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Starke Springer, schwache Felder: Fischer - Gadia, 1960

Oli1970 - 31.07.20   +

Olicio Gadia war ein brasilianischer Schachspieler. Er gewann 1959 und 1962 die brasilianischen Meisterschaften. In Mar del Plata teilten sich Spassky und Fischer den ersten Platz, während Gadia vorletzter von 15 Spielern wurde. Gadia war durchaus im Najdorf-Sizilianer bewandert, schaffte es hier aber nicht, mit Standardzügen ein gutes Spiel zu erhalten. So ist er schnell in der Defensive.
Die Partie ist relativ einfach gehalten und daher ein gutes Beispiel für Felderschwächen, wie man sie herstellt und wie man sie ausnutzt. In diesem Fall identifiziert Fischer das Feld d5 als schwach, aber anfangs ist es noch durch den Bauern auf e6 gedeckt. Fischer zeigt, wie das Feld schwach wird, indem er die Deckungsfiguren zum Ziehen zwingt oder einfach abtauscht. Der Springer, der sich dort postiert, wird zum kleinen Monster.
Auch das Endspiel ist eine kleine Lehrstunde, auch wenn es nicht lange währt. Einmal mehr wird vorgeführt, dass es sinnvoll sein kann, einen ursprünglichen Angriff gegen einen Wechsel des Flügels zu tauschen und so das Gegenspiel zu unterminieren. Der letzte Fehler des Schwarzspielers spielt an der Stelle schon fast keine Rolle mehr.



[Event "Mar del Plata"]
[Site "Mar del Plata ARG"]
[Date "1960.03.31"]
[Round "3"]
[White "Robert James Fischer"]
[Black "Olicio Gadia"]
[Result "1-0"]
[ECO "B87"]
[EventDate "1960.03.29"]
[PlyCount "45"]

