Miscellaneous

Latest postings

Anfängerpsychologie

Tschechov - 06.11.18    

Obwohl ich bald bereits 400 Spiele gespielt haben werde, ertappe ich mich immer noch bei einer Art Anfängerpsychologie. Ist mein Gegner leicht im Vorteil, glaube ich mich verloren, habe ich einen Bauern mehr ergattert, fühle ich mich unbesiegbar. Dabei habe ich hier schon Spiele mit einem Turm weniger noch gewonnen und aussichtsreiche Partien noch verkackt. Läßt das irgendwann nach oder begleitet einen das durch sein Schachspielerleben?

Eudora - 06.11.18   +

Nach meiner Erfahrung schleift sich das aus, je häufiger Du die von Dir genannten von der Regel abweichenden Erfahrungen machst. Ich habe mittlerweile alle meine Annahmen bzgl. meines Gegners aufgrund seiner Spielzüge/Figurenverluste und -gewinne über Bord geworfen und versuche selbst, so unemotional wie möglich zu spielen. Figurenverluste abhaken, Figurengewinne nicht überbewerten, konzentriert und sachlich bleiben.

Und dann gibt es noch Erfahrung, die man genau einmal macht und die so schmerzhaft/peinlich ist, dass einem das nie wieder passiert: Was aussah wie ein Flüchtigkeitsfehler meines Gegners (ich konnte seine Dame für einen Läufer kriegen und diesem Happen vor lauter Freude nicht widerstehen), führte drei Züge später zum Matt. Nie wieder gehe ich seitdem von einem Flüchtigkeitsfehler meines Gegners aus, wenn sich ein vorteilhafter Abtausch oder gar eine "Geschenk" anbietet.

Vabanque - 06.11.18    

>>Was aussah wie ein Flüchtigkeitsfehler meines Gegners (ich konnte seine Dame für einen Läufer kriegen und diesem Happen vor lauter Freude nicht widerstehen), führte drei Züge später zum Matt. Nie wieder gehe ich seitdem von einem Flüchtigkeitsfehler meines Gegners aus, wenn sich ein vorteilhafter Abtausch oder gar eine "Geschenk" anbietet.<<

Ob es sich in einem solchen Fall um einen tatsächlichen Fehler oder aber um eine Falle handelt, ist leider auch für relativ erfahrene Spieler manchmal schwer zu sehen.

kimble - 06.11.18    

...also ich hatte unlängst hier eine Partie auf cm gegen einen relativ prominenten SF, der mir nach einer Gambiteröffnung meinerseits mitteilte, dass er grundsätzlich niemals mit einem wie auch immer gearteten Gambit eröffnet, frei nach dem Prinzip, warum einen Bauern hergeben, wenn es nicht sein muss.
Damit trifft er natürlich einen ganz bestimmten Kern, denn das Gambit lebt ja von Postitions(- Vorteil) contra Material(-Nachteil), gerade in der Eröffnungs- und Mittelspiel strebenden Phase.
Bei Gegnern, die sorgfältig und genau erwidern habe ich es schon manchmal erlebt, daß der in der Eröffnung im Rahmen Gambit geopferte Bauer (oder sogar zwei Bauern wie z.B. Nordisches Gambit, Falkbeer Gegengambit u.a.) sich materiell durchzog bis zum Endspiel und dann sogar entscheidend (...also für mich nachteilig) war.
Insofern möchte ich behaupten einen Bauer materiell schlechter zu stehen ist nicht zu unterschätzen, andererseits ist es natürlich so, dass letztendlich die Position entscheidend ist und da ist über materielle Ungleichgewichte vieles möglich.

Pantophage - 06.11.18    

Bei mir hat das "Tschechov-Syndrom" tatsächlich etwas nachgelassen, nachdem es mich jahrelang gequält hat. Ich schaff' das jetzt tatsächlich hin und wieder, mal ein Spiel zu drehen, auch wenn ich schon in materiellem Nachteil war, was mich früher auch sehr entmutigt hat. Ganz einfach, weil auf unserem Level der Gegner genauso schnell mal einen Fehler macht und dann sieht die Welt schon wieder anders aus.
Ich gebe aus eben diesem Grunde auch nicht mehr so schnell auf wie in früheren Zeiten, als ich bei Figurenverlust im Stile eines Großmeisters sofort das Handtuch geworfen habe, denn ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass selbst ein verloren geglaubtes Spiel sich noch wendete.
Ein anderes Thema ist es, wenn sich Materialnachteil durch Stellungsvorteil kompensiert oder umgekehrt, z.B. auch auf Grund von bewusst erbrachten Opfern. Aber davon sprechen wir wohl gerade nicht.

