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Starke Springer, schwache Felder: Smyslov - Rudakovsky, 1945

Oli1970 - 23.08.20   +
Das Spiel von 1945 zwischen Smyslov und Rudakovsky gilt als eines der instruktivsten Spiele im Blick auf die Schaffung und Ausnutzung von Felderschwächen und Springermonstern. Entsprechend häufig wurde es in verschiedenen Büchern bereits gezeigt. Vabanque machte mich darauf aufmerksam, dass das Spiel dem gleichen Muster folgt, wie die zuvor gezeigte Partie zwischen Fischer und Gadia. Warum also nicht auch dazu eine kleine Kommentierung folgen lassen, die das gleiche Schema erneut betrachtet.

Worum geht es also? Weiß erkennt eine Möglichkeit, wie er dem Schwarzspieler ein sogenanntes schwaches Feld verpassen kann. Natürlich mit dem Ziel, dieses auch entsprechend auszunutzen - es erscheint ein Springermonster!

Die Partie ist relativ klar und entsprechend gut nachvollziehbar. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Zügen 13 bis 17 und ist daher ausführlicher als üblich kommentiert, danach wird das Monster entfesselt. Der Schluss der Partie ist ebenso hübsch, da es Smyslovs Monster gelingt, die schwarzen Figuren so zu überlasten, dass Rudakovsky nur noch bleibt, das Handtuch zu werfen.



[Event "USSR Championship"]
[Site "Moscow RUS"]
[Date "1945.06.??"]
[Round "2"]
[White "Vasily Smyslov"]
[Black "Iosif Rudakovsky"]
[Result "1-0"]
[ECO "B83"]
[EventDate "1945.??.??"]
[PlyCount "57"]

