Vabanque, 1/27, 14. Dec '24
In letzter Zeit ist im Forum teils mit recht heftigen Worten gegen Remispartien, ja sogar gegen das Remis als solches gewettert worden. Sicherlich, wenn ein Remis dadurch zustande kommt, dass die Spieler überhaupt nicht kampfbereit sind, sondern einfach nur einen halben Punkt machen wollen, dann sind diese Partien für den Zuschauer, Nachspielenden und für die Nachwelt ohne jeden Wert, und eigentlich ein Ärgernis für den wahren Liebhaber unseres schönen Spiels.
Wenn aber ein Remis im Gegenteil dadurch zustande kommt, dass die Kontrahenten beide lange Zeit bis aufs Messer gekämpft haben, schließlich aber eine Situation entstand, wo keiner von beiden mehr ohne Nachteil einer Zugwiederholung oder der kompletten Verflachung ausweichen konnte, dann gebührt beiden in gleichem Maße die Ehre, und der jeweilige halbe Punkt ist wohlverdient.
Ich habe eine Reihe interessanter bis sogar teils spektakulärer Remispartien herausgesucht und werde sie nun nach und nach vorstellen. Die Kommentare habe ich so gehalten, dass ich möglichst wenig konkrete Varianten einbezogen und mehr auf verbale Erklärung der Züge und Pläne gesetzt habe. Ich hoffe, dass auf diese Weise einige Schachfreunde die Partien mit Genuss nachspielen werden.
Die erste Partie, die ich in dieser Reihe bringen möchte, wurde 1994 in Philadelphia beim 22. World Open gespielt. In Runde 6 standen sich der israelische (gebürtig russische) GM Leonid Yudasin und der mittlerweile recht bekannte holländische GM Loek van Wely gegenüber. Der Israeli schien mit Weiß den mit Schwarz agierenden Holländer ziemlich schnell an die Wand zu spielen, aber er hatte einige schlaue Verteidigungszüge des damals erst 22jährigen Niederländers nicht einkalkuliert ...
[Event "22nd World Open"]
[Site "Philadelphia, PA USA"]
[Date "1994.07.??"]
[Round "6"]
[White "Leonid Yudasin"]
[Black "Loek van Wely"]
[Result "1/2-1/2"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "B90"]
1. e4 c5 2. Nf3 d6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 Nf6 5. Nc3 a6 6. a4 e6 7. Be2 Nc6 8. O-O
Be7 9. Be3 O-O {Bisher handelt es sich auf beiden Seiten um eine
Standardaufstellung in Sizilianisch.} 10. Kh1 {Dieser Zug hat sich in
Stellungen dieser Art häufig als nützlich erwiesen, vor allem geht Weiß damit
späteren Gefahren auf der Diagonalen a7-g1 prophylaktisch aus dem Weg.} 10...
Qc7 11. Qd2 Bd7 12. f4 Rfe8 13. Bd3 {Sicher ist dies kein Standardzug mehr. Ob
der Läufer hier mehr leistet als auf e2? Gewiss, er zielt nun verdeckt nach h7,
aber dazu müsste Weiß erst einmal e4-e5 durchsetzen. Zudem lässt Weiß dem
Schwarzen jetzt die Wahl, ob er mit Sb4 auf Abtausch des Ld3 oder aber mit Sg4
auf den Abtausch des Le3 spielen will, da das Feld g4 nun betretbar geworden
ist.} 13... Ng4 14. Bg1 {Damit zeigt sich ein weiterer Nutzen von Kh1.} 14...
