Miscellaneous

Überlappungen

Tschechov - 24.03.18    

Ich möchte mich einmal erkundigen, ob Euch das auch hin und wieder passiert: Ihr seid gerade dabei, in einer Partie den Gegner nach Strich und Faden zu vermöbeln...und macht dann gravierende Fehler in einer anderen Partie. Man könnte sagen, ihr haltet jetzt den einen Kontrahenten für den anderen. Mir passiert das öfter, daß ich in einem Spiel überzeuge und postwendend in einem anderen Spiel verliere, weil ich unaufmerksam, leichtfertig und überheblich spiele.

Remise - 24.03.18    

Mir geht es so, dass ich einfach oft zu schnell ziehe. Überlegen erst danach und zu spät. Dazu noch unterschätzen „schwächerer“ Spieler gepaart mit Selbstüberschätzung.

Tschechov - 24.03.18    

@Remise: Ja, dann hält man Schach quasi für Fußball. Man ist so hingerissen vom eigenen Schwung, daß man "den Ball" sorglos nach vorne spielt um dann mal zu sehen. Und dann guckt man dumm aus der Wäsche.

Remise - 24.03.18    

Ob einen das vom Spitzenspieler unterscheidet? Bitte um Äusserung derselben.

Vabanque - 24.03.18   +

Ich glaube, von Spitzenspielern unterscheidet uns schon noch ein bisschen mehr als nur das ... aber unter anderem auch das, die mangelnde Selbstdisziplin am Brett.

Ich habe mal in einem Schachbuch ein 10 Punkte-Programm gelesen, das bei der Zugfindung helfen soll. Besonders wichtig aber war Punkt 10, wo man - nachdem man sich bereits für einen Zug entschieden hat - noch mal Ausschau nach allem hält, was man übersehen haben könnte.

Man soll dann noch einmal prüfen, welche Züge auf den geplanten eigenen Zug dem Gegner zur Verfügung stehen, die potenziell unangenehm werden könnten:

- Schachgebote
- Schlagzüge
- Mattdrohungen
- Angriffe auf Dame oder Türme
- Angriffe von Bauern auf Figuren
- Vorstöße von Freibauern

Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass ich weniger oft patze (oder eigentlich so gut wie gar nicht), wenn ich diese Liste noch einmal durchgehe, nachdem ich MEINE, 'den' Zug schon gefunden zu haben. Denn gar nicht mal so selten stoße ich auf Grund der Liste dann auf eine Widerlegung des Zuges, den ich vorhatte. Oder man merkt zumindest, dass es noch eine Variante gibt, die man noch durchrechnen muss, bevor man den Zug auch macht.

Tschechov - 24.03.18    

Ich äußere mich mal, auch wenn ich definitiv kein Spitzenspieler bin. Ich glaube, daß bei Spitzenspielern auch das Unterbewußtsein besser funktioniert als bei unsereinem. Der schnelle Zug, den sie vermeintlich intiutiv tun, wurde doch, wenn auch nicht durchgerechnet, aufruhend auf einer Art Blitzanalyse getan, die nur nicht unbedingt bewußt wird. Aber so spielen sie vermutlich nur gegen schwächere Spieler.

Tschechov - 24.03.18    

@Vabanque: Sehr nützliches Programm! Mir machen oft insbesondere die Bauern zu schaffen, die, da über weite Strecken des Spiels oft bewegungslos, von mir nur noch als eine Art von Slalomstangen betrachtet werden, um die es irgendwie herumzukurven gilt. Einmal habe ich so sogar eine Gabel gegen zwei meiner Offiziere übersehen, ich hatte einfach nicht mit einberechent, daß der Bauer ja vorgehen kann.

Remise - 24.03.18    

Hab was geschrieben zum Thema irrtümlich aber bei dem Thread Kandidatenturnier.

Jellycube - 24.03.18    

Ich denke dass ein GM die Züge so sorgfältig planen kann,dass er immer noch den Sicherheitsaspekt mit eingeschlossen hat,sodass der Gegner wiederum ihm nie das Heft des Handelns direkt abnehmen kann.