1.e4 c5 2.Nf3 e6 3.d4 cxd4 4.Nxd4 Nf6 5.Nc3 d6 6.Be2
{Ein Scheveninger-Sizilianer}
6...Be7 7.O-O O-O 8.Be3 Nc6 9.f4
{Smyslov stößt Königsgambit ähnlich seinen Bauern vor. Mit f5 kann er den Be5 befragen und so das Feld d5 schwächen oder seinem Turm Ausgang verschaffen.}
9...Qc7
( 9...e5 10.fxe5 dxe5 {erzwingt einen Springerzug} 11.Nxc6 {am aktivsten.} 11...bxc6 )
10.Qe1 Nxd4
{Durch Abtausch des Springers ist der Sc3 zunächst an seinem Platz gebunden, da der Bc3 ungeschützt ist.}
11.Bxd4 e5
{Wenn auch kein Fehler, so muss dem Spieler bewusst sein, dass der Vorstoß das Feld d5 schwächt. Der Sf6 übernimmt jetzt noch die Wächterfunktion. Der Weiß-Spieler wird sich überlegen, wie er das Feld z. B. mit einem Springer als Vorposten besetzen kann. Das geht nur, indem die Wächter verschwinden.}
12.Be3
{oder Lf2, was aber die Turmlinie verstellen würde.}
12...Be6
{Mindestens ungenau gespielt, vielleicht schon ein Fehler. Zu bevorzugen dürfte Ld7 sein. Von e6 aus hat der Läufer weniger nutzbare Felder als von d7 aus. Mit Ld7 - c6 könnte das Feld d5 ein weiteres Mal gedeckt werden. Hinzu kommt, dass er mit f4-f5 sofort wieder vertrieben werden kann und so als zusätzliche Deckung für d5 von hier aus keinen Nutzen bringt. Auch der Le7 kann nichts ausrichten. Hinter den Bauern seiner Feldfarbe ist er ein schlechter Läufer.}
13.f5 $1
{Smyslov treibt den Läufer mit Tempogewinn zurück. Nebenbei kommt er der Eroberung des Feldes d5 ein Stückchen näher - der Weg Le3-g5 nebst Lg5xf6 zum Abtausch gegen den Wächter ist frei.}
13...Bc4 14.Bxc4
{Weiß gibt das Läuferpaar auf. Smyslov plant nicht mit einem Läuferpaar sondern rechnet durch Abtausch mit einem starken Springer auf d5.}
14...Qxc4 15.Bg5
{Weiter im Plan. Schwarzes h6 wäre überflüssig - wozu den Läufer befragen, da Schwarz erkennen sollte, dass Weiß abtauschen wird statt sich zurückzuziehen.}
15...Rfe8
{Rudakovsky erkennt natürlich die Absicht und überlegt mit seinem Zug, e7 Schutz zu geben. Wenn der Springer auf d5 auftaucht, hat der Läufer nach Abtausch auf f6 noch einen Zug Zeit, seine Position zu verändern. Von d5 greift der Springer nach kritischen Feldern, von denen die Königsstellung angegriffen oder Figuren gegabelt würden: f6, e7 und c7 sind nach Sd5 in Reichweite. Aber was nützt Te8 wirklich? Der Tausch ist nicht zu verhindern und Schwarz muss zurücknehmen. Nach Sd5 hat Weiß die gewünschten Optionen, Schwarz könnte seinen Läufer höchstens auf d8 zurückziehen und damit die Verbindung der beiden Türme unterbrechen, was normalerweise nicht gewünscht ist. Schwarz hätte gut daran getan, sich nicht in die Rolle des Verteidigers zu fügen sondern versuchen sollen, ein Gegenspiel aufzubauen. Die halboffene c-Linie bietet sich an, die Dame im Zentrum kann allein nichts bewegen.}
( 15...Rfd8 {bringt Schwarz weiter in Nachteil. Die Idee, den Bd6 vorzuschieben, ist zwar nicht schlecht, jedoch kann Weiß mit Tf2 einfach dagegenhalten und Schwarz hätte einen Brandherd im Zentrum stehen wegen} 16.Bxf6 Bxf6 17.Rf2 d5 18.Nxd5 {Das Monster ist geboren und alle weißen Figuren - auch der ohne Tf2 ungeschützte Bc2 - sind gedeckt.} )
( 15...Rfc8 {und Weiß muss nachdenken. Der sofortige Abtausch mit Lxf6 wäre trotz noch guter Stellung eher ein schwacher Zug und Tf2 wird benötigt, damit der Springer ohne Bauernverlust auf c2 sein Ziel d5 erreichen kann.} 16.Bxf6 $2
( 16.Rf2 Rc5 {nebst Tac8 und Schwarz hat eine gefährliche Batterie an den Start gebracht.} 17.Rd1 Rac8 18.Bxf6 Bxf6 19.Nd5 Bh4 20.g3 Bd8 {Weiß ist noch immer in überlegender Stellung, Schwarz darf dennoch Hoffnung schöpfen. Der Sd5 kann zunächst keinen direkten Schaden anrichten, die kritischen Felder sind gedeckt. Ba2 ist ungeschützt und auch La5 mit Angriff auf die Dame gibt Optionen.} )
16...Bxf6 17.Rf2 Bh4 18.g3 Bd8 )
16.Bxf6 Bxf6 17.Nd5 $1
{Smyslov postiert seinen Springer auf ein Glanzfeld. Sxf6 gxf6 öffnet die Königsstellung und räumt nebenbei eine Schutzfigur weg. Weiß könnte nachfolgend mit Dh4 dann den Bf6 aufs Korn nehmen}
17...Bd8
{natürlich hätte Rudakovsky mit Dxc2 Material gewinnen können. Nach Tf2 müsste die Dame aber schon wieder fort und Schwarz hätte nach Tc1 die Sorge einer drohenden Springergabel auf c7. Trotzdem ist der gespielte Zug nicht gut. Er trennt die Verbindung der Türme, blockiert Te8 und kann selbst nicht aktiv werden, da ihm die Rolle des Aufpassers für Springerausflüge bleiben muss.}
( {Die folgenden 5 Halbzüge simulieren die Stellung nach 17. Sd5, jedoch darf Weiß nun nochmal ziehen (Nullzug):} 17...Qb4 18.Rf2 Qa4 19.Rf1 Qc4 {... Demonstration der zuvor beschriebenen Idee, das Springermonster wird entfesselt: } 20.Nxf6+ gxf6 21.Qh4 Kg7 22.Rf3 {nebst Tg3 und für Schwarz wird es schwer, die richtige Verteidigung zu finden.} )
( 17...Qxc2 18.Rf2 )
18.c3 b5
{Schwer zu sagen, was Rudakovsky hier im Sinn hatte. Möglicherweise noch a5 nebst b4, um das Spiel auf dem Damenflügel zu suchen. Der Bauer wird sich hier nicht mehr wegbewegen.}
19.b3
( 19.f6 {Wäre sofort ein starker Angriff gewesen.} 19...Bxf6 20.Rxf6 gxf6 21.Nxf6+ Kg7 22.Qh4
( 22.Nxe8+ $4 {Weiß hat nichts mehr in der Hand.} 22...Rxe8 23.Qg3+ Kf8 )
)
19...Qc5+ 20.Kh1 Rc8
( 20...f6 {um den in obiger Variante beschriebenen Bauernvorstoß zu verhindern.} )
21.Rf3 Kh8
{Letzte Chance für eigenes f6 vertan. In obiger Variante konnte der König noch als Verteidiger dienen. Hier steht er zu ängstlich, er kann so nicht aktiv am Spiel teilnehmen.}
22.f6 gxf6
{Lxf6 oder g5 hätten folgen müssen. So blockieren sich die verbleibenden Figuren gegenseitig. Dh4 kann ungehindert erfolgen, nach Lxf6 wäre der Preis zumindest eine angreifende Figur gewesen.}
23.Qh4 Rg8 24.Nxf6 Rg7
( 24...Bxf6 {ist nur eine Zugumstellung.} 25.Qxf6+ Rg7 26.Rg3 )
25.Rg3 Bxf6 26.Qxf6 Rg8 27.Rd1 d5 28.Rxg7 Rxg7 29.Rxd5
{Schwarz kann den Damenverlust auf der Grundreihe nicht verhindern, da er sonst mattgesetzt würde. Wäre Bc3 (s. Anmerkung zum 17. Zug) nicht vorhanden, machte Schwarz das Rennen nach Dc1+.}
( 29.Rxd5 Qc8 30.Rd8+ Qxd8 31.Qxd8+ Rg8 )
1-0
aguirre - 23.08.20    
Danke für die Parte,
stimmt, sie ist wirklich klar und dank der guten Kommentare ist das Thema "Starke Springer, schwache Felder" auch für mich als schwächeren Spieler gut zu verstehen. Hat Spaß gemacht sie nachzuspielen. Nochmals Danke.