1.e4 c5 2.Nf3 d6 3.d4 cxd4 4.Nxd4 Nf6 5.Nc3 a6 6.Bc4
{Der Fischer-Sozin-Angriff im Najdorf-Sizilianer. Fischer wandte mit
den schwarzen Steinen häufig die Najdorf-Variante an und spielte mit
Weiß gern mit Lc4 dagegen. Er kannte sich hier auf beiden Seiten des
Brettes aus.
}
6...e6 7.Bb3 b5 8.O-O
{Bis hier sind es typische Eröffnungszüge. Der nächste Zug von
Schwarz wird seltener gespielt, mit deutlichem Abstand ist Le7
gebräuchlicher.}
8...Bb7 9.f4
{Fischer antwortet mit einem ebenso selten gespielten Zug (statt Te1).
Fischer galt allerdings als Experte für das Königsgambit und
bevorzugte in diesem Spiel das Öffnen der f-Linie.
}
9...Nc6
{Gebräuchlicher sind Sbd7 oder Le7. Die Idee dürfte sein, den
unangenehmen Sd4 abzutauschen und die c-Linie für Turm und/oder Dame
zu öffnen.}
( {Auf den ersten Blick sieht } 9...Nxe4 {gut aus, bringt Weiß jedoch
in starken Vorteil.} 10.f5 e5 {denn auf exf5 folgt Txf5.} 11.Qh5 Qd7
12.Nxe4 Bxe4 13.Re1 {drückt sowohl auf f7 als auch auf das Zentrum
mit der möglichen Fortsetzung } 13...g6 14.Qh4 Bxf5 15.Qf6 )
10.Nxc6
{Fischer tauscht allerdings selbst.}
10...Bxc6 11.f5!
{Der Zug stellt Schwarz vor Probleme, denn der Be6 deckt das Feld d5.
Wenn der Bauer wegzieht, ist wird d5 schwach und auf gegnerischen
schwachen Feldern stehen eigene - noch dazu gedeckte - Springer gut.
Allerdings sind noch die Deckungsfiguren Sf6 und Lc6 als zusätzliche
Hürden im Weg.}
11...e5
{Kein guter Zug, und unter den Alternativen eher noch einer der
schlechteren. Was für Optionen hätte Schwarz noch gehabt?}
( 11...exf5 12.Rxf5 {gibt Weiß einen starken weißen Läufer und die
halboffene f-Linie. Der Bf7 ist eine Angriffsmarke.} )
( 11...Qd7 {zur Deckung von f7} 12.fxe6 fxe6 {und Weiß hat mehrere
gute Fortsetzungen wie z. B. } 13.Qe2 Be7 14.e5 dxe5 15.Qxe5 {mit
Angriff auf Be6.} )
( 11...b4 12.fxe6 bxc3 13.exf7+ Kd7 { als vermutlich beste
Fortsetzung. Dennoch steht Schwarz trotz Mehrfigur mehr als unbequem.}
)
12.Qd3
{stützt den Be4, was aber eigentlich unnötig ist. Sofortiges Lg5
wäre ebenfalls stark gewesen. Fischer hält an der Eroberung des
schwachen Feldes fest und verschafft sich so außerdem die
Möglichkeit, schnell auf die g- oder h-Linie zu schwenken oder nach
b4 die Dame stark auf c4 zu positionieren.}
( 12.Bg5 Qb6+ 13.Kh1 Nxe4 14.Nxe4 Bxe4 15.f6 )
12...Be7 13.Bg5
{Fischer wird das schwache Feld vor dem Bd6 erobern und daher
Deckungsfiguren abtauschen.}
13...Qb6+
{Es ist schwer, noch gute Strategien für Schwarz zu finden.}
14.Kh1 O-O 15.Bxf6
{Abtausch der ersten Deckungsfigur.}
15...Bxf6 16.Bd5
{Abtausch der zweiten Deckungsfigur.}
16...Rac8
( 16...Bxd5 17.Nxd5 {Schwarz kann nicht selbst nehmen, da die Dame nun
ziehen muss. Nach Sxf6+ gewinnt entweder Weiß die Figur oder der
König wird entblößt.} )
17.Bxc6
{Schwarz kann nicht selbst nehmen, da die Dame nun ziehen muss. Nach
Sxf6+ gewinnt entweder Weiß die Figur oder der König wird
entblößt.}
17...Rxc6 18.Rad1
( {Sofortiges } 18.Nd5 {ist schwächer wegen } 18...Qd4 )
18...Rfc8 19.Nd5
{Fischer hat das schwache Feld besetzt.}
19...Qd8 20.c3
{verhindert ein Eindringen der verdoppelten Türme. Tf2 wäre ähnlich
gut gewesen.}
20...Be7
{Bereitet f6 zur Unterstützung des e-Bauern vor und deckt d6 ein
weiteres Mal, was die Schwerfiguren etwas entlasten soll.}
21.Ra1!
{Fischer wechselt effizient den Flügel statt sich in einen Angriff
auf den Königsflügel zu verrennen.}
( 21.f6 Bxf6 22.Nxf6+ gxf6 {Auch gut, aber lange nicht so stark wie
Fischers Spiel.} )
21...f6 22.a4!
{Schwarz ist nicht mehr zu retten.}
22...Rb8
{Bis hierhin hat sich Gadia gut verteidigt, hier greift er völlig
fehl und verliert die Figur.}
( 22...bxa4 23.Rxa4 {mit zweifachem Angriff auf a6.} )
( 22...Bf8 23.axb5 axb5 24.Qxb5 {öffnet die a-Linie und droht b4
nebst Dd3 und b5, was einen starken Freibauern verschafft.} )
23.Nxe7+
( 23.Nxe7+ Qxe7 24.Qd5+ Kh8 25.Qxc6 )
1-0

Vabanque - 01.08.20    

Fischer kanzelt einen 'schwächeren' Spieler wieder mal gnadenlos ab :-)

Im Thread über allgemeine Schachweisheiten hatte ich unter anderem ja geschrieben, dass ein Springer im Zentrum, der von einem eigenen Bauern gedeckt, von gegnerischen Bauern unangreifbar und auch nicht abtauschbar ist, fast so stark wie ein Turm wirkt.

Vorliegende Partie liefert nun gleich ein hübsches Beispiel dafür.

