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Wie verwendet ihr das Analysebrett?

triangel - 02.03.20    

Was haltet ihr von der Verwendung des Analysebretts?

Habe vor kurzem bei chessmail mit Fernschach angefangen und finde vor allem das Feature mit dem Analysebrett sehr hilfreich.

Ich persönlich verwende es für komplizierte, taktische Stellungen in denen es viel zu berechnen gibt. Dadurch passieren mir weniger Fehler als beim Schach am Brett. Andererseits könnte man einwenden, dass man den Kopf weniger trainiert, was Visualisierung und Rechenstärke anbelangt.

Wobei man auch sagen könnte, dass ich aufgrund des Analysebrettes tiefer in Varianten eindringen kann und so Kombinationen und positionelle Ideen, die erst später zum Tragen kommen, entdecken kann. Diese Angriffs-, Kombinations- und Positionsmuster, kann ich mir dann merken und in späteren Partien darauf zurückgreifen.
Ich trainiere zwar keine Rechenstärke, aber dafür lerne ich neue Ideen kennen, die ich allein durch meine beschränkte Rechentiefe nie sehen würde.

Man könnte auch von der Idee des Fernschachs her argumentieren, dass das gerade der Punkt beim Fernschach ist. Es geht um die Qualität von Partien. Wenn man keine unnötig schweren Patzer begeht, entstehen auch bessere und schönere Partien. Wenn mir das Analysebrett dabei hilft und es ja angeboten wird von chessmail warum dann nicht verwenden. Die Erkenntnisse lassen sich ja trotz anderem Setting (z.B. Analysebrett) und Zeitkontrolle auf andere Zeitkontrollen übertragen.

Es gibt manche Spieler hier, die das Analysebrett nicht verwenden oder deren Verwendung von beiden Seiten sogar ablehnen.

Wie steht ihr dazu? Verwendet ihr das AB? Wenn ja wann, wie oft, wieso weshalb, warum? Was sagt ihr zu Vorteilen, Nachteilen, Qualität der Partien durch Verwendung des Analysebretts?

Viel Spaß und eine interessante Diskussion!

VG

Tschechov - 02.03.20    

Ich verwende wie die meisten hier das Analysebrett auch. Wunder kann es aber nicht bewirken, mir unterlaufen immer noch Patzer, weil ich stellenweise schachblind bin. Trotzdem schätze ich, daß ich ohne Analysebrett mindestens hundert Wertungspunkte schlechter dastehen würde. Was mir an mir selbst manchmal aufstößt, ist, daß ich das Analysebrett zu exzessiv benutze, selbst bei einfachen Eröffnungszügen. Hier könnte man sich tatsächlich fragen, ob man so das Schachspielen nicht eher verlernt. Interessanterweise nutze ich die Möglichkeit, das Analysebrett umzudrehen und die Stellung aus der Warte des Gegners zu betrachten, aber nie.

StillSchweiger - 02.03.20    

Ich nutze es sehr selten. Eher in Situationen wo evtl mehrere Figuren abgetauscht werden, ob ich mich da auch nicht verzählt habe.
Was ich häufiger nutze ist die Funktion "Brett drehen". Mal mit den Augen des Gegners schauen. Was hat er vor, was würde ihn jetzt am meisten ärgern

Beule - 02.03.20   +

ich benutze das Analysebrett manchmal in komplizierten Stellungen, da ich auch kein allzuguter Rechner bin (arbeite aber im Moment dran).
Aber meistens tatsächlich, um die letzten 4-5 Züge zurück zu schauen, wenn der Gegner mal wieder einen Zug gemacht hat. Das finde ich sehr hilfreich, da ich meistens mehrere Partien spiele und so für mich besser den Überblick behalte.

Coffins - 03.03.20    

Mit meinem Nick "Coffins" nutze ich das Analysbrett sehr intensiv.
In der Eröffnung, um Stellungsentwicklungen aus Literatur und Eröffnungsfehler nachvollziehen zu können.
Im Mittelspiel (meine grösste Schwäche), um mein Strategiespiel zu verbessern und positionell in die Richtung zu kommen, wo ich mich wohl fühle.
Im Endspiel, um den Sieg oder das Remis abzusichern, und um Genauigkeit zu üben.

Mit meinem Zweit-Nick "Coffins_007" spiele ich reine Kopfpartien (also ohne Analysebrett) und übe damit meine Rechenfähigkeit.