Grüße
Oli1970 - 23.08.20    
Danke Dir für die Rückmeldung! Ich freue mich sehr, weil ich dann weiß, dass die Kommentierung gelesen wird und ich damit nicht langweile. :-) Also: Sehr gern geschehen!

Die Partie Fischer - Gadia griff das gleiche Thema auf und dürfte, besonders was die Schaffung der Felderschwäche angeht, ebenso zu verstehen sein. Eine dritte Partie dazu habe ich bereits vorbereitet; sie ist etwas komplexer als die ersten beiden, sollte aber nachvollziehbar sein, da das Schema bekannt ist.
Tschechov - 23.08.20    
Klasse! Illustriert sehr anschaulich, was SF Vabanque hier mal anläßlich der von shaack angefragten Faustregeln für Anfänger festgestellt hat, daß nämlich ein Springer, der in die feindliche Hälfte hineinregiert und durch Bauernzüge nicht mehr vertrieben werden kann, so stark ist wie ein Turm. Sehenswert auch der Zug f4. Relative Anfänger wie ich sollten möglichst viele Eröffnungen mal probieren, weil man, was man in der einen lernt, oft auch in anderen Eröffnungen gut gebrauchen kann. Ich habe relativ schnell Königsgambit gespielt und dadurch gelernt, daß man f4 oft gut ziehen kann (später habe ich diesen Zug dann beim Grand Prix-Angriff schätzen gelernt). Gerne mehr davon!
Oli1970 - 23.08.20    
Schön, dass Dir die Partie gefällt! Ja, die Macht des Springers ist hier wirklich beeindruckend. Sie steht und fällt natürlich mit der Bauernstruktur; durch die Stütze des Bauern und die fehlenden schwarzen Verteidigern ist er unvertreibbar und dominiert den Angriff entscheidend.

