Chess topics

Borris Spassky über Viktor Kortschnoi

freak40 - 21.10.18   +

Ich habe vor kurzem ein Interview von Spassky (leider auf französich...sonst würde ich es hier reinstellen) über unter anderem halt Viktor Kortschnoi gehört.

Jetzt mal sinngemäß (so gut ist mein französisch nicht) :
Kortschnoi ist der härteste Schacharbeiter....jeden Tag mindestens 12 Stunden!
Es gibt keinen der so hart arbeitet.
Wenn er eine Ameise wäre und alle um den Stein herumlaufen, er würde versuchen über den Stein zu laufen.

Auf die Frage warum Kortschnoi nicht Weltmeister geworden ist, schüttet sich Spassky vor lachen aus...Antwort: " Er hat kein Schachtalent".

kimble - 21.10.18   +

Wie die Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung von Kortschnoi klafft zeigt dieses Video eines Spiel(endes) zwischen ihm und S.Polgar von vor 12 Jahren (46sec.)
https://youtu.be/TxeiGipoFSE

Das hat er offensichtlich verloren und so benimmt er sich auch...:-)

Tschechov - 21.10.18    

Ich habe mir mal ein Buch von Kortschnoi ausgeliehen. Denkwürdig waren die haßerfüllten Bemerkungen über Karpov. Ich meine, ich kann ihn ja verstehen, aber hatte er denn keinen Lektor, der ihn davon abbrachte?

Canal_Prins - 21.10.18    

@ Tschechov

….ich berichtige deinen oben stehenden Satz mit "Ich habe mir mal ein Buch über Kortschnoi ausgeliehen".

Er war ein begnadeter Spieler und bei Turnieren mit allen Tricks gewaschen........privat war er ein ruhiger ausgeglichener Typ.

Ein großartiger Schachspieler und Freund.

Tschechov - 21.10.18    

@Canal_Prins

Der Autor war wirklich Kortschnoi (ich meine, vielleicht hatte er einen Ghostwriter, offiziell jedenfalls war das Buch von ihm). Aber trotzdem mag es sein, daß ich ihn ungerecht beurteile.

Vabanque - 22.10.18   +

>>Auf die Frage warum Kortschnoi nicht Weltmeister geworden ist, schüttet sich Spassky vor lachen aus...Antwort: " Er hat kein Schachtalent".<<

Das hatte ich auch schon mal gelesen, dass Spassky so über Kortschnoi geurteilt hätte.

Nun ja, wörtlich darf man das sicher nicht nehmen. Wenn Kortschnoi kein Schachtalent hatte, dann hatten und haben wohl 95% aller Großmeister ebenfalls keines.

Aber wie alle Radikal-Urteile, so birgt auch dieses ein Körnchen Wahrheit. Wenn Kortschnoi trotz härtestem Training nicht Weltmeister wurde, so mag das schon daran gelegen haben, dass ihm das allerletzte Quentchen Talent, das dazu erforderlich ist, fehlte.

Vielleicht war aber gar nicht das Talent, das ihm auf dem Weg zu den höchsten Schachweihen entgegenstand. Vielleicht lag es am Kämpfen an falschen Fronten. Ein gewisser Hass auf den Gegner kann ja durchaus hilfreich sein (umgekehrt läuft man selten zu großer Form auf, wenn man gegen einen guten Freund spielt), aber dieser unbändige Hass, den Kortschnoi auf Karpov hegte, hat ihm wohl auch spielerisch hauptsächlich geschadet. Wenn ich auf jemanden eine wahnsinnige Wut habe, so verdunkelt dies mein klares Denken, es greift sogar in meine Körperfunktionen ein (ich zittere und schwitze dann etc.). Ähnlich mag es Kortschnoi in den Wettkämpfen gegen Karpov gegangen sein. Vereinfacht und salopp gesagt: wenn die ganze Energie im Hass verbraucht wird, bleibt keine mehr für die Zugfindung übrig.