Nxd4 {Mit diesem und dem folgenden Zug spielt Schwarz darauf, seine etwas
beengte Stellung durch Abtausch zu entlasten und mehr Platz für seine Figuren
zu schaffen.} 15. Bxd4 Bf6 16. Bxf6 Nxf6 17. Rae1 {Nun steht Weiß aber
tatsächlich bereit, mit e4-e5 seinem Ld3 Wirksamkeit zu verschaffen.} 17... e5
$6 {Deshalb stellt sich Schwarz dem Vorstoß des weißen e-Bauern sofort
entgegen, aber die Folgen dieses logisch erscheinenden Zuges sind alles andere
als angenehm für Schwarz, da Weiß erstens gleich die f-Linie öffnen kann und
Schwarz zweitens nun das Feld d5 nicht mehr fest genug im Griff hat, wie sich
schnell zeigen wird.} 18. fxe5 Rxe5 {Schlägt Schwarz mit dem Bauern zurück,
kommt das folgende Qualitätsopfer ebenso und ist sogar noch stärker.} 19. Rxf6
$1 {Beseitigt einen Verteidiger des schwarzen Königsflügels und ermöglicht vor
allem dem weißen Springer, sofort mit Tempogewinn nach d5 zu hüpfen.} 19...
gxf6 20. Nd5 Qd8 {Die Lage ist für Schwarz schon recht kritisch geworden.} (
{Das Rückopfer der Qualität} 20... Rxd5 21. exd5 {würde nicht helfen, alle
verbleibenden weißen Figuren stünden dann schon einsatzbereit für den Angriff
gegen die aufgerissene schwarze Königsstellung.} ) 21. Qh6 $6 {Plausibel, aber
ungenau. Sehr wahrscheinlich dachte der israelische GM, den Holländer nun
bereits im Sack zu haben. Schließlich droht ja Sxf6+ mit sofortigem Gewinn
(Matt auf h7 oder Damenverlust), und nach dem Deckungszug Te6 würde der Te1
entscheidend eingreifen, während Txd5 hier noch weniger helfen würde wie im
vorigen Zug. Hätte Weiß die ebenso schlaue wie einfache Antwort gesehen, hätte
er wohl zuerst Tf1 gespielt.} 21... Bf5 $1 {Diese Verteidigung hat der Israeli
vermutlich übersehen. Der weiße e-Bauer ist ja gefesselt (exf5?? Txe1+ nebst
Matt), und so gelingt es Schwarz, den Läufer zur Verteidigung von h7
einzusetzen. Weiß kann zwar immer noch auf f6 schlagen, und behält Angriff,
aber es wird schwieriger, einen klaren Erfolg zu erreichen.} ( {Nach} 21...
Re6 $2 22. Re3 {mit den Drohungen Tg3 und Th3 würde der weiße Angriff schnell
übermächtig.} ) 22. Nxf6+ Kh8 23. Rf1 Bg6 24. h4 $1 {Dieser Zug mit der Drohung
h5 sieht nun wieder sehr gefährlich aus für Schwarz.} 24... Re6 {Aber durch
diesen Angriff auf f6 kommt Weiß nicht zu h5.} 25. Qg5 $6 {Danach kann Schwarz
das Remis quasi erzwingen.} ( {Die letzte Chance für Weiß, weiter auf Gewinn
zu spielen, bestand in} 25. Qf4 {(droht wieder h5)} 25... Kg7 26. Nd5) (
{Dagegen wäre sofortiges} 25. Nd5 $6 {fruchtlos wegen} 25... f5 $1 {(sieht wie
ein Fehler aus, beruht aber auf dem verdeckten Angriff des Te6 auf die Dh6)}
26. exf5 $2 (26. Nf4 $1 Rf6 27. Nd5 {ergibt noch Remis durch erzwungene
Zugwiederholung} ) 26... Bxf5 {und das Blatt hat sich gewendet.} ) 25... Kg7
{Nun geht Sd5 nicht wegen Damentausch nebst Te5 mit Eroberung des Bg5 und sehr
günstigem Endspiel für Schwarz.} 26. Nh5+ Kh8 $1 {Das beste Feld. Auf Kg8
bliebe der Lg6 gefesselt, so dass Weiß den Angriff mit Dg4 aufrecht erhalten
könnte, während Kf8 verlieren würde wegen Dh6+ nebst Sf4 und h5.} 27. Nf6 {Weiß
wiederholt die Züge. Damentausch nebst Sf4 ist wahrscheinlich auch Remis.}
27... Kg7 28. Nh5+ {Remis durch Zugwiederholung. Ein aufregender Kampf, der auf
Messers Schneide stand und für van Wely gerade noch einmal gut ging.} 1/2-1/2
Wenn aber ein Remis im Gegenteil dadurch zustande kommt, dass die Kontrahenten beide lange Zeit bis aufs Messer gekämpft haben, schließlich aber eine Situation entstand, wo keiner von beiden mehr ohne Nachteil einer Zugwiederholung oder der kompletten Verflachung ausweichen konnte, dann gebührt beiden in gleichem Maße die Ehre, und der jeweilige halbe Punkt ist wohlverdient.