Auch bei Dir möchte ich Werbung für die Fischer-Partie machen - auch dort wird durch f4 der Aufbau entscheidend erreicht. Die Partie ist ebenso sehenswert und liefert einen Denkanstoß, gelegentlich einen Flügelwechsel in Erwägung zu ziehen. :-)
Alapin2 - 24.08.20    
@ Oli : Habe endlich das Buch mit den Smyslow-Partien wiedergefunden ! (Diesmal nicht verliehen !!) .Mal sehen,ob Deine SUPER-Kommentare dem Vergleich mit dem Meister standhalten....denke wohl schon !
Oli1970 - 24.08.20    
Na, da bin ich gespannt. :-) Ich danke schon mal für die Vorschusslorbeeren!
Vabanque - 24.08.20    
Wie SF Oli1970 bereits im Vorspann schreibt, hat mich die von ihm gezeigte Partie Fischer-Gadia (die mir unbekannt war) an diese Partie hier erinnert, weil ihr genau das gleiche Prinzip des auf d5 'zementierten' Springers (nicht vertreibbar, nicht abtauschbar, höchstens durch Qualitätsopfer zu beseitigen) zu Grunde liegt.

Ich kenne die Partie tatsächlich aus dem Buch von Smyslov wie auch aus einem Buch von Chernev ('The most Instructive Games of Chess Ever Played'), werde jetzt aber absichtlich nicht die Kommentare vergleichen, zumindest nicht, bevor ich meine Bemerkungen zu deinen Kommentaren hinschreibe :-)

Kommentar zum 10. Zug von Schwarz (Sxd4): Ja nun, der weiße Sc3 ist an die Verteidigung des Bauern e4 gebunden, aber worin besteht der Zusammenhang mit dem Abtausch des Springers d4?

13. Zug von Schwarz (Lc4): Ist nicht sogar genau dies der entscheidende Fehler von Schwarz, weil er den Abtausch eines der Bewacher von d5 zulässt (und den Abtausch des zweiten Bewachers, nämlich des Sf6, anschließend nicht verhindern kann)? Hätte Schwarz hier nicht noch (wenn auch unter Tempoverlust) in die im Kommentar zum 12. Zug beschriebene Strategie einlenken können, indem er auf f5 Ld7 zog und den L ggf. nach c6 spielte?

Kommentare und Varianten zum 15. Zug von Schwarz: Ich hatte bisher nicht über Alternativen zu Tfe8 nachgedacht (ich erinnere mich auch nicht, ob Smyslov selbst oder Chernev darüber etwas geschrieben haben), deshalb war mir auch entgangen, dass Schwarz mit Tfc8 statt Tfe8 Weiß größere Schwierigkeiten hätte bereiten können. Aber eigentlich ist dies (rückwirkend betrachtet, wie immer!) logisch, denn auf den gespielten Zug Tfe8 konnte Smyslov nach dem Tausch auf f6 sofort Sd5 folgen lassen, da der weiße Bauer c2 indirekt geschützt war wegen der schließlichen Bedrohung von c7. Der schwarze Turm auf c8 verhindert dies, so dass sich Weiß schwerer tut und wohl erstmal mit Tf2 den Bauern c2 decken muss, wie von dir auch beschrieben. Letzten Endes kann ich aber nicht finden, dass sich dadurch an der Gesamtsituation sehr viel ändert. Der Sd5 bleibt unvertreibbar und un-abtauschbar, auch wenn die schwarzen Figuren etwas aktiver stehen als in der Partiefortsetzung.

Dass im Folgenden mehrmals Weiß die Gelegenheit zu f5-f6 auslässt, während wiederum Schwarz dies nie durch eigenes f7-f6 verhindert, verwundert zunächst schon ein wenig. Aber Smyslov wollte wohl zuerst seine Figuren auf bessere Plätze stellen, damit der Durchbruch f6 noch mehr Kraft hat (wie es dann ja auch kommt). Smyslov war ein Spieler, dem es (ähnlich wie Capablanca) wichtig war, dass alle Figuren harmonisch in den Angriff eingebunden werden. Umgekehrt verzichtete Schwarz wohl deswegen auf eigenes f6, weil dies seinen Läufer noch mehr eingesperrt und gleichzeitig Weiß eine Angriffsmarke für g2-g4-g5 gegeben hätte.

