Annotated Games

Gewinnen mit Russisch: Karpov-Portisch 1982

Kellerdrache - 02.12.18   ++

Schon seit längerem haben mich zwei Ideen geplagt. Zum einen wollte ich mal eine Karpov-Partie bringen, die sowohl typisch als auch verständlich ist und zum anderen wollte ich zeigen, dass die als lahme Remis-Eröffnungen bekannte russische Partie und Caro-Kann eben auch durchaus aktives Potential haben.
Das die Herren Carlsen und Caruana dann bei der WM freundlicherweise auch noch zweimal Russisch gespielt haben habe ich als kostenlose Werbung gerne mitgenommen.
Im Gegensatz zu seinen heutigen Kollegen geht Karpov allerdings dem Damentausch aus dem Weg und erreicht schnell eine bessere Stellung.


[Event "Turin"]
[Site "Turin"]
[Date "1982.??.??"]
[Round "6"]
[White "Karpov, Anatoly"]
[Black "Portisch, Lajos"]
[Result "1-0"]
[ECO "C42"]
[WhiteElo "2720"]
[BlackElo "2630"]
[PlyCount "75"]
[EventDate "1982.06.??"]
[Source "ChessBase"]

1. e4 e5 2. Nf3 Nf6 3. Nxe5 d6 4. Nf3 Nxe4 5. d4 {Carlsen griff während der
diesjährigen WM hier zur heute populären Variante 5.Sc3 Sxc3 6. dxc3} d5 {
Schwarz hat ein Tempo investiert um den weißen Springer zu vertreiben während Weiß die Bekämpfung des vorwitzigen Pferds lieber im Rahmen der Entwicklung durchführt} 6. Bd3 Be7 7. O-O Nc6 8. Re1 Bf5 9. c4 {der Anker des Se4 wird angegriffen. Weiß kann den Druck noch mit Sc3 erhöhen. Züge wie Dc2 oder De2 dagegen würden andererseits wieder den eigenen d-Bauern schwächen} Nb4 10. Bf1
(10. cxd5 Nxd3 11. Qxd3 Qxd5 {
und Schwarz hätte mit dem Isolani auf d4 einen schönen Angriffspunkt}) 10...
O-O 11. a3 Nc6 12. Nc3 {das ist ein Doppelbauer, den man ruhig zulassen kann,
da der c4 ohnehin nicht mehr lange auf dem Brett bleibt} Nxc3 13. bxc3 dxc4 14.
Bxc4 {der Läufer zieht schon wieder. Es fällt sofort auf, das Karpov mit einem
gesicherten Zentrumsbauern verblieben ist während Portisch kein Gegenstück
besitzt. Das gibt Weiß einen gewissen Vorteil. Allerdings ist der
zurückhängende Bauer auf c3 nicht der Stärkste und würde sich als späteres
Angriffsziel anbieten.} Bd6 {guckt nach h2 und sorgt auch dafür, dass Weiß
sich nicht zu schnell das Feld e5 unter den Nagel reißt (z.B. mit Lf4 usw.)}
15. Bg5 {f6 geht ja wegen des Lc4 nicht} Qd7 16. Nh4 {Der weißfeldrige Läufer
von Schwarz steht auf f5 eigentlich ideal, da er die Diagonale b1-h7, die Weiß
sonst zu einem Angriff auf den König nutzen könnte, kontrolliert. Karpovs Zug
stellt Schwarz vor die Wahl entweder die Diagonale zu verlassen oder das
Läuferpaar aufzugeben} Na5 {
wie du mir so ich dir. Leider hat Weiß aber das bessere Rückzugsfeld} 17. Ba2
b5 {dieser Zug gibt dem Nachziehenden die Möglichkeit durch einen Springer auf c4 die Diagonale des La2 zu unterbrechen} 18. a4 {befragt den lästigen b5} a6
19. axb5 axb5 20. Nxf5 Qxf5 {
Weiß hat das Läuferpaar gewonnen und muss sich jetzt nur um seinen Lg5 kümmern}
21. Be7 {mit seinen vorangegangenen Zügen 16...Sa5 und 20...Dxf5 hat Portisch
seine Kontrolle des Feldes e7 aufgegeben. Nach einem Tausch der Läufer könnte