Ich habe eine Reihe interessanter bis sogar teils spektakulärer Remispartien herausgesucht und werde sie nun nach und nach vorstellen. Die Kommentare habe ich so gehalten, dass ich möglichst wenig konkrete Varianten einbezogen und mehr auf verbale Erklärung der Züge und Pläne gesetzt habe. Ich hoffe, dass auf diese Weise einige Schachfreunde die Partien mit Genuss nachspielen werden.
Die erste Partie, die ich in dieser Reihe bringen möchte, wurde 1994 in Philadelphia beim 22. World Open gespielt. In Runde 6 standen sich der israelische (gebürtig russische) GM Leonid Yudasin und der mittlerweile recht bekannte holländische GM Loek van Wely gegenüber. Der Israeli schien mit Weiß den mit Schwarz agierenden Holländer ziemlich schnell an die Wand zu spielen, aber er hatte einige schlaue Verteidigungszüge des damals erst 22jährigen Niederländers nicht einkalkuliert ...
[Site "Philadelphia, PA USA"]
[Date "1994.07.??"]
[Round "6"]
[White "Leonid Yudasin"]
[Black "Loek van Wely"]
[Result "1/2-1/2"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "B90"]
1. e4 c5 2. Nf3 d6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 Nf6 5. Nc3 a6 6. a4 e6 7. Be2 Nc6 8. O-O
Be7 9. Be3 O-O {Bisher handelt es sich auf beiden Seiten um eine
Standardaufstellung in Sizilianisch.} 10. Kh1 {Dieser Zug hat sich in
Stellungen dieser Art häufig als nützlich erwiesen, vor allem geht Weiß damit
späteren Gefahren auf der Diagonalen a7-g1 prophylaktisch aus dem Weg.} 10...
Qc7 11. Qd2 Bd7 12. f4 Rfe8 13. Bd3 {Sicher ist dies kein Standardzug mehr. Ob
der Läufer hier mehr leistet als auf e2? Gewiss, er zielt nun verdeckt nach h7,
aber dazu müsste Weiß erst einmal e4-e5 durchsetzen. Zudem lässt Weiß dem
Schwarzen jetzt die Wahl, ob er mit Sb4 auf Abtausch des Ld3 oder aber mit Sg4
auf den Abtausch des Le3 spielen will, da das Feld g4 nun betretbar geworden
ist.} 13... Ng4 14. Bg1 {Damit zeigt sich ein weiterer Nutzen von Kh1.} 14...
Nxd4 {Mit diesem und dem folgenden Zug spielt Schwarz darauf, seine etwas
beengte Stellung durch Abtausch zu entlasten und mehr Platz für seine Figuren
zu schaffen.} 15. Bxd4 Bf6 16. Bxf6 Nxf6 17. Rae1 {Nun steht Weiß aber
tatsächlich bereit, mit e4-e5 seinem Ld3 Wirksamkeit zu verschaffen.} 17... e5
$6 {Deshalb stellt sich Schwarz dem Vorstoß des weißen e-Bauern sofort
entgegen, aber die Folgen dieses logisch erscheinenden Zuges sind alles andere
als angenehm für Schwarz, da Weiß erstens gleich die f-Linie öffnen kann und
Schwarz zweitens nun das Feld d5 nicht mehr fest genug im Griff hat, wie sich
schnell zeigen wird.} 18. fxe5 Rxe5 {Schlägt Schwarz mit dem Bauern zurück,
kommt das folgende Qualitätsopfer ebenso und ist sogar noch stärker.} 19. Rxf6
$1 {Beseitigt einen Verteidiger des schwarzen Königsflügels und ermöglicht vor
allem dem weißen Springer, sofort mit Tempogewinn nach d5 zu hüpfen.} 19...