VG - Coffins :)

Hasenrat - 03.03.20    

Die Nutzung des Analysebretts kommt für mich persönlich nicht in Frage, es sei denn es wäre anders ausgemacht in Trainingspartien oder dergleichen ... (ist aber, soweit ich mich entsinne, nie vorgekommen) Mein Ehrgeiz ist und bleibt wirklich alles im Kopf zu machen. Schon eine Figur mit Start- und Zielfeld markiert zu haben, und sie dann doch nicht zu ziehen, aktiviert in meinem Hirn die gleichen Scham-Areale, als hätte ich im Nahschach während der Abwesenheit des Gegners eine Figur angelangt und stünde jetzt vor der Versuchung, mir von der Berührt-Geführt-Regel Absolution zu erteilen.^^ Bei letzterem werde ich aber immer abgebrühter (ich meine das Berührt-Dilemma beim Onlineschach) ... ;-)
Retrospektiv, also nach der Partie oder nach vergangenen Spielabschnitten, nutze ich das Analysebrett aber häufig.

shaack - 03.03.20    

@Hasenrat Bedeutet das, dass für Dich Eventualzüge nicht in Frage kommen? Die müsste man ja eingeben, was so eine Art Analyse wäre.

Vabanque - 03.03.20    

Ich kann zwar nicht für Hasenrat sprechen, aber ich denke, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, denn jeder Schachspieler betreibt doch bei jedem Zug eine Analyse im Kopf, DENKT sich also in jedem Fall Eventualzüge. Dazu muss er sie nicht auf einem wie auch immer gearteten Brett ausführen.

Was mich betrifft, so spiele ich mal mit, mal ohne Analysebrett, und ich stelle für mich fest, dass sich meine Spielstärke gar nicht so wesentlich unterscheidet. Wie ich schon mal in einem anderen Thread schrieb, spielte ich jahrelang auf einem Server, wo man das Analysebrett nur im Bezahlmodus zur Verfügung hatte. Ich verzichtete also darauf, bis plötzlich auch Free-Member das Analysebrett benutzen durften. Was soll ich euch sagen? Meine Wertung hat sich dadurch nicht groß verändert ...

Gut finde ich aber das Analysebrett bei langzügigen Vorausberechnungen, vor allem wenn noch viele Steine auf dem Brett sind. Denn dann kann ich mir nach einigen Zügen die Stellung im Kopf immer schlechter vorstellen und begehe Irrtümer. Auf dem Analysebrett kann ich dann die entsprechende Stellung aufbauen und mir noch einmal genau ansehen.

Von keinem Nutzen ist dagegen m.E. das planlose Hin- und Herbewegen der Figuren auf dem Analysebrett. Man führt dann nur seine falschen Varianten irgendwie genauso falsch weiter, falls man nicht bei jedem Zug wieder genau alle sich ergebenden Möglichkeiten prüft. Jedenfalls bringt mich das Analysebrett in der Regel nicht auf neue Ideen. Die bekomme ich eher, wenn ich vom Brett aufstehe und mir die Stellung 'blind' vorstelle. Die Möglichkeiten, die mir dann einfallen, überprüfe ich dann bei Rückkehr zum Brett, ob sie auf dem Brett immer noch gut aussehen.

Nichts bringt das Analysebrett wohl auch in rein strategisch-positionellen Situationen, wo man gar keine Möglichkeiten konkret vorausberechnen kann.

eika13 - 03.03.20   +

Ich würde das Analysebrett gerne für Schachaufgaben verwenden.

Vabanque - 03.03.20   +

Für Schachaufgaben und für kommentierte Spiele. Das wäre allerdings super.

Hasenrat - 03.03.20   +

@shaack
Nein, Eventualzüge würde ich akzeptieren und praktizieren ... ;-)
Ich dürfte nach meiner Logik einmal eingegebene aber nicht mehr korrigieren.
Hmmm, guter Einwand, eigentlich.

Vabanque - 03.03.20    

>>Ich dürfte nach meiner Logik einmal eingegebene aber nicht mehr korrigieren.<<

Irgendwie schon ein wenig absurd, nicht wahr? ;-)

Dem Wesen des Fernschachs entspricht es in meinen Augen eher, dass man - im Gegensatz zum Nahschach oder auch zum Live-Schach - seine Entscheidung noch beliebig oft revidieren darf, bis der Zug halt endgültig abgeschickt ist.