der Te1 dort eindringen} Rfb8 22. g4 {ein für mich sehr überraschender Zug. Zum einen ist so ein Bauernzug vor dem König immer etwas riskant und zum zweiten treibt man damit die Dame ja wieder auf das Feld zurück von wo sie Kontrolle über e7 ausübt} Qd7 {Ich, wie vermutlich Portisch auch erwartete hier den Tausch der Läufer auf d6, da der Le7 nicht weiter nennenswert unterstützt
werden kann} 23. Bxf7+ {Der König soll nach draußen zum Spielen abgeholt
werden. Nimmt man nicht an, hat man eben einen Bauern verloren, aber was droht denn wenn man nimmt ?} Kh8 (23... Kxf7 {
Ok, der König ist im Freien und wie soll es jetzt weitergehen ?} 24. Rxa5 {
Gerade erst eine Figur geopfert und schon werfen wir eine Qualität hinterher.
Aber dies ist ein erwzungenes Opfer. Weiß benötigt das Feld b3 für seine Dame}
Rxa5 ({und wenn Schwarz das Qualitätsopfer ablehnt ?} 24... Bxe7 25. Qf3+ {
mit Schach und Abgriff auf den Ta8} Kg8 26. Rxa8) (24... Qc6 {
Nur so, meint Fritz, kann Schwarz überleben} 25. Qb3+ Qc4 {
die Pointe von 24...Dc6} 26. Qxc4+ bxc4 27. Rf5+ Kg8 28. Bxd6 cxd6 {
und Weiß behält einen Mehrbauern}) 25. Qb3+ Ke8 (25... Kg6 26. Re6+ Kf7 27.
Re5+ Kg6 28. Rg5+ Kh6 29. Qf7 {droht matt auf g7 und h5} Ra1+ (29... g6 30.
Rh5+ gxh5 31. g5#) 30. Kg2 Qc6+ 31. d5) 26. Qg8#) 24. Bxd6 Qxf7 (24... Qxd6 25.
Re8+ Rxe8 26. Bxe8 Rxe8 27. Rxa5) 25. Re7 Qf8 {
die einzige Antwort die das Schlagen von c7 verhindert} 26. Bc5 Qf4 27. Qe2 {
mit der Drohung 28.Txa5 Txa5 29. Te8+} h6 28. Re4 Qf7 29. Re5 {Karpov war
gut darin seine Figuren von guten auf noch bessere Felder zu stellen. Von e5
aus kann der Turm nach f5 um die Dame weiter zu belästigen, bedroht aber auch verdeckt den Bauern b5 auf den ja auch schon die Dame schielt.} Nc4 30. Rxa8
Rxa8 31. Rf5 Qg6 {
Schwarz greift den g4 an damit die weiße Dame nicht zu mobil wird} 32. Qe4 Kh7
33. h3 ({Jetzt wo der schwarze König nicht mehr auf der Grundlinie steht muß
der angegriffene Turm nicht gedeckt werden} 33. Qxa8 Qxg4+ {
diese Antwort nimmt Karpov in der Partie dem Schwarzen mit 33.h3} 34. Kf1 Qxf5) 33... Ra1+
34. Kg2 Rc1 35. Bb4 Nd6 {erzwingt zwar den Abtausch des Läufers gegen den
Springer, aber das verbleibende Endspiel ist bestimmt nicht besser fur Schwarz}
36. Bxd6 cxd6 37. Qd3 d5 38. f3 {übernimmt die Deckung des g4, so das der
h-Bauern vormarschieren und die Dame von g6 vertreiben kann. Danach sind die schwachen Damenflügelbauern kaum noch zu halten} 1-0


Nachdem die Kommentierung bereits abgeschlossen war erinnerte ich mich daran, wie ich beim Nachspielen den Sinn des Zuges 18.a4 angezweifelt habe. Ich dachte, nach 18...a6 kommt ja trotzdem b5, also ist der Zug ja Quatsch. Wer aber gesehen hat wie entscheidend die offene a-Linie für den weißen Angriff war wird Karpovs Intuition zu würdigen wissen.

Hanniball - 02.12.18  

@Kellerdrache

wenn man wie Portisch im 17. Zug b5 anstatt Tfe8 zieht, dann darf man sich nicht wundern, wenn man eine gewonnene Partie noch versiebt.

Kellerdrache - 02.12.18   +

Gewonnene Partie? Ich glaube, dass ist nicht so ohne weiteres verständlich.
Steht Schwarz nach Tfe8 auf Gewinn?

Hanniball - 02.12.18  

@ Kellerdrache

...eindeutig, wenn er nicht einen Kardinalfehler begeht. Der Stellungsvorteil ist nicht mehr aufholbar.