Vabanque - 24.03.18    

Die GMs haben obiges 'Programm' sicher verinnerlicht.

Und um noch einmal auf den Eingangspost zurückzukommen: Eigentlich kann man tatsächlich immer nur eine Partie komplett konzentriert spielen. Spielt man sozusagen simultan, ist man nicht mehr richtig in den Partien drin. Zumindest mir geht das so.
Deswegen spiele ich nur noch wenige Partien zugleich (nun ja, zur Zeit habe ich gar keine laufen, zumindest auf diesem Server, aber das hat sich so ergeben).

Hasenrat - 24.03.18    

Anschaulich und hilfreich finde ich auch die Darstellungen großmeisterlicher Denkprozesse und ihrer Zugfindungsmechanismen in Kindermanns/Weizsäckers "Der Königsplan" ...

danielr - 24.03.18    

@Tschechov
Ich vermute es liegt an den auf den ersten Blick ähnlichen Stellungen, die sich nur durch "Kleinigkeiten" unterscheiden. Während in einem Spiel ein bestimmter Zug sehr gut ist, verlier man ein anderes Spiel durch den gleichen Zug. Wenn man 20 Spiele oder mehr gleichzeitig spielt veliert man schnell den Überblick und vergisst schnell, was man sich vorher gedacht hat.

Beule - 24.03.18    

@Vabanque: Hast du den 10-Punkte-Plan noch und würdest den mal posten?

:-)

Greetz
Andi

Vabanque - 24.03.18   +

Hab ich vorliegen, ja ... ist aus dem Buch 'Better chess for average players' von Tim Harding, Chapter 22 'Organize your thoughts'.

Ich weiß zwar nicht, ob man (fast) eine ganze Buchseite hier einfach wiedergeben darf, aber ich mach's mal ... wenn es gegen geltendes Recht verstoßen sollte, kann shaack es ja löschen ...

Es zu übersetzen habe ich mir jetzt nicht die Mühe gemacht; die kursiven Hervorhebungen sind allerdings von mir.

(1) Assesment of the opponent's last move. How have things been changed by it?

(2) What immediate threats must I meet? Find possible defences.

(3) What immediate tactical blows are at my disposal? List the apparently strong moves in the position.

(4) Positional assessment, including long-range considerations.

(5) What moves are suggested by these positional musings? List them.

(6) Compare the 'candidate moves' which derive from 2, 3 and 5 and form a short-list of two, three or four of them.

(7) Calculate variations based on the short-listed 'candidate moves', and assess the resulting positions that could arise.

(8) Compare these assessments, and so decide on the move you prefer. Write it on the score sheet; do not make in on the board yet.

(9) Have a last look round, to guard against traps and blunders. It should be routing examine all the opponent's replies which could be tactically awkward: checks, captures, mate threats, threats to the queen or rooks, threats to pieces by pawns, advances of passed pawns.

(10) If you are still satisfied with your choice, make it on the board.

Punkt 9 war es also, den ich oben schon gepostet hatte, und nicht Punkt 10, wie ich dort fälschlich behauptete :)

Und zu Punkt 8 ist zu sagen, dass es heute (leider) nicht mehr erlaubt ist, den Zug auf das Partieformular zu schreiben, bevor man ihn macht. Aber natürlich entwertet dies nicht das ganze obige Programm. Man stellt sich dann den Zug halt einfach als bereits auf dem Brett ausgeführt vor, macht ihn aber noch nicht, bevor man nicht den wichtigen Punkt 9 durchlaufen hat.

Beule - 24.03.18    

Super, danke :-)

Hasenrat - 24.03.18    

Welche der Punkte darf ich in der Zeitnotphase überspringen?
Müsste man in der Pressekonferenz mal Grischtschuk fragen. :-)

Vabanque - 24.03.18    

In der Zeitnotphase wird man sich wahrscheinlich keine Mühe mehr mit Listen von Kandidatenzügen machen ;)

(4) und (5) fallen da auch raus, denke ich.

