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Knackige Kombinationen - Vlastimil Hort

Oli1970 - 25.12.20   +
Diese Partie zwischen Vlastimil Hort und Julian Radulski ist zu Unrecht relativ unbekannt geblieben. Hort gelingt ein starker Aufbau, der Radulski ziemlich einengt und zunächst sieht die Partie entsprechend einseitig aus. Der Übergang vom Mittel- ins Endspiel muss von Hort dennoch sehr präzise geführt werden, um den Vorteil zu behaupten.

Vlastimil Hort präsentiert hier einen Mattkrimi, der seinesgleichen sucht! In überlegener Stellung hängt plötzlich alles am seidenen Faden, der nächste Zug kann der letzte sein. Gewinn, Remis oder Niederlage liegen plötzlich eng beieinander, da Radulski einen Zug macht, der alles in Frage stellt und offenbar die Partie gewinnt. Oder gibt es eine Hintertür?


[Event "Essent Open"]
[Site "Hoogeveen NED"]
[Date "2002.10.19"]
[Round "9"]
[White "Hort, Vlastimil"]
[Black "Radulski, Julian"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "2531"]
[BlackElo "2487"]
[ECO "C96m"]

1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 3.Bb5 a6 4.Ba4 Nf6 5.O-O Be7 6.Re1 b5 7.Bb3 d6 8.c3 O-O 9.h3
{Ein geschlossener Spanier. Der Zug verhindert Lg4}
9...Na5
{Macht Platz für c7-c5 und bietet an, sich gegen den Läufer abzutauschen.}
10.Bc2 c5 11.d4 Nc6 $6
{Ein ungewöhnlicher Zug. Der Plan dahinter ist, nach exd4 cxd4 mit Sb4 wieder den Läufer zu attackieren.}
12.d5
{Das klappt so natürlich nicht mehr. }
12...Na5 13.b3
{gespielt zur Vorbereitung von c3-c4. Es fehlt jedoch noch an Unterstützung für das Feld.}
13...Re8 14.Be3 Bd7 15.Nbd2 Nb7
{Radulski nimmt den Springer zurück, da er auf a5 in Parkposition steht. Es gilt, die Figur zu verbessern. Das gelingt auf b7 zumindest vorläufig allerdings nicht; der Zug ist daher gegenwärtig als Tempoverlust zu betrachten.}
16.a4
{Zu erwarten war eher c3-c4.}
16...g6 $6
{Der Zug ist zweischneidig, vielleicht ein Tempoverlust. Radulski bereitet Sh5 vor, was direkt nicht möglich ist.}
( 16...Nh5 17.Nxe5 dxe5 18.Qxh5 {gewinnt einen Bauern.} )
17.Bd3 Nh5
{mit Ziel Sf4.}
18.Qc2 Bf6 19.Ra2
{Hort überlegt, die Linie zu öffnen und die Türme auf der a-Linie zu verdoppeln.}
19...Nf4 20.Bf1
{Der Läufer kann nach Linienöffnung noch nützlich sein, um b5 zu kontrollieren, daher zieht Hort ihn lieber zurück als ihn abtauschen zu lassen.}
20...Bg7 21.axb5 axb5 22.Rea1 Rb8
( 22...Rxa2 {gäbe der weißen Dame die Möglichkeit, über a6 in den Flügel einzudringen, was ungleich gefährlicher ist. Natürlich kann diese leicht abgetauscht werden, dann würde der Ta1 jedoch nachziehen und zum starken Angreifer werden.} 23.Qxa2 Qb6 24.Qa6 Qxa6 25.Rxa6 {Nahezu freie Auswahl, egal was Schwarz zieht, findet sich immer eine Möglichkeit zur Räuberei.} )