gxf6 20. Nd5 Qd8 {Die Lage ist für Schwarz schon recht kritisch geworden.} (
{Das Rückopfer der Qualität} 20... Rxd5 21. exd5 {würde nicht helfen, alle
verbleibenden weißen Figuren stünden dann schon einsatzbereit für den Angriff
gegen die aufgerissene schwarze Königsstellung.} ) 21. Qh6 $6 {Plausibel, aber
ungenau. Sehr wahrscheinlich dachte der israelische GM, den Holländer nun
bereits im Sack zu haben. Schließlich droht ja Sxf6+ mit sofortigem Gewinn
(Matt auf h7 oder Damenverlust), und nach dem Deckungszug Te6 würde der Te1
entscheidend eingreifen, während Txd5 hier noch weniger helfen würde wie im
vorigen Zug. Hätte Weiß die ebenso schlaue wie einfache Antwort gesehen, hätte
er wohl zuerst Tf1 gespielt.} 21... Bf5 $1 {Diese Verteidigung hat der Israeli
vermutlich übersehen. Der weiße e-Bauer ist ja gefesselt (exf5?? Txe1+ nebst
Matt), und so gelingt es Schwarz, den Läufer zur Verteidigung von h7
einzusetzen. Weiß kann zwar immer noch auf f6 schlagen, und behält Angriff,
aber es wird schwieriger, einen klaren Erfolg zu erreichen.} ( {Nach} 21...
Re6 $2 22. Re3 {mit den Drohungen Tg3 und Th3 würde der weiße Angriff schnell
übermächtig.} ) 22. Nxf6+ Kh8 23. Rf1 Bg6 24. h4 $1 {Dieser Zug mit der Drohung
h5 sieht nun wieder sehr gefährlich aus für Schwarz.} 24... Re6 {Aber durch
diesen Angriff auf f6 kommt Weiß nicht zu h5.} 25. Qg5 $6 {Danach kann Schwarz
das Remis quasi erzwingen.} ( {Die letzte Chance für Weiß, weiter auf Gewinn
zu spielen, bestand in} 25. Qf4 {(droht wieder h5)} 25... Kg7 26. Nd5) (
{Dagegen wäre sofortiges} 25. Nd5 $6 {fruchtlos wegen} 25... f5 $1 {(sieht wie
ein Fehler aus, beruht aber auf dem verdeckten Angriff des Te6 auf die Dh6)}
26. exf5 $2 (26. Nf4 $1 Rf6 27. Nd5 {ergibt noch Remis durch erzwungene
Zugwiederholung} ) 26... Bxf5 {und das Blatt hat sich gewendet.} ) 25... Kg7
{Nun geht Sd5 nicht wegen Damentausch nebst Te5 mit Eroberung des Bg5 und sehr
günstigem Endspiel für Schwarz.} 26. Nh5+ Kh8 $1 {Das beste Feld. Auf Kg8
bliebe der Lg6 gefesselt, so dass Weiß den Angriff mit Dg4 aufrecht erhalten
könnte, während Kf8 verlieren würde wegen Dh6+ nebst Sf4 und h5.} 27. Nf6 {Weiß
wiederholt die Züge. Damentausch nebst Sf4 ist wahrscheinlich auch Remis.}
27... Kg7 28. Nh5+ {Remis durch Zugwiederholung. Ein aufregender Kampf, der auf
Messers Schneide stand und für van Wely gerade noch einmal gut ging.} 1/2-1/2