Für (7) ist ebenfalls keine Zeit mehr.

Wichtig bleibt nach wie vor (1) 'wie hat sich durch den letzten gegenerischen Zug die Lage auf dem Brett geändert?' und natürlich (2) 'was droht und wie kann ich dem begegnen?' und (3) 'kann ich selbst unmittelbare taktische Drohungen aufstellen?', und dann halt gleich zu (9) (am allerwichtigsten).

Nur was mache ich im Blitzen oder extremster Zeitnot? Da kann ich nicht mal mehr das alles, ja nicht mal mehr die Aufzählung von (9) durchgehen ...

Vabanque - 24.03.18    

Und der Schreibfehlerteufel hat auch schon wieder zugeschlagen :-((

In (9) muss es natürlich heißen:

'If should be routine to examine ... '

Hasenrat - 24.03.18    

Für mich ist Punkt 1 eigentlich noch die vorhergehende Frage: warum macht mein Gegner diesen Zug? Was plant er, kurz-, mittel-, langfristig?
Am liebsten dann dazu immer aufstehen, um den Tisch herumgehen und die Stellung von seiner Perspektive aus betrachten. (Am besten alle 10 Punkte auch seiner Warte durchgehen.)
Wenn ich das zu häufig mache, fühle ich mich bald wie der Dr. B. aus der Schachnovelle. ;-)

Im Ernst: eine schöne Liste - aber für den Durchschnittsspieler wohl viel zu detailliert und aufwändig. Ich glaube auch: Punkt 9 ist A und O für den Hausgebrauch.

Vabanque - 24.03.18    

Das Buch ist ja angeblich für Durchschnittsspieler geschrieben, wie der Titel schon sagt ... ich fand es aber auch schon recht anspruchsvoll.

Du hast mit Punkt 1 natürlich Recht. 'Assessment of the opponent's last move' (Einschätzung des letzten gegnerischen Zugs) beinhaltet das ja auch (warum er ihn gemacht hat, was er plant).
Ich habe halt deswegen den zweiten Satz kursiv hervorgehoben, weil ich selber häufig die Veränderung der Lage auf dem Brett durch den letzten Zug des Gegners nicht genügend gewürdigt hatte.

Ein ehemaliger Vereinskamerad und starker Spieler (über 2100 DWZ) hatte mich mal darauf hingewiesen, dass er jeden Zug (egal ob eigenen oder den des Gegners) nach dem Prinzip beurteilt:

- Welche Felder 'erobert' der Zug?
- Welche Felder gibt der Zug auf?

Das gehört ja auch zu dem Themenkreis: 'wie verändert ein Zug die Lage auf dem Brett'.

Hasenrat - 24.03.18    

Als ängstlich-vorsichtiger Spieler übe ich mich in der Vorstellung, dass alle Felder meines Lagers mit Alarmdrähten ausgestattet sind. Wenn ich eine Figur in Gedanken bewege, schlagen unter Umständen gewisse Fühler Alarm in verschiedenen Intensitätsstufen, je nachdem wie stark ein Feld oder eine Figur geschwächt würde, das heißt nicht mehr oder nicht mehr zureichend gedeckt zu sein droht.

Ich erkenne auch wie stark mittlerweile die Darstellungen der gängigen elektronischen Anwendungen/Viewer meine Wahrnehmung beeinflussen: diese farbigen Markierungen der Brettfelder, die unterschiedlichen Pfeile der Figurenwirkungen sehe ich jetzt innerlich, quasi transparent auch auf dem analogen Brett. Eigentlich mal eine hilfreiche Beeinflussung heutigen Sehens - bzw. eine virtuelle Visualisierungshilfe durch die technische Gewöhnung.

Vabanque - 25.03.18    

>>Hasenrat - vor 19 Std.

Für mich ist Punkt 1 eigentlich noch die vorhergehende Frage: warum macht mein Gegner diesen Zug? Was plant er, kurz-, mittel-, langfristig?
Am liebsten dann dazu immer aufstehen, um den Tisch herumgehen und die Stellung von seiner Perspektive aus betrachten. (Am besten alle 10 Punkte auch seiner Warte durchgehen.)<<

Ich möchte dieses Zitat hier noch einmal herausstellen, damit es nicht untergeht.