Kellerdrache - 02.12.18   +

Hast du da eine mögliche Fortsetzung? Nicht jeder kennt sich da so aus und selbstverständlich sieht es auf den ersten Blick nicht aus.

Hanniball - 02.12.18  

@ Kellerdrache

ich stelle sie dir nochmals zusammen. Habe sie gelöscht.

Oli1970 - 02.12.18   +

Eine schöne Partie hast Du da rausgesucht, Kellerdrache! Kein bisschen dröge und durchaus verständlich. Zumindest in dem Sinne, dass die Partie nachvollziehbar ist, aber dafür hast Du mit Deinen umfassenden Erläuterungen gesorgt. :-) Mit den Ideen hinter Karpovs Zügen sieht es teilweise schon wieder anders aus; verständlich schon, nur drauf gekommen wäre man größtenteils wohl nicht.

22. g4 ist ja fast noch harmlos zu nennen, Karpov spielt ihn, weil er weiß, dass ihn der Zug nicht in Gefahr bringt, unsereiner spielt sowas als Rettungsanker, wenn ihm der Hintern auf Grundeis geht. Insbesondere meine ich die Verwicklungen ab dem 23. Zug. Sowas richtig zu bewerten - und Du hast ja eine Vielzahl Varianten dargestellt - unterstreicht sein Ausnahmekönnen. Diesen Partieabschnitt nachzuspielen, war echt spannend. Dieser Abschnitt war sicherlich eine Schlüsselstelle dieser Partie und auch mit Betriebsanleitung nicht leicht zu überblicken.

Das Endspiel hat mir ebenfalls gefallen. Das gehört vielleicht mehr zu den Standards; ich habe jedoch kürzlich erst feststellen dürfen, was mir dort fehlt. Daher habe ich dem auch meine Aufmerksamkeit geschenkt. Das nicht mehr gezeigte, aber dennoch selbsterklärende Ende nach 38. f3 fand ich hübsch und lehrreich.

Portisch hatte vermutlich zwei, drei Ungenauigkeiten, die ihm die Niederlage brachten. Dass er den Weg nach 23. .. Kxf7 nicht gesehen hat, kann man ihm nicht vorwerfen, zumal er laut Engine-Bewertung dennoch schlechter steht. Zuvor 21. ..Tfb8 war schon kein Highlight und 17. ..b5 hat Hanniball schon angesprochen. Ich habe schon länger die Vermutung: Aller schlechten Dinge sind drei.

Um auf 17. ..b5 kurz einzugehen, ein gewonnenes Spiel für Schwarz sehe ich bzw. meine Engine nicht. Zwei Wege führen zum Ausgleich, oder nahe dran. Zum einen 17. ..Le6 18. Lxe6 fxe6 19. Dd3, zum anderen laut R. Hübner 17. ..Lg4 18. f3 Le6 19. d5 Lf5.

Danke fürs Zeigen und den ausführlichen Kommentar! Schönen Restadventssonntag!

Vabanque - 02.12.18   +

Eine klasse Partie, die ich gar nicht kannte!

Nun ja, Portisch war ja seinerzeit berühmt dafür, immer ganz besonders schön zu verlieren. So auch hier.

Schade, dass die Fortsetzung nach 23... Kxf7 nicht aufs Brett kam, die gefällt mir nämlich besonders gut. Aber natürlich war Portisch stark genug, nach dem Einschlag auf f7 die Bescherung zu erkennen.

Über den abrupten Schluss war ich schon sehr erstaunt. aber es stimmt, gegen das Vorrücken des h-Bauern und anschließende Abzüge des Tf5 ist kein Kraut gewachsen.

Karpov konnte schon künstlerisches Schach spielen, wenn er wollte. Schade, dass er nicht so oft so spielte wie hier.

Wer sollte denn ahnen, dass der unschuldige Zug 17... b5 solche Folgen hat? Es sieht doch sehr gut aus, den weißen c-Bauern rückständig zu machen.

Optisch sieht davor die schwarze Stellung in der Tat sehr gut aus, trotzdem ist es kaum möglich, dass er hier eine 'gewonnene Partie' gehabt haben soll, wohl nicht mal eine bessere. Karpov hätte ihm, so denke ich, wohl auch bei anderen Züge die verborgenen Stärken der weißen Stellung aufgezeigt.

Hanniball - 02.12.18  

@ Vabanque

...die Partie geht mit T 17. Zug von schwarz T fe8....im 60. Zug (wegen 3- facher Stellungswiederholung) Remis aus.