Im Übrigen gilt hier ja nicht mal im Live-Schach 'Berührt-Geführt', man kann die Figuren beliebig 'berühren', erst wenn man sie auf dem Zielfeld loslässt, ist der Zug gemacht. Davor kann man sie noch beliebig zurückstellen und einen andern Stein 'anfassen'.

Hasenrat - 03.03.20    

Nun, ich habe immer gesagt, dass mir dieses Fernschach Nahschachersatz und -simulation mit anderen Mitteln ist, und keine eigene Disziplin. Und ich bin sehr skrupulös, mit ganz eigenem Ehrenkodex ...

Hasenrat - 03.03.20    

... keinesfalls lege ich diesen Maßstab übrigens an meine Gegenüber hier an. Das spielt für mich gar keine Rolle.

Vabanque - 03.03.20    

Wir beide haben ja auch schon nach 'deinen' Regeln gespielt, das ist für mich auch überhaupt kein Problem, wenn das vor der Partie vereinbart wird und sich beide daran halten.

Für mich spielt das nämlich sehr wohl eine Rolle, welche Hilfsmittel meine Mitspieler verwenden. Am liebsten ist es mir, wenn man sich vor der Partie darüber abspricht, egal zu welchem Absprache-Ergebnis man gelangt. Wichtig ist mir nur, dass beide Partner vergleichbare Hilfsmittel benutzen ('die gleichen Hilfsmittel' ist ja ohnehin kaum möglich, da müssten ja z.B. beide dieselben Bücher oder Datenbanken benutzen).

Famulus - 04.03.20  

Zum Schneiden von Zwiebeln, leider verkratzt das Handyglas.

triangel - 04.03.20    

Sollte man nur für Zwiebeln verwenden. Wenn man anfängt zu weinen, kann man es auf die Zwiebeln statt auf die schlechte Stellung schieben ;)

japetus1962 - 04.03.20    

für festgefahrene und verzwickte Stellungen, um zu experimentieren. Ich nutze dieses nicht sehr häufig, aber wenn, dann ist das eine wertvolle Hilfe. Klar könnte ich hier mein reales Brett auf dem Wohnzimmertisch verwenden, aber so ist es schon recht komfortabel.

StillSchweiger - 05.03.20   +

Das (ich nenne es mal) Problem am Analysebrett ist ja, die Gegnerzüge sind nur so gut oder schlecht wie ich es bin. Es hilft mir vielleicht eine hängende Figur, einen Einsteller zu vermeiden, aber wenn ich den besseren Zug für den Gegner im Abspiel nicht sehe und anders weiter denke, spiele ich trotzdem meinen Patzerzug. Trotz Analyse.

Das ist dann Fehlercode 048:
der Fehler sitzt 48 cm vor dem Bildschirm :))

triangel - 05.03.20    

Haha sind die 48 cm sowas wie ein empfohlener Mindestabstand, den man aus ergonomischen Gründen einhalten soll?

Prinzipiell stimme ich dir zu. Die Analyse ist so gut wie man selber ist. Allerdings ist es so, dass evt. Drohungen, die im Variantenbaum eher weit hinten liegen nicht immer hochgradig komplex und lange Varianten haben.

Ist eine Drohung, die ich in der aktuellen Stellung gemäß meiner Spielstärke entdecken kann einfach zu finden, so wird mir das Analysebrett helfen solche Drohungen auch in anderen Varianten zu entdecken, wo ich aufgrund meiner begrenzten Rechenfähigkeit nicht hinkommen würde.
Klar kann mir dann trotzdem noch ein schlechter Zug passieren, aber zumindest grobe Patzer können vermieden werden.
Lieber werde ich von jemanden ausgespielt in einer Variante, als das ich 10 Züge später realisiere dass meine Variante zwar gut aussieht, aber einfach eine Figur einstellt oder ich matt gehe.

Das Analysebrett kann also nur Probleme lösen, die man erstenst gemäß der eigenen Spielstärke finden kann und diese in tieferen Varianten nicht findet, weil man nicht gut im rechnen/visualisieren ist. Das AB katapultiert mich an die jeweilige Stellung, damit ich sie gemäß meines Schachwissens bewerten kann.