Sonstiges über Schach

Latest postings

Aljechins Mitspieler reloaded

Hasenrat - 18.04.21    
Der Beitrag zu Aljechin, Bogoljubow und Hans Frank im damaligen Generalgouvernement Polen ist wohl neulich mit dem Forum "Sonstiges" in den Orkus verschwunden, erinnerte mich jetzt aber wieder, da ich die neue KARL (1/2021) - Titelthema Bogoljubow - in Händen halte. Das passt wie die Faust aufs Auge - auch ist ein Interview mit dem erwähnten Historiker und Autor Christian Rohrer abgedruckt, mit seinen neuen Erkenntnissen zu der Rolle Aljechins im NS-System.

Wenn ich es studiert habe, kann ich ja mal berichten.
Vabanque - 18.04.21    
Nachdem ja gerade SF Alapin2 irgendwie die Gewohnheit hatte, auch Schachthemen in 'Sonstiges' zu posten, scheint uns doch vieles, was thematisch zumindest lose noch zum Thema Schach gehört, verloren gegangen zu sein😐

'Bogo' ist ja auch mehrfach vorgeworfen worden, mit den Nazis kollaboriert zu haben. Eigentlich kann ich mir dies, nach allem, was ich über ihn weiß, ziemlich schwer vorstellen. Bogo scheint ein Autist mit Inselbegabung Schach gewesen zu sein. Interessen abseits von Schach sind mir nicht bekannt. Mag sein, dass die Nazis ihn teilweise für ihre Zwecke gewinnen konnten - wenn ja, ist ihm wahrscheinlich selber nie richtig bewusst geworden, für was er sich da hat benutzen lassen.
Hasenrat - 18.04.21    
Na ja, wer vier Jahre lang offiziell besoldeter Angestellter der GG-Regierung ist, im "Hauptgebiet des nationalsozialistischen Terrors" ... (KARL 1/2021, S. 40) - weiß nicht, ob man da von völliger Ahnungslosigkeit sprechen kann; gibt auch ein Foto in Uniform (S. 43 - welcher Provenienz genau weiß ich nicht auf Anhieb) - aber wie gesagt, muss man erst mal alles lesen.
Oli1970 - 18.04.21    
Ein recht neutral verfasster Artikel von Johannes Fischer findet sich auf chessbase, https://de.chessbase.com/post/efim-bogoljubow-ein-deutscher-sp..

Demnach denke ich schon, dass er wusste, was um ihn herum geschah. Stellt sich die Frage, welche Alternativen er als Berufsspieler für sich und seine Familie gesehen hat. Persona non grata in der Sowjetunion, wäre wohl nur eine weitere Auswanderung geblieben. Jedoch bleibt vieles nur Mutmaßung, da sich laut Artikel teils die Biografen widersprechen und natürlich sowieso niemand weiß, ob ein Mensch tatsächlich denkt, was er sagt oder was andere über ihn sagen.

Es ist zwar für mich interessant, über die Menschen hinter den Spielern zu lesen, will aber irgendwo auch die Toten ruhen lassen. Ließe man das Schachspiel weg, wer interessierte sich für Bogoljubow? Egal, ein Gang zum Zeitschriftenhändler ist ohnehin fällig. Danke für den Tipp!
Alapin2 - 18.04.21    
Vabanque : Der oben erwähnte Blog, in dem auch Aljechins Nähe zu Hans Frank und Konsorten thematisiert wurde, ist durchaus vorhanden. "Schachthemen", 13.2.,Überschrift "Dawid Przepiorka".
P. S. : In Bezug auf manche Exilrussen denke ich, daß die vielleicht auch glaubten, sich mit dem Teufel (Hitler) gegen den Beelzebub (Stalin) verbünden zu können, um das Regime der KPDSU hinweggefegt zu sehen. Aljechin ist auf einem Foto von 1914 (?) in zaristischer Offiziersuniform zu sehen, ein anderes zeigt ihn, nach Machtübernahme der Bolschewiki, als "zwangsrekrutierten russischen Adligen" in einem Industriewerk.
Keres als Este dürfte auch gegen die Sowjetherrschaft gewesen sein... Ein gewisser General Wlassow stellte sogar eine ganze Armee aus Russen zusammen, die gegen Stalin kämpfte. Daß nachher ca. 20 Millionen Sowjetbuerger ihr Leben ließen, dagegen
Stalin eines natürlichen Todes starb, war so sicherlich nicht geplant.
P. P. S. : Dachbodenfund Teil 2: Die Memoiren von Kortschnoi hatte ich doch nicht verliehen. Er hat als Junge die Belagerung Leningrads mit erlitten. Einfach nur schrecklich und unmenschlich!!
Vabanque - 19.04.21    
>>Stellt sich die Frage, welche Alternativen er als Berufsspieler für sich und seine Familie gesehen hat.<<