Hasenrat - 06.11.18    

Ja, aus eigener Erfahrung - v. a. im ernsten Nahschach - kann ich bestätigen, dass es hilfreichste psychologische Selbstdisziplin ist, einen faktischen qualitativen oder materiellen Vorteil gefühlt (!) so zu haben als hätte man ihn nicht.
Ich hatte mal gegen ein Kind früh einen Turm erobern können mit dem Orang-Utan-Läufer über das klassische gegenüberliegende Bauerneinschlageck auf g7, unter Inkaufnahme heikler rückständiger Entwicklung. Ich hab da in der Folge bewusst Bedenkzeit investiert quasi "ohne Ende". Und gerade das demoralisierte den jugendlichen Heißsporn dann vollends ... "was überlegt der Mann hier noch so lange, hat doch eh gewonnen ..." - nein, ich wusste in dem Moment, dass die klar gewonnenen Spiele, bei denen es angeblich nur noch eine Frage der Technik ist, mit die schwersten sind.
Immer, wenn ich innerlich schon "feiern" will wegen eines Etappenerfolgs, "scheiße ich mich zusammen" u. ermahne mich zur Wachsamkeit - manchmal hab ich auch Erfolg damit.^^

Kellerdrache - 07.11.18    

Also automatisch lässt das (leider) nicht unbedingt nach. Als Anfänger (oder generell Amateur) neigt man zu einer statische Betrachtung . Man zählt die Figuren, vielleicht wenn man etwas geübter ist noch die Diagonalen, offenen Linien und zurückhängenden Bauern. Wirklich gute Spieler betrachten aber viel stärker das Potential welches in den einzelnen Figuren und auch der Stellung an sich steckt. Das ist natürlich im Zweifelsfall auch viel schwieriger zu beurteilen

Schlafabtausch - 14.11.18    

Eudora, alte Börsenweisheit: Gier frisst Hirn!

Ansonsten kann man Psychologie auch als taktisches Elemnt nutzen. So versuche ich oft gegen Gegner, die höhere Spielstärkewertung haben direkt klar zu machen: Ach, ich habe ja eh keine chance gegen dich, du bist eh besser...dabei habe ich auch schon gegen gegner mit dwz vonn +300 und mehr gewonnen, wenn ich konzentriert bleibe, und die gegner mich eben nicht, oder zu spät ernst nehmen. Darum versuche ich geradestärkere in Sicherheit zu wiegen, damit Sie bei meinen "Finten" von Fehlern ausgehen...dazu noch wenn man ein "Opfer" anbietet sich noch an die stirn schlagen oder mit dem Kopf schütteln, so tun, als würde man sich ärgern, natürlich nicht all zu offensichtlich und übertrieben...das kann manchmal klappen im Nahschach...

Oder was (zumindest im nahschach) auch funktioniert ist dass man selber anfängt schneller zu ziehen, bspw. in Stellungen in welchen ich eh zurück liege und ich nichtmehr viel zu velrieren habe ziehe ich zügiger, unabhänig davon, wieivele Zeit mein gegner oder ich noch haben...ergebnis: Die meisten gegner passen sich dem Tempo an, ziehen selbst auch zügiger...und haben aber da sie ja vorne liegen im gegensatz zu mir was zu verlieren, patzen dann, ich habe den ausgleich und muss mich dann aber selber wieder zwingen wieder "vernünftig" zu ziehen etc...auch das funktioniert immer wieder mal ganz gut...

Schlafabtausch - 14.11.18    

Was mir gerade noch einfällt: ich hatte mal folgende Situation in einem Wettkampf: ich kaute bzw knackte auf einem Bonbon rum, anscheinend laut und lange genug, dass es den Gegner nervte der meinte: "Ey, kannst du das Bonbon vielleicht einfach mal Essen? Das macht mich Wahnsinnig..."

War zwar eigentlich garkeine Absicht, aber...Gut zu wissen...

Schlafabtausch - 14.11.18    

Hasenrate hau gegen Kinder habe ich auch immer die größten Probleme. Viele spielen echt einfach schlecht aber es gibt auch einige die sind richtig gut..macht ein Kind also einen zug der einem selbst keinen Sinn macht neigt man oft dazu davon aus zu gehen dass das Kind schlecht spielt...dabei konnte es auch einfach nur genial sein...hab ich auch schon erlebt 10 jährige die mir die Hölle Heiss gemacht haben. Aber das weiss ich halt nicht..ist ein zug des Kindes objektiv schlecht oder verstehe ICH den nur nicht...sehr gefährlich

Jupp53 - 15.11.18    

@Schlafabtausch
"Ansonsten kann man Psychologie auch als taktisches Element nutzen. So versuche ich oft gegen Gegner, die höhere Spielstärkewertung haben direkt klar zu machen: Ach, ich habe ja eh keine Chance gegen dich, du bist eh besser...dabei habe ich auch schon gegen Gegner mit dwz von +300 und mehr gewonnen, wenn ich konzentriert bleibe, und die Gegner mich eben nicht, oder zu spät ernst nehmen. "

Darauf antworte ich in Zukunft: Ich bin der alte Löwe aus der Fabel von Äsop, der die Tiere zum Abschiedsbesuch in seiner Höhle auffordert. Wer dem folgt, der kommt rein.