Dass er bei genügendem Sicherheitsabstand von Karpov ein ruhiger, ausgeglichener Mensch war, mag ja trotzdem stimmen. Ich kann es nicht beurteilen, denn ich habe ihn nicht persönlich gekannt.

Ich denke, Kortschnois Hass gegen Karpov war nicht einmal persönlicher Natur; Karpov verkörperte für ihn einfach das verhasste Sowjetsystem.

Trotzdem sollte man Kortschnoi - wie alle Spieler - allein aufgrund seiner Leistungen am Schachbrett beurteilen. Kortschnois aussichtsloser (und nur in seinem Kopf stattfindender) Kampf gegen das sowjetische Regime sollte genauso wenig in seine Würdigung als Spieler einfließen, wie bei Aljechin dessen Nazi-Anbiederungen und antisemitischen Schriften (auch wenn ich den Eindruck habe, dass die große Mehrheit der chessmail-Mitglieder hier anderer Ansicht ist).

Fußnote @Tschechov: 'Ich habe mir mal ein Buch von Kortschnoi ausgeliehen' klingt in der Tat so, als hätte er selber es dir geliehen. Trotzdem ist dein Satz korrekt; es wäre sogar schwierig, es anders auszudrücken, dass du dir von jemandem (dessen Name hier unerheblich ist) ein Buch ausgeliehen hattest, dessen Autor Kortschnoi war.

freak40 - 22.10.18   +

Das Video von SF kimble ist aufschlußreich...
Ich verweise (...hm...tue ich ja nicht konkret; empfehle youtube ...habe keine Lust es rauszusuchen) nur auf die "Würdigungen" von Short und Adams.
Okay, Short ist natürlich spezial!
Adams hingegen ist (alle Schachkollegen meinen es) ein sehr vornehmer und angenehmer Zeitgenosse.
Auch sein Urteil ist über die Person Kortschnoi (hat nichts mit dem schachlichen Können zu tun) vernichtend.

Canal_Prins - 22.10.18    

@freak40

bist du noch nie bei einem Turnierspiel, was du nach deiner Meinung sicher in der Tasche schon hattest und dann doch verloren hattest, ausgeflippt ??

@ Vabanque

Ja er hasste das Sowetregime und die oberen Regierungsmitglieder, die seine Gegner (Karpow u. a.) durch Sekundanten unterstützten.

Er war ein Einzelkämpfer.

http://www.faz.net/aktuell/sport/mehr-sp..

Für mich war er wie Magnusson.

freak40 - 22.10.18   +

@canal_prins
Ehrlich gesagt: Nein

Vabanque - 22.10.18   +

Ich auch nicht. Ich war dann eigentlich immer nur traurig, habe aber nie meinen Gegner meine Verärgerung spüren lassen. Denn ich ärgerte mich ja nur über mich selbst, dass ich die Partie verdorben hatte. Was kann der Gegner dafür?

>>Ja er hasste das Sowetregime und die oberen Regierungsmitglieder, die seine Gegner (Karpow u. a.) durch Sekundanten unterstützten.<<

Das war damals aber regelkonform!

Vabanque - 22.10.18   +

Im Übrigen glaube ich kaum, dass Karpovs Überlegenheit nur von seinem Sekundantenteam herrührte. Er war jünger als Kortschnoi und zwar insgesamt vielleicht nicht unbedingt der größere, sicher aber der besonnenere Spieler.

Die ganze Karpov-Kortschnoi-Ära (Mitte 70er bis Anfang 80er) empfinde ich sowieso in der Schachgeschichte eher als Vakuum. Fischer war untergetaucht und hinterließ eine mehr als schmerzliche Lücke im Weltspitzenschach, die Leistungen von Spassky und Petrosjan hatten nachgelassen, Nachwuchs an der Weltspitze blieb weitgehend aus. Dies änderte sich erst Anfang der 80er wieder, als der junge, dynamische Kasparov sich an die Spitze spielte. Allerdings sollte es auch wieder bis in die 90er dauern, bis sich weiterer Top-Nachwuchs einstellte (Anand, Ivantschuk, Kramnik) und die Schachwelt wieder bunter wurde.
Heute hat sich die Situation ins krasse Gegenteil verkehrt: eine unübersehbare Flut von Top-Spielern tummelt sich da, von denen man teilweise nicht einmal den Namen kennen kann.