23.g3 Nxh3+ 24.Kh2 $1
( 24.Bxh3 Bxh3 {Gleicht das Spiel aus, da Weiß die Initiative verliert. Schwarz hat einen Bauern voraus und damit genügend Kompensation. Nach Rückzug des Läufers auf d7 wird sich eine Möglichkeit zu f7-f5 ergeben, womit Schwarz genügend Druck für sein weiteres Spiel aufbauen kann.} )
24...Qc8 25.Ra6 h6 26.Bxh3 Bxh3 27.Rc6 Qd7
{Aus der Linie ohne die Deckung des Läufers aufzugeben.}
28.Ng1 Bg4
{Dem Läufer gehen die Felder aus.}
29.f3 Bh5 30.g4 Bxg4 31.fxg4 Qxg4
{Drei Bauern für einen Springer! Hort hat die aktivieren Figuren und auch, wenn der König allein zu stehen scheint, ist er sicher. Selbst ein Dauerschach ist nicht möglich, da Springer und Läufer alle wichtigen Felder überdecken und der König bei Bedarf gemütlich zum Damenflügel wandern kann.}
32.Ra7
{Auch Dd3 mit Angriff auf b5 bieten Optionen.}
( 32.Qd3 b4 33.cxb4 cxb4 )
32...Bf6 33.Rb6 Bg5 34.Bxg5 hxg5
( 34...Qxg5 $4 {verliert den Springer ohne Ausgleich.} 35.Rbxb7 Rxb7 36.Rxb7 )
35.Nf1
( 35.Rbxb7 Rxb7 36.Rxb7 {Weiß hätte nun zwar den Springer gewonnen, da die h-Linie nun jedoch offen ist, droht Schwarz Th8+. Die Stellung ist laut Engine völlig ausgeglichen!} 36...Kg7 37.Qd3 Rh8+ 38.Nh3 {Dc8 nebst g4 wäre nun die korrekte Fortsetzung. Nach Dd1 oder Df4+ kann Weiß sich entfesseln und steht wieder in Gewinnposition.} )
35...Kg7
{Der Krimi beginnt! Hort muss den einzigen guten Zug finden, der seinen Vorteil hält. Sogar Sh3 gleicht nur aus, Alternativen verlieren klar.}
36.Ng3 $1 Rh8+ $1
{Radulski steht auf verlorenem Posten. Es gibt jedoch noch einen Rettungsanker, falls Hort in die Falle geht! Der Krimi erreicht Höchstspannung.}
37.Kg2 Rh1 $3
{Alles oder nichts! Hort hat jetzt nur eine einzige Möglichkeit, die Partie zu gewinnen, alles andere wird Remis.}
38.Qf2 $3
( 38.Kxh1 $4 {führt ins Remis, da Schwarz Dauerschach erzwingen kann.} 38...Qxg3 $1 39.Qh2 )
38...Rbh8 $1
{Sehr stark! Radulski stünde auf Gewinn, wenn er nochmal ziehen dürfte!}
39.Qxf7+ $3
{Hort findet seine Rettung in einem Mattweg! Alles andere verliert! Sehr souverän gespielt von einem der beliebtesten Schachspieler und -moderatoren Deutschlands.}
( {Z. B.} 39.Kf1 Qd1+ 40.Qe1 Rxg1+ 41.Kxg1 Qxe1+ )
( {Oder schlimmer: } 39.Raxb7 R8h2+ 40.Kf1 Qd1+ 41.Qe1 Qf3+ 42.Qf2 Qxf2# )
39...Kxf7 40.Rbxb7+ Kf6 41.Rf7# 1-0
KroMax - 25.12.20    
Genial Oli. Danke dir !
Vabanque - 25.12.20    
Bemerkenswerte Partie.