Witzig ist übrigens, dass nach 25. Tg3 die reizende Mattwendung Dxh7+ Txh7 Tg8# droht!
Durch 25... Le7 (statt des geschehenen Lxf6) hätte Schwarz dies zwar verhindern können (g8 ist jetzt durch den Tc8 gedeckt), aber dann hätte Weiß auf g7 getauscht, um die Deckung von h7 zu beseitigen: (25... Le7) 26. Txg7 Kxg7 27. Dxh7+, und wenn Schwarz dann auf f6 nimmt: Kxf6, kommt Tf1+ nebst Df5# (wenn er im 27. Zug nicht auf f6 nimmt, ist er gleich Matt). Schwarz kann das Matt hinauszögern, wenn er statt 25... Le7 den Läufer nach c7 oder b6 zieht. Das ist jetzt von mir alles im Kopf gerechnet, ich hoffe, die Varianten stimmen.

Nach dem 27. Zug von Weiß ist für Schwarz natürlich alles aus; er kann nicht verhindern, dass Weiß Txd6 nebst Txg7 (oder umgekehrt) und Td8+ spielt, der gespielte Zug d5 ändert daran prinzipiell nichts.
Vabanque - 24.08.20    
>>Relative Anfänger wie ich sollten möglichst viele Eröffnungen mal probieren, weil man, was man in der einen lernt, oft auch in anderen Eröffnungen gut gebrauchen kann.<<

Es wird ja vielfach empfohlen, Eröffnungssystem zu studieren und zu spielen, die zu ähnlichen Stellungsstrukturen führen.
Wenn man z.B. mit Schwarz auf 1. d4 gerne Königsindisch spielt, dann bietet sich auf 1. e4 die Pirc-Verteidigung an. Mit Weiß dann vielleicht Königsindisch im Anzug.
Spielt man mit Schwarz gerne Sizilianisch (1. e4 c5), dann ist mit Weiß Englisch (1. c4) das Richtige (auch wenn man nur dann in ein umgekehrtes Sizi kommt, wenn Schwarz mit e5 antwortet).
Wer mit Schwarz Holländisch (1. d4 f5) mag, wird mit Weiß die Bird-Eröffnung sicher zumindest mal versuchen (1. f4).
Tschechov - 24.08.20    
@Vabanque: Hinzu kommt, wie ich finde, daß, wer mehrere Eröffnungen kennt, auch mehr Möglichkeiten hat, unbekannte Stellungen auf dem Brett in bekannte zu überführen. Überhaupt finde ich mittlerweile, daß man sich an den Grundsatz halten sollte, immer das zu spielen, was man kann. Klingt trivial, ich möchte es erläutern. Bei mir unbekannten Eröffnungen machte ich früher oft den Fehler, zu denken:"Jetzt bloß nicht im bekannten Fahrwasser weitersegeln, ungewöhnliche Stellungsbilder erfordern ungewöhnliche Maßnahmen." Gerade das aber hatte dann oft den Partieverlust zur Folge.
Oli1970 - 24.08.20    
Wow, Du gehst sehr gründlich auf die Partie ein, danke dafür, Vabanque! Deine Empfehlung ist eine sehr schöne, instruktive Partie und noch dazu zielorientiert und damit verständlich gespielt.

Schau’n wir mal, was Du schreibst. 10. Zug - ich dachte, das ist klar, mit Abtausch des Sd4 fehlt natürlich eine Deckung für den Bc2, wodurch der Sc3 wegen Dc7 dort vorerst angepinnt ist.

Der 13. Zug von Schwarz ist ein Fehler, zweifellos, wenn man wei, wie die Partie weiter verläuft! Den eigentlichen Fehler habe ich bereits einen Zug vorher verortet. Zunächst mal stimmt es, dass Ld7 usw. machbar gewesen wäre. Wenn man den Zug untersuchte, würde man auf einen weißen Angriffsplan über den Königsflügel stoßen. Ich fand, dass die Darstellung der Variante von meinem gewählten Thema abgelenkt hätte; ich habe bewusst den Schwerpunkt auf den weißen Angriffsplan gelegt und diesen umso ausführlicher dargestellt und versucht, kurz darauf einen Weg aus der Misere für Schwarz zu entwickeln. Kann man drüber streiten, ob das didaktisch gut / besser ist.
Man muss auch sagen - wenn man als Laie den weißen Plan nicht vorgelegt bekommt -, dass der schwarze Zug nicht schlecht aussieht: d5 geschützt, Tausch der Läufer, Spieß auf den Turm in der Diagonalen. Dass Smyslov auf sein Läuferpaar pfeift, ist erstmal nicht naheliegend, gilt es doch allgemein als wertvoll.