Gruß Hanniball

kimble - 02.12.18   +

17. oder 60. Zug?!, mal so vom reinen Satzbau her...
Ansonsten ist ein Kausalzusammenhang zwischen dem 17. und 60.Zug im Schach ja logisch...;-)

attacca - 03.12.18    

Wenn meine Oma Räder hätte wärs ein Omnibus.

Kellerdrache - 03.12.18   +

Nachdem ich die Partie quasi ohne äußere Hilfe (von Fritz mal abgesehen) kommentiert hatte fand ich sie dann in einem der Kasparov Vorgänger Bücher. Neben dem hier schon erwähnten kritisiert er die Züge 8...Lf5, der offensichtlich 1982 eine Neuerung von Portisch war und 18...a6. 17...b5 wäre noch ganz in Ordnung, aber nach 18.a4 hätte Schwarz schlagen sollen. Leider erklärt er nicht weiter warum, aber ich werfe es mal als Anregung in die Runde

Kellerdrache - 03.12.18   +

@Vabanque Karpovs Partien haben durchaus taktische Elemente und er opfert auch schon mal Bauern und Figuren. Nur eben sind seine Opfer fast immer durchkalkuliert und nicht spekulativ wie einige von Tal oder auch Kasparov. Seine Eröffnungswahl ist selten auf undurchsichtiges Chaos ausgerichtet, geht aber auch den frühen Vereinfachungen aus dem Weg.
Ein WM-Kampf Karpov (in seiner besten Zeit) gegen Carlsen wäre bestimmt interessant geworden

Vabanque - 04.12.18   +

Das ist ja das generelle Problem, dass die Top-Spieler, die ein WM-Match spielen, fast nie beide zugleich auf dem Höhepunkt sind. Häufig machte ein junger Spieler, der voll im Saft war, einem schon etwas in die Jahre gekommenen amtierenden Weltmeister den Titel streitig. Nur selten sind beide Kontrahenten im gleichen Alter, wenn es zu dieser Konfrontation kommt. Hätte Carlsen einem gleichaltrigen Anand den Titel abnehmen können? Das ist schwer zu sagen. Allerdings verlor Anand ja auch 1998 das FIDE-WM-Match gegen den deutlich älteren Karpov. Karpov hielt sich also schon sehr lange ganz weit oben. Vielleicht hat das ja auch wirklich mit der Universalität seines Spielstils zu tun. Seine Partien scheinen oft ereignislos, doch jeder Zug ist tiefgründig. Karpov hat wohl einfach einen sehr tiefen Einblick in die Erfordernisse einer Stellung.

Jupp53 - 10.01.19    

Danke für die Kommentierung.

Beim Nachspielen jeder gut kommentierten Karpow-Partie erinnere ich mich an einen GM-Spruch. Den Urheber habe ich leider vergessen. Kennt ihn jemand. Ungefähr: "Bei Karpow ist immer erstaunlich, wie er das richtige Feld für eine Figur trifft. Zieht er irgendwann im 20. Zug den König dorthin, dann ist das 20 Züge später das einzige Feld, das Gewinn erlaubt."

Vabanque - 10.01.19    

Ich weiß leider auch nicht, von wem dieses Zitat stammt, aber es trifft den Nagel auf den Kopf. Karpov hatte ein enorm gutes Gefühl dafür, wo die Figuren langfristig am besten zu stehen kommen.

freak40 - 10.01.19    

Arthur Jussopow
Soweit ih es in Erinnerung habe, sagte er auch: Karpov zwingt einen die Figuren dahin zu stellen wo man sie nicht hinstellen mag.

Vabanque - 10.01.19    

So einen Spieler kenn ich hier auch :-)

freak40 - 10.01.19    

Wer?
Bitte um Beantwortung

Vabanque - 10.01.19    

SF pirc_ spielt so, dass ich vom 1. Zug an schon das Gefühl habe, kein einziges gutes Feld für irgendeine meiner Figuren zu haben ...

kimble - 10.01.19    

Ich wusste sofort, daß Du ihn meinst...;-)

Abgesehen davon, daß SF pirc_ ja auch niemals mit d4 eröffnen würde...

Vabanque - 10.01.19    

Du kennst ihn eben :-)

pirc_ - 10.01.19    

ich les das ja jetzt erst :-))
1. d4??...weil d4 kann ja nie mehr e4 decken...ist doch logisch ;-)