Denn die Stellung ab und zu aus der Perspektive des Gegners zu betrachten, halte ich ebenfalls für eine sehr nützliche Empfehlung.

Vabanque - 25.03.18    

>>Ich erkenne auch wie stark mittlerweile die Darstellungen der gängigen elektronischen Anwendungen/Viewer meine Wahrnehmung beeinflussen: diese farbigen Markierungen der Brettfelder, die unterschiedlichen Pfeile der Figurenwirkungen sehe ich jetzt innerlich, quasi transparent auch auf dem analogen Brett. Eigentlich mal eine hilfreiche Beeinflussung heutigen Sehens - bzw. eine virtuelle Visualisierungshilfe durch die technische Gewöhnung.<<

Übrigens ist das gar nicht neu. Der seinerzeit sehr umstrittene Schachautor H.C.Opfermann hat schon in den 70er Jahren eine 'Felderbilanz' vorgestellt (d.h. man solle die Anzahl der beherrschten freien Felder von beiden Seiten vergleichen), verfeinert durch so genannte 'Wirkungsgewichte' (mit wie vielen Steinen der jeweilige Spieler ein freies Feld beherrscht).

Eine Hilfe kann das durchaus sein, zwischendurch mal so eine Felderbilanz aufzustellen (wie viele freie Felder beherrsche ich eigentlich, wie viele mein Gegner), aber die reinen Zahlen sagen sicherlich wenig aus, genau wie die (noch ältere) von Tarrasch propagierte 'Tempobilanz' (die nachgewiesenermaßen nur in offenen Stellungen eine Aussagekraft hat); es kommt vielmehr darauf an, diese Felderbeherrschungen durch die eigenen und fremden Figuren auch zu sehen , womit wir bei den modernen softwaretechnischen Visualisierungen der Figurenkräfte gelandet sind.

toby84 - 27.03.18    

zum thema zeitnot:
wie ich mich in eigenen zeitnotphasen verhalte hängt von der art der zeitnotphase ab.

ist es die zeitnotphase vor dem vierzigsten zug und somit vor einer unmittelbaren zeitverlängerung, versuche ich, möglichst solide züge zu machen, die die stellung möglichst entschärfen und einfach halten. ist der gegner in zeitnot, versuche ich natürlich genau das gegenteil. ich suche ganz gezielt nach zügen und varianten, von denen ich ausgehe, dass er sie nicht erwartet und die die stellung komplex und scharf halten.

befinde ich mich in einer endgültigen zeitnotphase ohne verlängerung (zeitnot mit inkrement hatte ich bisher noch nie, deshalb kann ich dazu nichts sagen), versuche ich die stellung aggressiv in richtung ende zu zwingen. gegen den gegner in zeitnot versuche ich natürlich auch hier, möglichst unerwartete und komplexe stellungen zu erreichen. noch wichtiger ist allerdings, sich durch die gegnerische zeitnot-nervosität nicht selbst nervös machen zu lassen. das ist gar nicht so einfach.

das aufstehen und brett von der gegnerischen perspektive aus betrachten habe ich auch mal versucht bei jedem zug gezielt umzusetzen, dann gucken einen die anderen allerdings bald schräg an. inzwischen mache ich es immer noch hin und wieder. auch digitale bretter drehe ich gelegentlich um, um die gegnerischen ideen und potentiale besser zu erkennen. es sind auch die partien, die ich verliere, weil der naheliegendste gegnerische zug zu meiner niederlage führt, die mich am allermeisten ärgern. sowas wie "oh, er hat die türme verdoppelt. jetzt fällt zwar nicht sofort, doch in kürzester zeit meine stellung ziemlich unangenehm zusammen". ich finde es schon schön blöd, wenn ich solche dinge dann nicht vorher berechnet habe, nur weil keine akuten drohungen zu sehen waren.

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