Partie in die Reihe aufzunehmen.} 16... Qg1+ {Ein Knaller, der natürlich
sorgfältig berechnet werden musste.} (16... Nb6 $4 {wäre wegen} 17. Nxb7 Kxb7
18. Rxc6 {jedenfalls keine Alternative.} ) ( {Nach dem erwähnten} 16... Bxc5
17. Rxc5 {ist die Lage relativ unklar mit beiderseitigen Chancen.} ) 17. Rxg1
Rxg1+ 18. Ke2 Nf4+ $1 {Der weiße e-Bauer wird von der Deckung von d4 forciert
weggelenkt.} 19. exf4 Nxd4+ 20. Ke3 (20. Kd3 $4 Nxb3+ 21. Kc3 (21. Kc2 Rxd2+
22. Kxb3 Rxc1) 21... Nxc1 {ginge für Weiß materiell desatrös aus.} ) 20... Nf5+
{Statt dessen aber bloß nicht die weiße Dame nehmen, Weiß bliebe materiell im
Vorteil!} (20... Nxb3? 21. Nxb3 {mit 2 Leichtfiguren für einen Turm.} ) 21.
Ke2 ( {Lustig wäre} 21. Ke4 $4 {(mit so einer Zentralisierung des Königs sollte man halt
doch lieber bis zum Endspiel warten!)} 21... Rd4+ 22. Ke5 Bg7# {.} ) 21... Nd4+
{Und somit bleibt beiden Partnern nur der Shuttle-Service. Diesem kann keiner ohne
Nachteil ausweichen.} 22. Ke3 Nf5+ 23. Ke2 Nd4+ 1/2-1/2
Die Partie wurde 1958 in der Meisterschaft des 'Burevestnik'-Clubs gespielt. Da dies ein Hochschul-Sportverein war, und der Schwarzspieler (ein späterer FIDE-Meister) 1934 geboren ist, der Weißspieler 1922, kann man annehmen, dass hier ein Student gegen einen Dozenten spielte.
Tipp: Für den 'schnellen Kick' reicht es, die Partie ab dem 16. Zug nachzuspielen😊
[Site "USSR"]
[Date "1958.??.??"]
[Round "?"]
[White "Iosif Davidovich Berezin"]
[Black "Nikolay Zhuravlev"]
[Result "1/2-1/2"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "D07"]
1. Nf3 Nc6 2. d4 d5 3. c4 Bg4 {Die Tschigorin-Verteidigung des Damengambits,
die eigentlich nicht als besonders günstig gilt, aber dennoch immer mal wieder
von großen Meistern aufgegriffen wurde, zuletzt von Morozevich.} 4. cxd5 Bxf3
{Die Kardinalfrage in dieser Variante ist, ob dieser Tausch, der das schwarze Läuferpaar
aufgibt, nun durch die Zersplitterung der Bauern den weißen Königflügel
schwächt, oder eher doch das weiße Zentrum stärkt.} 5. gxf3 Qxd5 6. e3 e6
{Häufiger wird hier das energischere e5 gespielt.} 7. Nc3 Qh5 8. f4
{Damentausch käme Weiß bei seinem Läuferpaar und dem starken Bauernzentrum
gelegen. Vor allem wäre dann die durch die Aufreißung des weißen Königsflügel
potenziell bestehende Gefahr beseitigt.} 8... Qh4 {Deswegen weicht Schwarz dem
Damentausch aus und versucht die durch die Verdoppelung des f-Bauern
entstandenen Felderschwächen auszunutzen. Frühes Spiel mit der Dame gilt ja in
der Regel nicht als empfehlenswert, aber wie will Weiß die schwarze Dame denn
von diesem vorgeschobenen Posten vertreiben?} 9. Bg2 Nge7 {Schwarz will lang
rochieren und sich daher nicht den Damenflügel durch Lxc6+ zersplittern lassen;
außerdem kommt er so dem möglichen doppelten Angriff auf c6 durch Da4 schon
einmal zuvor.} 10. Bd2 O-O-O 11. Rc1 {Sicherer wäre es natürlich gewesen, De2
oder Df3 (um vorerst den Bauern f2 zu decken) nebst langer Rochade zu spielen.}
11... g5 {Nach diesem schwarzen Zug wird Weiß nämlich auch nicht mehr kurz
rochieren können, und sein König wird für den Rest des Spiels in der Mitte
verbleiben müssen.} 12. fxg5 Qxg5 {In die nun vollends geöffnete g-Linie
hineinzurochieren, käme schachlichem Suizid gleich.} 13. Bf3 Rg8 14. Ne4 {So aber ist
Weiß erstmal wieder am Drücker. Der schwarze Zug g5 hat Weiß indirekt dieses
Tempo verschafft.} 14... Qg6 15. Nc5 Nd5 {Ein zentralisiertes Pferd ist immer
ein nützliches Haustier. Aber vielleicht hatte Schwarz hier tatsächlich schon
die folgende Wendung im Auge.} 16. Qb3 {Weiß scheint nun doch sehr drohend zu
stehen, aber Schwarz könnte den Sc5 einfach mit Lxc5 wegtauschen. Er hatte aber
wahrscheinlich ein schlechtes Gefühl, mit zwei Springern gegen zwei Läufer
spielen zu müssen (zumindest ich hätte das). Und da hat er tatsächlich eine
ziemlich spektakuläre (wenn auch nicht besonders schwierig zu sehende und
durchzurechnende) Remiskombination entdeckt, die mich dazu bewogen hat, die
Partie in die Reihe aufzunehmen.} 16... Qg1+ {Ein Knaller, der natürlich
sorgfältig berechnet werden musste.} (16... Nb6 $4 {wäre wegen} 17. Nxb7 Kxb7
18. Rxc6 {jedenfalls keine Alternative.} ) ( {Nach dem erwähnten} 16... Bxc5
17. Rxc5 {ist die Lage relativ unklar mit beiderseitigen Chancen.} ) 17. Rxg1
Rxg1+ 18. Ke2 Nf4+ $1 {Der weiße e-Bauer wird von der Deckung von d4 forciert
weggelenkt.} 19. exf4 Nxd4+ 20. Ke3 (20. Kd3 $4 Nxb3+ 21. Kc3 (21. Kc2 Rxd2+
22. Kxb3 Rxc1) 21... Nxc1 {ginge für Weiß materiell desatrös aus.} ) 20... Nf5+
{Statt dessen aber bloß nicht die weiße Dame nehmen, Weiß bliebe materiell im
Vorteil!} (20... Nxb3? 21. Nxb3 {mit 2 Leichtfiguren für einen Turm.} ) 21.
Ke2 ( {Lustig wäre} 21. Ke4 $4 {(mit so einer Zentralisierung des Königs sollte man halt
doch lieber bis zum Endspiel warten!)} 21... Rd4+ 22. Ke5 Bg7# {.} ) 21... Nd4+
{Und somit bleibt beiden Partnern nur der Shuttle-Service. Diesem kann keiner ohne
Nachteil ausweichen.} 22. Ke3 Nf5+ 23. Ke2 Nd4+ 1/2-1/2