Im 15. sowie 16./17. Zug tauscht Fischer die einzigen beiden schwarzen Figuren, die seinem eigenen Springer das Feld d5 streitig machen könnten. Dadurch bleibt ihm der 'gute' Springer gegen den 'schlechten' schwarzen Läufer (übrigens kann man das generell in Fischer-Partien beobachten, dass er immer so tauscht, dass dem Gegner die schlechten, ihm selber aber die guten Figuren bleiben).
Ab dem 19. Zug steht sein Springer nun auf d5 wie in Stein gemeißelt. Schwarz könnte ihn allerhöchstens durch Turmopfer beseitigen, woraus sich ergibt, dass der Sd5 in der gegenwärtigen Situation tatsächlich einen Turm wert ist.
Noch besser gefällt mir allerdings der weiße Zug 21. Ta1! Wer von uns hätte diesen 'Rückzug' des Turm auf sein Ausgangsfeld überhaupt erwogen? Und doch, einmal gemacht, ist der Zug komplett logisch: Fischer bereitet damit natürlich die Öffnung der a-Linie mittels a2-a4 vor.
Denn laut einer weiteren Schachweisheit kann keine geschlossene Stellung rein strategisch gewonnen werden, zu irgendeinem Zeitpunkt ist Linienöffnung zwingend notwendig.
Dass Schwarz nach 22. a4 auf der Stelle kollabiert, weil er b5 mit einem Reflexzug deckt, der seinen anderen Turm ungedeckt lässt (und dadurch dessen Eroberung ermöglicht), ist natürlich etwas schade und sicher mit auch einer der Gründe, warum Fischer diese Partie nicht in seine Sammlung der '60 memorable Games' mit aufgenommen hat. Vermutlich erschien ihm die Partie insgesamt auch zu einfach; die in dem erwähnten Buch enthaltenen Partien sind größtenteils recht kompliziert.

Etwas seltsam erscheint mir übrigens der Kommentar zum 16. Zug von Schwarz (der sich auffallenderweise beim 17. Zug von Weiß noch einmal wiederholt). Denn nach 16... Lxd5 (Variante) 17. Sxd5 könnte Schwarz ja Dd8 ziehen und damit die Aufreißung am Königsflügel noch verhindern. Gegenüber der Partie würde das dann allerdings wenig ändern, es entsteht dieselbe Stellungsstruktur. Durch die Partiefortsetzung verzögert Schwarz die Zementierung des weißen Springer auf d5 halt um ein paar Züge, das ist alles.

Insgesamt haben mir aber sowohl Partie wie auch Kommentar sehr gut gefallen: solche leicht verständlichen und doch lehrreichen Partien wünscht man sich natürlich.

Oli1970 - 01.08.20    

Hab Dank für Deinen ausführlichen Kommentar, Vabanque!

Auszüge aus dieser Fischer-Partie wurde kürzlich auf YouTube vorgestellt, so wurde ich auf sie aufmerksam. Da ich immer noch Deiner "Locker, leicht und lehrreich"-Reihe hinterhertrauere, hatte sie es mir wegen der Klarheit und Verständlichkeit angetan. Die Züge sprechen größtenteils für sich, in den meisten Varianten wird schnell klar, warum sie nicht funktionieren. Auf Deinen Tipp hin habe ich mir nun kurzer Hand auch die Partie Smyslov - Rudakovsky vorgenommen, die das Muster ebenfalls bedient.

Fischers Turmzug ist wirklich verblüffend, zumal stures f6 ebenso funktioniert. Trotzdem ist Fischers Zug deutlich stärker, was einem heute jede Schachengine verrät. Fischers Kreativität, eben nicht f6 zu spielen - klasse! Man könnte auch sagen, sein Zug zeigt den Unterschied zwischen Effektivität und Effizienz. ;-)

Tja, da habe ich den Kommentar zum 16./17. Zug vergeigt, was? Der Text war zuerst da, dann entschied ich mich, die Behauptung durch eine Variante zu zeigen und den Text nach dort zu platzieren. So entstand dann die unbereinigte Doublette.
Dd8 verhindert zwar den Aufriss am Königsflügel, ist aber nicht gut, da Weiß dann stark mit a4 am Damenflügel fortsetzt (nach schwarzem Dd8 würde weißes Sxf6 den erspielten Vorteil zunichte machen). Ich hätte gut daran getan, dies auch noch darzustellen. Andererseits liefen die weniger perfekten Kommentare einen Grund, sich über die Partie auszutauschen - so hat jeder noch was zu entdecken! :-)

Vabanque - 02.08.20    

>>Dd8 verhindert zwar den Aufriss am Königsflügel, ist aber nicht gut, da Weiß dann stark mit a4 am Damenflügel fortsetzt (nach schwarzem Dd8 würde weißes Sxf6 den erspielten Vorteil zunichte machen).<<

Ja, das ist alles wohl wahr. Ich hätte auch nicht wirklich geglaubt, dass Schwarz mit 16... Lxd5 17. Sxd5 Dd8 besser fahren würde als in der Partie.