Zur f6-Geschichte hätte ich gerne Smyslovs Gedanken gewusst. Vielleicht findet Alapin2 noch was in seinem Buch? Denn er muss sich ja bewusst gewesen sein, dass Schwarz ebenso die Möglichkeit hatte, das Feld zu besetzen.

Die Darstellung der Mattwendung mit dem 23. Zug wäre schön gewesen! Wenn der Viewer bloß Nullzüge interpretieren könnte! Das war schon im 17. Zug ein elendes Rumgeeiere. Ich möchte aber nicht beschwören, dass ich sie bei der Kommentierung zur Kenntnis genommen habe. Hm.
Deine Varianten klingen plausibel, ich müsste zur Nachverfolgung an den Rechner oder ans Brett wechseln. Mit der Scrollerei dabei ist es gerade etwas schwierig. :-)

Der Partieschluss ist m. M. n. sehr hübsch und instruktiv, manchmal lohnt es sich doch, weiter zu rechnen. D5 allein macht es ja nicht, aber wenn dann noch ein Turm verschwindet, fährt das Schiff in den Hafen ein.
Vabanque - 24.08.20    
>>Wenn der Viewer bloß Nullzüge interpretieren könnte! Das war schon im 17. Zug ein elendes Rumgeeiere.<<

Stimmt, das ist ein weiterer Mangel, dass der gegenwärtige Viewer keine Drohungen darstellen kann :-/
(Neben dem bekannten Mangel, dass er nicht von einer FEN-Stellung aus gestartet werden kann)
Vabanque - 26.08.20    
>>Schau’n wir mal, was Du schreibst. 10. Zug - ich dachte, das ist klar, mit Abtausch des Sd4 fehlt natürlich eine Deckung für den Bc2, wodurch der Sc3 wegen Dc7 dort vorerst angepinnt ist.<<

Stimmt, da hatte ich was missverstanden. Dachte an die Deckung des Bauern e4, nicht an die des Bauern c2. Im Text steht ja 'Bauer c3', was nicht stimmen kann. Dann hat also ein purer Schreibfehller für Verwirrung gesorgt. Danke für die Klärung!
Vabanque - 26.08.20    
>>Zur f6-Geschichte hätte ich gerne Smyslovs Gedanken gewusst. Vielleicht findet Alapin2 noch was in seinem Buch? Denn er muss sich ja bewusst gewesen sein, dass Schwarz ebenso die Möglichkeit hatte, das Feld zu besetzen.<<

Ob SF Alapin2 das Buch findet, da habe ich so meine Zweifel (kleiner Insiderscherz). Aber ich hab's gefunden und zitiere mal GM Smyslovs Originalkommentar zum 21. Zug von Schwarz:

'Hier und im vorhergehenden Zug konnte Schwarz f7-f6 spielen, jedoch verurteilte er sich damit zu passiven Verteidigung, und Weiß könnte nach Überführung der schweren Figuren auf den Königsflügel den entscheidenden Sturm auf die schwarze Königsstellung beginnen.'

Zum 22. Zug von Weiß (f6) schreibt er dann:

'Ein typisches Manöver, mit Hilfe dessen der Bauernschutz des feindlichen Königs zerstört wird.'
Vabanque - 26.08.20    
Ach, er schreibt ja oben tatsächlich, dass er das Buch wiedergefunden hat :-)
Vabanque - 26.08.20    
>>Der 13. Zug von Schwarz ist ein Fehler, zweifellos, wenn man wei, wie die Partie weiter verläuft! Den eigentlichen Fehler habe ich bereits einen Zug vorher verortet. Zunächst mal stimmt es, dass Ld7 usw. machbar gewesen wäre. Wenn man den Zug untersuchte, würde man auf einen weißen Angriffsplan über den Königsflügel stoßen.<<

Auch dazu zitiere ich mal Smyslov selber (es ist ja urheberrechtlich erlaubt, Passagen aus Büchern zu zitieren, falls sie sich nicht über ganze Seiten erstrecken, so weit ich es weiß).