Schlafabtausch - 16.11.18    

@Jupp: Jaja, hast du Recht geht natürlich auch andersrum. Gibt es ein schönes Wissenschaftliches Experiment zu: Zwei "Probanden" wurden eingeladen gegeneinander ein Glücksspiel, reine s Glück wie wetten auf Münzwurf oder so ähnlich" zu spielen. Dabei war der eine Proband garkein Proband sondern ein schauspieler, von den Wissenschaftlern instruiert. Spielte dieser Selbstsicher, so setzte der andere weniger spielte er eingeschüchtert und zurückhaltend setzte der Gegner mehr. Wie gesagt: Reines Glück, wie siegessicher oder eben nicht der Gegner ist spielt garkeine Rolle für den Ausgang und die Wahrscheinlichkeit, dennoch beeinflusste es das Setzverhalten des Probanden. Soll heissen: es klappt natürlich auch sorum, dass man selbst Siegessicher auftreten kann/muss, um genau daraus schon einen Vorteil zu generieren. So trete ich bei vermeidlich schwächeren Gegnern (weniger DWZ, erheblich jünger, von der Körpersprache her zurückhaltener, nervöser etc.) absichtlich Aroganter, Kühler, abgeklärter am Brett auf, um genau diesen Psychologischen Effekt zu nutzen und sie von vornherein direkt zu noch defensiveren Spiel zu bewegen. Also: Bin ich selber der vermeindlich schwächere, dann gebe ich uch den schwächeren absichtlich, andersrum, bin ich selber vermeindlich stärker, lasse ich das auch raushängen. Aber alles Kalkuliert.

Schlafabtausch - 16.11.18    

Oder so psychospielchen wie ich früher mit Vereinskammeraden immer gemacht habe, die ich gut Kannte, wenn ich wuste ich muss im zuge der Vereinsmeisterschaft in 2 wochen gegen die rann: : "Ich zum gegener/Scahchfreund/Vereinskamerad: Ich weiss du spielst immer 1.e4 , ich bereite mich dann schonmal drauf vor.!" Er: "vielleicht spiele ich ja genau deshalb dnicht 1.e4 nächstesmal" Ich:"Vielleicht will ich das ja" Er" Vielleicht sollte ich doch 1.e4 Spielen" Ich: Vielleicht will ich das ja" Er: Aber ich weiss wie du dich immer dagegen verteidigst" usw.

Den meisten Kollegen ging das am Arsch vorbei, ein Kollege sagte mir allerdings mal, ich solle aufhören ihm vorher zu sagen, dass ich wdavon ausgehe dass er dasunddas spielt, das macht ihn Kirre. ich nur: "Vielleicht will ich das ja...?"

Übrigens: In dem besagten Match spielten wir beide trotz oder wegen der Ansage beide genau das selbe was wir beide immer spielten :-) Ich bereitete mich vor gegen sein 1.e4 und hoffte bzw. wusste auch dass er davon nicht abweicht. Und er wollte sich nicht von mir beeinflussen lassen und blieb deshalb gerade dabei. Und lief damit voll in meine Vorbereitung. Aber lieber abweichen und was für Ihn unbekanntes spielen besser?

ich leibe genau diese Psychospielchen bzw. Komponente im Schach

FCAler - 16.11.18    

Ich habe mich seit ich Punktspiele in der Liga betreibe (seit 1987) noch nie auf einen Wettkampf, bzw. einen Gegner vorbereitet, weil ich kein Hellseher bin und nicht weiß wie "der" an dem Tag spielen wird.

Ich habe immer darauf reagiert wie der Gegner an dem Tag gespielt hat, dabei manchmal gewonnen, aber eben öfters verloren, sonst hätte ich nämlich eine bessere DWZ-Zahl.

So einfach sehe ich das, dass aber richtig gute Spieler sich darauf vorbereiten ist wohl Fakt. Aber auch die müssen sich genauso umorientieren, wenn der Gegner anders spielt als derjenige geglaubt.

Also was soll dann diese ganze Vorbereitung auf ein Spiel???

Hasenrat - 16.11.18    

Weil automatisch das eigene Repertoire größer wird. Mag der konkrete Gegner dann auch überraschend anders spielen, aber man hat wieder was gelernt, was man später zufällig gegen einen anderen Gegner wieder anwenden können wird.