>>Ich hätte gut daran getan, dies auch noch darzustellen. Andererseits liefen die weniger perfekten Kommentare einen Grund, sich über die Partie auszutauschen - so hat jeder noch was zu entdecken! :-)<<

Ich hatte bei meinen eigenen kommentierten Partien schon öfters mal einen fehlerhaften Kommentar drin, wie ich später nach dem Posten peinlicherweise bemerkte ... allerdings ist dies nie jemandem aufgefallen, oder aber alle sahen höflich über meinen Lapsus hinweg? Merkwürdig, denn genau dies wäre doch ein gefundenes Fressen für meine Gegner im Forum gewesen, mir mal wirklich etwas nachzuweisen! Eine Chance, die ungenutzt blieb ...
Ich dachte sogar schon mal daran, absichtliche Fehler in den Kommentierungen einzubauen, um festzustellen, ob wirklich jemand genau liest ... aber das war mir dann wiederum zu hinterhältig ;-)
Und außerdem - es schleichen sich ja ohnehin immer unbeabsichtigte Fehler ein (auch wenn es oft nur Schreibfehler sind), so dass es kaum nötig ist, zusätzlich welche einzubauen.

Oli1970 - 02.08.20    

>> Und außerdem - es schleichen sich ja ohnehin immer unbeabsichtigte Fehler ein (auch wenn es oft nur Schreibfehler sind) ... <<

Wohl wahr, gerade die Schreibfehler fallen mir oft erst nach Tagen auf ... die würde ich schon gerne aus der Geschichte löschen. Komischerweise macht es die Autokorrektur oft schlimmer als besser. Und auf dem Tablet oder Smartphone geschriebene Texte sind häufig nochmals schlimmer als auf der Notebook-Tastatur. Mal abgesehen davon, dass meine Rechtschreibung ohnehin schon Lücken aufweist.

Kommentierungsfehler sind ja oft relativ; wie im Spiel ist es eben mal eine falsche - oder nicht zu Ende - gedachte Variante. Natürlich hat die Kommentierung dann einen Makel, wie in den besten Büchern, schön ist dann, wenn sich Schachfreunde finden, die drüber diskutieren und Verbesserungen aufzeigen. So lebt die Rubrik wenigstens. :-)

Vabanque - 03.08.20    

>>Komischerweise macht es die Autokorrektur oft schlimmer als besser.<<

Autokorrektur ist die Hölle! Wenn ich auf dem Smartphone meinen Wohnort tippen will, will die Autokorrektur daraus 'mutterseelenallein' machen ... wetten, dass jetzt niemand daraus erschließen kann, wo ich wohne? Gut so ;-)

>>Und auf dem Tablet oder Smartphone geschriebene Texte sind häufig nochmals schlimmer als auf der Notebook-Tastatur.<<

Deswegen tippe ich nie Forenbeiträge, Chats innerhalb Partien oder PNs auf dem Smartphone, außer sie gehen nicht über 1-2 Zeilen hinaus.

>>Mal abgesehen davon, dass meine Rechtschreibung ohnehin schon Lücken aufweist.<<

Habe ich bei dir jetzt noch nicht feststellen können.

>>Kommentierungsfehler sind ja oft relativ; wie im Spiel ist es eben mal eine falsche - oder nicht zu Ende - gedachte Variante.<<

Die nicht zu Ende gedachten Varianten sind die schlimmsten bzw. die ärgerlichsten. Man war ja auf dem richtigen Weg, man hätte nur noch den berühmten einen Zug weiter denken müssen.
Aber nicht zuletzt meinte ja schon vor ca. 100 Jahren GM Maroczy: 'Man kann sich auf alle Absichten des Gegners einlassen, man muss nur einen Zug weiter rechnen als er.' Und der im entscheidenden Moment diesen einen Zug weiter gerechnet hat, gewinnt dann auch meistens. In einer Kommentierung sind die Folgen weniger dramatisch, da kann man ja nicht gewinnen oder verlieren.

>>Natürlich hat die Kommentierung dann einen Makel, wie in den besten Büchern<<

Es gibt wohl kaum ein Schachbuch, in dem sich nicht mindestens eine falsche Variante findet. Meistens sind es deutlich mehr. Trotzdem steckt in den Büchern immer noch genug Schachverständnis.

>>schön ist dann, wenn sich Schachfreunde finden, die drüber diskutieren und Verbesserungen aufzeigen. So lebt die Rubrik wenigstens. :-)<<

Tja, vielleicht erreichen wir es ja noch, die stillen Mitleser (an die ich mich in einem gesonderten Beitrag demnächst noch wenden möchte) zu aktvieren :-)