Kellerdrache - 22.10.18   +

Kortschnoi war zumindest ein eigenartiger Charakter. Vor allem hatte er wohl ein sehr gutes soziales Gedächtnis. Er war dankbar wenn man ihm was gutes tat und vergaß das auch nicht, aber wohl auch furchtbar nachtragend.
Für seinen Haß gegen Karpov als Vertreter des sowjetischen Systems gab es ja durchaus gute Gründe (Er wurde zeitweise zu lukrativen Turnieren nicht eingeladen weil diese sonst von sowjetischen GMs gemieden worden wären).
Die WM-Kämpfe gegen Karpov hat er meiner Meinung nach verloren weil er a) in seinen Leistungen nicht so beständig wie sein Gegner war (es gibt ein, zwei Niederlagen von ihm wo er wirklich sehr, sehr schlecht spielte) und b) den nervlichen Stress nicht gut verarbeiten konnte.
Spasskis Zitat muß man glaube ich auf dem Hintergrund seiner eigenen Persönlichkeit betrachten. Spasski selbst war ja eine faule Sau, die vor allem von ihrem überragenden Talent lebte. Wenn also jemand, der soviel fleisiger war als er es nicht zum WM brachte, konnte es ja nur am Talent liegen

toby84 - 22.10.18    

"Heute hat sich die Situation ins krasse Gegenteil verkehrt: eine unübersehbare Flut von Top-Spielern tummelt sich da, von denen man teilweise nicht einmal den Namen kennen kann."

Na das ist ja interessant. Hast du eine Theorie dazu? Wird das Schachspiel wieder beliebter? Haben mehr Menschen Zugang zu fundierten Schachlerninformationen? Hilft die KI bei effizienterem Training? Oder ist es einfach Zufall, dass es gerade eine schachliche Hochphase gibt?

Vabanque - 22.10.18    

Wie immer sehr schön und prägnant von dir auf den Punkt gebracht!

Vabanque - 22.10.18    

Mein letzter Beitrag bezog sich natürlich auf die Ausführungen von Kellerdrache, toby schob sich dazwischen.

Vabanque - 22.10.18    

>>Haben mehr Menschen Zugang zu fundierten Schachlerninformationen?<<

Ich denke, hauptsächlich dieses. Dadurch hat sich das allgemeine Niveau schon sehr gehoben.

Vabanque - 22.10.18    

>>Hilft die KI bei effizienterem Training?<<

Könnte auch der Fall sein, muss aber nicht. Ich bin mit meiner Einschätzung da vorsichtig.

freak40 - 22.10.18    

Ich hatte das Privileg (wie soll ich es sonst nennen?) mit Herrn Hilgert bekannt zu sein.
Dieser hatte Kortschnoi SEHR protegiert und unter anderem dafür gesorgt, das seine Frau ausreisen konnte.
Kortschnoi war (um es mal sehr freundlich auszudrücken) Herrn Hilgert, als er ihn nicht mehr brauchte, gegenüber unter aller Sau.
Herr Hilgert war immer eine korrekte Persönlichkeit....Nachfragen bei Vlastimil Hort, Waganjan etc.

Der Kortschnoi war ein großartiger Spieler....als Mensch hätte ich nichts mit ihm zu tun haben wollen.

Kellerdrache - 22.10.18   +

Nicht jeder weiß, dass Herr Hilgert der langjährige Sponsor des Porzer Schachvereins und der dazugehörigen Bundesligamannschaft war

This post can no longer be commented