FCAler - 16.11.18    

Dann solltest Du am besten da rein schauen und Dir das alles einprägen (ich kann es nicht) ich bin wahrscheinlich zu alt dafür das noch zu erlernen, ich spiele Gefühlsmäßig. Und schaue Dir mal an wie viele Varianten es alleine bei einem der Videos gibt. Ich glaub, dass man hier im falschen Kreis von "fast" nur Hobbyspielern diskutiert. Damit klinke ich mich wieder aus, wollte das nur aus meiner Sicht klarstellen, Danke.
https://www.youtube.com/watch?list=SPB34..

Hasenrat - 16.11.18    

Ich vergesse auch viel zu Vieles viel zu schnell. Mein Gedächtnis ist ein Sieb - aber eben drum: irgendetwas, das man doch nutzen und reaktivieren kann, bleibt immer hängen.
Und das Gedächtnis ist bekanntlich quasi wie ein Muskel, der stetig trainiert und herausgefordert sein will ...

Ich kenne auch Schachfreunde, deren einzige Vorbereitung auf kommende Partien darin besteht, absolvierte Partien nachzubereiten und aus den eigenen Fehlern zu lernen. Theorien & Variantenbäumen und -moden geschweige denn den Vorlieben des Gegners widmen sie sich nicht - und fahren gut damit. Sie spielen aber meist auch nur ein Universalsystem, das sich intuitiv recht gut bedienen lässt.

Schlafabtausch - 17.11.18  

Naja aber bei manchen kann man die Uhr nächsten Zellen. Bei dem Kollegen war es so dass er immer mit 1.d4 eröffnet. Bringe ich ihnen. Dann durch meine Vorhersage dazu dich Mal wieder Erwarten was anderes zu spielen ist er wenigstens in für ihn unbekannterende gefielen als wenn er seinen bekannten Stiefel spielen kann.

Es gibt ja auch gewissen Wahrscheinlichkeit. Bspw spielen nur irgendwie 12% aller Schwarzpulver skandinavisch. Bei unbekannten gegnern ist die Frage ob man sich das draufschaffen soll, wenn zu 88% eben kein skandinavisch kommt. Andererseits war das zum Beispiel der Grund für mich skandinavisch zu spielen da eben die meisten sich das nicht angeguckt haben usw.

Schlafabtausch - 17.11.18    

Schwarz Spieler nicht Pulver

Tomhaan - 17.11.18   +

@Schlafabtausch: Das Geschreibsel war wirklich "unbekannte Gefilde". Man kann doch wenigstens nochmal kontrollieren, was man veröffentlichen will.?.

Vabanque - 17.11.18    

Da hatte wohl die Autokorrektur auch noch einen gewissen Anteil dran ...

Jupp53 - 17.11.18   +

Was so alles für Psychologie gehalten wird wundert mich nicht mehr nach 45 Jahren Beruf und Studium. Bemerkenswert ist es trotzdem gelegentlich.

Jedenfalls ist die Idee, man müsse Varianten auswendig lernen, um sich auf eine Eröffnung vorzubereiten, einfach nicht durchdacht. Das kann manchmal sinnvoll sein. Meistens geht es doch erst einmal um Verständnis. Irgendwann mal hat auf seinem Blog IM I.Schneider über seine davor letzte Saison in der ersten Bundesliga geschrieben, dass er im Schnitt im 7. oder 8. Zug aus seiner Vorbereitung war. Dabei hat er über die entstandene Stellung immer noch einiges gewusst, was er nicht erwähnte.

Beispiele für Hobbyisten und durchschnittliche Vereinsspieler? Aber sicher: Tarrasch-Verteidung im Damengambit. Wo gehört der Sf6 im Falle einer Isolani-Stellung hin? Nach e4. Jetzt weiß ich auch, dass bei weißen Isolanis ein Springer nach e5 gehört. Weiter Tarrasch-Verteidigung: Wohin gehört der Lc8? Er steht besser auf g4 als auf e6. Wann gehört die Dame nach b6, nach d6, nach e7?

Wer die Fragen nur stellt und eine oder zwei Antworten aus Meisterpartien findet, der kann sich daran eher erinnern, als an irgendeine Zugfolge. Dafür gibt es mehrere Gründe. (Hier setzt dann Lernpsychologie ein.) Das ist eine sinnvolle Form der Vorbereitung.

Vabanque - 17.11.18    

Super Beitrag, Jupp!

Schlafabtausch - 17.11.18    

Tomhaan wer Fehler findet darf sie behalten ;-)

Vabanque - 17.11.18    

Das war doch wirklich die Autokorrektur, die 'Schwarzspieler' nicht kannte, und deswegen in 'Schwarzpulver' umwandelte?

Schlafabtausch - 17.11.18    

Jupp geht mir genauso mit Wirtschaft, jeder denkt er hätte da Ahnung von...

Aber es heißt ja auch Anfängerpsychologie
This post can no longer be commented