Daraus ließe sich wirklich ein ganzer Artikel, vermutlich sogar eine Doktorarbeit machen: 'Die Stellung des Berufsschachspielers in einem totalitären Regime unter besonderer Berücksichtigung der ethischen und moralischen Aspekte.'
Botwinnik konnte das stalinistische Regime für seine Karriere nutzen, für Keres und Bronstein war das Regime eher ein Hemmschuh, in welchem Umfang ist umstritten.
War Botwinnik Stalinist oder nur Opportunist? Ich tendiere stark zu Letzterem.

>>Es ist zwar für mich interessant, über die Menschen hinter den Spielern zu lesen, will aber irgendwo auch die Toten ruhen lassen. Ließe man das Schachspiel weg, wer interessierte sich für Bogoljubow?<<

Eben. Außerhalb des Schachs war er nicht bedeutender als ich oder du oder mein Nachbar vom Haus gegenüber. Hintergrundinformationen über die Personen sind immer interessant zu lesen, sie machen das Bild farbiger, aber letzten Endes interessiert man sich für die großen Schachspieler der Vergangenheit eigentlich doch nur wegen ihrer Partien.

Übrigens: Die Partien der beiden WM-Kämpfe Aljechin-Bogoljubov sind trotz der offensichtlichen Überlegenheit Aljechins alle recht interessant und unterhaltsam. Bogo hatte zwar nie eine echte Chance, hat aber immer munter mitgemischt. Nur in wenigen Partien ließ er sich einfach plattschieben. Oft hatte er Gewinnchancen, die er wegen schlechterer Technik nicht nutzte. Manchmal gewann er aber auch. Ingesamt hat er interessanterweise gerade im ersten Match (1929) kein schlechteres Resultat erzielt als Capablanca! Man hat oft gesagt, dass der 'Rückkampf' eine Farce war und von Aljechin nur inszeniert, um erneut seine Überlegenheit zu zeigen, oder dass es gar nur ein Nazi-Schaukampf gewesen sei. Klar, in sportlicher Hinsicht war das Rematch unbedeutend; eine reelle Chance für Bogo bestand nicht. Betrachtet man sich aber die Partien, so waren sie in qualitativer Hinsicht bestimmt nicht schlechter als die vom ersten Match, und in diesem Sinne war das zweite Match nicht überflüssig. Die WM-Matchs von Lasker gegen Marshall und Janowski verliefen noch viel einseitiger (da konnte der Herausforderer jeweils überhaupt keine Partie gewinnen, oder nur eine), und trotzdem werden die Partien immer wieder mit Recht in Lehrbüchern abgedruckt.

Kurz gesagt: die historischen Hintergründe mögen durchaus interessant sein und auch das Gesamtbild beleben, der Grund, warum man sich mit den Schachspielern beschäftigt, liegt jedoch immer noch im Schach selbst.
Vabanque - 19.04.21    
Emanuel Lasker hat Bogoljubov übrigens als Spieler so sehr geschätzt, dass er in seinem 'Lehrbuch des Schachspiels' (Lasker's Manual of Chess) nicht weniger als 9 Beispiele aus Bogos Partien angeführt hat. Nur von Steinitz, Capablanca und sich selbst hat er mehr Beispiele in sein Buch aufgenommen.
Lasker hat sogar - noch viel weniger bekannt - ein Buch über das Rematch Bogo-Aljechin 1934 verfasst!
Lasker, obwohl jüdischer Herkunft, hat offenbar auch nur nach schachlichen Aspekten geurteilt, die Frage, ob Bogo Nazi-Kollaborateur, Opportunist oder was auch immer war, hat ihn entweder gar nicht interessiert oder jedenfalls bei der Beurteilung von dessen Partien nicht beeinflusst.