Das Opfer des Bauern h3 war ja sehr weit berechnet. Hort sah offenbar schon da, dass er den Läufer letztlich würde fangen können, auf Kosten von 3 Bauern. Dabei musste er aber die sich ergebende Stellung beurteilen können, was sicher sehr schwierig war (Positionen mit 3 Bauern für eine Leichtfigur sind immer schwer zu bewerten).

Äußerst originell fand ich, wie die weißen Türme am Damenflügel eindringen, aber letztlich am Königsflügel die Partie entscheiden.

Das Damenopfer als Abschluss ist natürlich ein super Knalleffekt, aber vergleichsweise simpel im Gegensatz zu den ganzen komplizierten Fallstricken davor, die Hort vermieden hat.

Ja, er war eben nicht bloß der gemütliche Schach-Märchenonkel aus dem Fernsehen, sondern auch ein sehr gefährlicher GM am Brett (wenn auch zum Zeitpunkt dieser Partie sicher nicht mehr an der Weltspitze).

Generell hatte ich Horts Stil eigentlich mehr als solide, positionell, klar und übersichtlich in Erinnerung, deswegen wundert mich eine Partie wie diese hier umso mehr.
OpaJuergen - 25.12.20    
Bin begeistert !
Saison - 25.12.20    
Ich auch, zumal ich beim Kampf Hort gegen 630 Gegner simultan in Porz- Wahn in den 1980er Jahren einer von etwa 30 Spielern war, die siegten.
Lang lang ist es her.
Saison - 25.12.20    
Es waren 636. Das Partieformular habe ich heute noch.
haribo02 - 25.12.20    
Krasse Partie von Hort !
Verständlich und ausführlich kommentiert.
Danke Oli , weiter so !
Alapin2 - 26.12.20    
Animiert durch diese tolle Partie und Olis treffende Kommentare habe ich ein wenig gegoogelt, um die berühmte Anekdote zu verifizieren, als Hort vor Schreck vom Stuhl fiel.
Dabei stiess ich unter "Chessbase : Vlastimil Hort :Paul Keres" auf einen sehr lesenswerten Artikel von Hort über Keres.
Sehr zu empfehlen, auch wenn das mit obiger Partie nichts mehr zu tun hat.
Oli1970 - 26.12.20    
Vielen Dank Euch allen für die Rückmeldungen; es freut mich sehr, dass die Partie so gut angekommen ist, und es tut gut zu sehen, dass es doch viele Leser gibt! Ich fand superspannend, wie knapp Hort das Spiel für sich entscheiden konnte. Ein einziges Tempo hätte Radulski wohl zum Sieg gereicht. In der Hochphase dürften beide Spieler ziemlich gefiebert haben.

Ein gewonnenes Spiel gegen Hort, wow, das ist eine Nummer, Saison! Wenn Du magst, stell hier doch mal die Partie vor - da bin ich bestimmt nicht alleine neugierig drauf. Muss ja nicht - oder nicht vollständig - kommentiert sein.

Alapin, der Artikel ist bestimmt dieser: https://de.chessbase.com/post/vlastimil-hort-paul-keres
Mit Genuss gelesen, die Geschichte, wie es Hort zu Boden brachte, ist witzig!

Ob Hort das Bauernopfer so glasklar gesehen hat? Das Zwischenspiel am Damenflügel, der Gewinn des Läufers, die veränderte Stellung, um den Gegenwert der Abtausche abschätzen zu können - ich wüsste echt gerne, wieviel davon Berechnung und wie viel Positionsgefühl oder sogar Risiko war. Horts Einschätzung der Partie habe ich leider nicht auffinden können.

Das Damenopfer büßt natürlich seinen Effekt allein dadurch ein, dass es alternativlos war. Hort war ja auch ein sehr guter Blind-Spieler, wie früh er dieses Endspiel wohl kommen gesehen hat? Vielleicht beim 35., im Wissen, dass Sg3 erforderlich ist? Falls jemand eine Kommentierung von Hort dazu hat, bitte teilen!
Kellerdrache - 31.12.20    
Eine schöne Partie und sicher eine von Horts besten Leistungen. Ja, die Leute die ihn nur als Geschichtenerzähler aus dem Fernsehen kennen tun ihm sicher unrecht. Immerhin trieb er sich eine ganze Weile in und um die besten 10 der Welt herum.
Das vorliegende Beispiel ist eine der seltenen Exemplare die sowohl positionell als auch taktisch interessant sind. Das Opfer auf h3 ist sicher ein positionelles Opfer, da es keine kurzfristige Rechtfertigung erfährt. Die Idee seinen kompletten Königsflügel für eine Figur zu geben gibt einem Taktiker eher schlaflose Nächte. Man muß hier voraussehen können, dass die passives schwarzen Figuren viel zuviel Zeit bräuchten um sich zu einem Angriff auf die weiße Stellung um zu koordinieren.
Eine Klugscheißer-Bemerkung am Rande: Du schreibst zu Zug 11...Sc6 er wäre ungewöhnlich. Der Plan mit Sa5, c5 und Sc6 ist aber doch im Spanier eine der ältesten Motive (im Rahmen der Tschigorin-Variante). So gesehen folgt Radulski eher zu unflexibel den herkömmlichen Wegen, oder ?
Oli1970 - 31.12.20    
Auch Dir sei die Rückmeldung gedankt, Kellerdrache! Schön, dass Dir die Partie gefallen hat.

Den Zug 11...Sc6 fand ich ungewöhnlich deshalb, weil er relativ selten gespielt wird - andere Abspiele (bzw. in der Regel Dc7) werden deutlich bevorzugt. Zumindest auf hohem Niveau wird die Linie seit Ende der 1980er kaum noch hervor geholt. Spätestens nach 12. d5 ist die Variante bestenfalls remisverdächtig für Schwarz, die weiße Gewinnquote liegt in der Spielerklasse bei 70%.