Zum 12. Zug von Schwarz (Le6) schreibt Smyslov in Übereinstimmung mit Oli:

'Es ist besser, den Läufer über d7 nach c6 zu entwickeln. Der Textzug hat den Mangel, dass er dem Weißen gestattet, mit Tempo den Bauernsturm am Königsflügel zu beginnen.'

Und zum 13. Zug (Lc4) schreibt er, und das ist jetzt schon aufschlussreicher:

'Schwarz verfolgt einen positionell falschen Plan. Der Vorstoß e6-e5 hat das Zentralfeld d5 geschwächt, so dass der weißfeldrige Läufer zur Verteidigung dieses wichtigen Punktes erhalten bleiben muss. Auf 13... Ld7 kann freilich 14. g4 Lc6 15. Lf3 mit der Drohung g4-g5 folgen. Nichts hilflt nun 15... h6 wegen 16. g5 hxg5 17. Lxg5, und Weiß öffnet die g-Linie zum Angriff. Interessant zu versuchen ist aber anstatt 15... h6 15... d5 16. exd5 e4 17. Sxe4 Sxd5 mit scharfem Spiel, wenn auch nach 18. Ld4 die weißen Chancen reeller erscheinen.'
Oli1970 - 26.08.20    
Unglaublich, selbst bei der Nachverfolgung ist mir der Schreibfehler nicht aufgefallen. Wie verpeilt man doch in seinen Gedanken sein kann! :-)

Die Anmerkungen zu f6 sind interessant - danke fürs Nachschauen! So habe ich ein schwarzes f6 und die weißen Möglichkeiten dahinter nicht gesehen. Ich sehe mal wieder meine Grenzen. ;-) Smyslov schreibt so einfach von der Überführung der Figuren. Die Frage, die sich der Amateur stellen muss, ist natürlich, ob ihm - dem Amateur - das leicht gefallen wäre. Man munkelt ja, das beim Schach zwei Leute mitspielen.

Jetzt lese ich gerade, dass Du noch auf den 13. Zug ... Lc4 eingegangen bist. Jetzt wäre zu untersuchen, ob Smylovs Angaben auch schon auf 12... Ld7 (statt Le6) gelten würden. Klar ist, 13... Lc4 hätte in meiner Kommentierung ein "?" bekommen müssen, denn fehlerhaft war der Zug so oder so.
Vabanque - 26.08.20    
>>Jetzt wäre zu untersuchen, ob Smylovs Angaben auch schon auf 12... Ld7 (statt Le6) gelten würden.<<

Naja, Weiß hat gegenüber Le6 ja dann das Tempo f5 weniger. Varianten gibt Smyslov zu 12... Ld7 keine an.
Vabanque - 26.08.20    
>>Die Anmerkungen zu f6 sind interessant - danke fürs Nachschauen! So habe ich ein schwarzes f6 und die weißen Möglichkeiten dahinter nicht gesehen. Ich sehe mal wieder meine Grenzen. ;-) Smyslov schreibt so einfach von der Überführung der Figuren. Die Frage, die sich der Amateur stellen muss, ist natürlich, ob ihm - dem Amateur - das leicht gefallen wäre.<<

Die Partie findet sich ja auch in dem Buch 'The most instructive games of chess ever played' von Irving Chernev.
Dort führt Chernev tatsächlich eine mögliche und plausible (wenn auch keineswegs zwingende) Variante zu 21... f6 aus (ich übersetze die dortige deskriptive Notation mal in die heute gebräuchliche algebraische):

'Black might have played 21... f6 here, to prevent the break-up of his King-side position. The subsequent play would probably have gone something like this: 22. Rh3 a5 23. Qh4 h6 24. Qg4 (threatens Rxh6) Kh8 25. Rf1 Be7 26. Qg6 Bf8 27. g4, and Black has no defense.'

Ich denke, diese mögliche Variante führt ganz gut das aus, was Smyslov mit dem Sturm auf dem Königsflügel nach Überführung der schweren Figuren meinte.