Annotated Games

Gewinnen mit Russisch: Ljubojevic-Timman

Kellerdrache - 20.03.19   ++

Besser spät wie nie, wie man so schön sagt. Die vorliegende Partie zeigt wie man als Schwarzer in dieser Eröffnung einen erfolgreichen Angriff führt, wenn der Gegner nicht energisch genug spielt.

Timman gibt einen Springer für einen Königsangriff, was nur durch seine aktiv stehenden Figuren möglich ist. Ich habe bewußt die Zahl der Varianten klein gehalten und hoffe, dass die Partie auch so verständlich genug ist.


[Event "Linares"]
[Site "Linares ESP"]
[Date "1988.03.07"]
[Round "11"]
[White "Ljubomir Ljubojevic"]
[Black "Jan Timman"]
[Result "0-1"]
[ECO "C42"]
[PlyCount "70"]
[EventDate "1988.02.23"]
[SourceDate "2017.03.28"]

1. e4 e5 2. Nf3 Nf6 3. Nxe5 d6 4. Nf3 Nxe4 5. d4 d5 {Nach 5 Zügen hat Schwarz
seinen d-Bauern schon zweimal gezogen, dafür darf sein Springer auch ein paar
Züge länger vorne bleiben} 6. Bd3 Bd6 7. O-O O-O 8. c4 {genau wie in der hier
bereits besprochenen Partie Karpov-Portisch wird der d5 angegriffen um den Se4
zu schwächen. Hier ist allerdings Sc6 noch nicht geschehen, was Schwarz die
Deckung mit dem c-Bauern erlaubt} c6 9. Qc2 {ein gutes Feld für die Dame. Von
hier guckt sie zum einen über die Diagonale b1-h7 auf den Königsflügel und zum
anderen unterstützt sie mögliche Unternehmungen am Damenflügel, entweder mit
Öffnung der c-Linie oder durch den Vorstoß des c-Bauern} Na6 {Der Springer
sucht nach einem Weg aufs Schlachtfeld. Auf c6 steht ein Bauer herum und auf
d7 wäre man dem weißfeldrigen Läufer im Weg. Von a6 aus kann das Pferd über c7
oder eventuell über c5 ins Zentrum wandern. Die Drohung b4 mit Angriff auf
Läufer und Dame ist zwar durchsichtig, aber sie verschafft einem das nötige
Tempo zur Entwicklung} 10. a3 Bg4 {
die Meisten hätten wohl eher Lf5 oder f5 gespielt um den Se4 nochmals zu decken
} 11. Bxe4 dxe4 12. Ng5 (12. Qxe4 Bxf3 13. Qxf3 Re8 {gewinnt zwar einen Bauern,
aber Schwarz hat dafür erst einmal die e-Linie unter Kontrolle und deutlichen
Entwicklungsvorsprung}) 12... Bf5 13. Nc3 {beide Spieler scheinen sich einig
zu sein, dass der Bauerngewinn auf e4 nichts wert ist, wenn die weiße Dame
dort endet und mit Tempogewinn durch Te8 vertrieben werden kann} Re8 14. Re1 (
14. Ngxe4 Qh4 {durch diesen Damenzug droht Matt und Springerverlust} 15. g3
Bxe4 16. Nxe4 Qxe4) (14. Ncxe4 Bxe4 15. Nxe4 Bxh2+ {
so bekommt man den Bauern wieder} 16. Kxh2 Qh4+ {nebst Dxe4}) 14... Bc7 15. Qb3
{Weiß opfert den d4 um seine Entwicklung abschliesen zu können. Die Db3 schaut
auch verdeckt auf f7, was in Zusammenspiel mit dem Sg5 interessant werden
könnte. Der Zug scheint trotzdem ein Fehler zu sein, weil er den Sa6 ins Spiel
führt} Qxd4 16. Be3 Nc5 {das sieht nach einem Patzer aus. Weiß zieht die
angegriffene Dame nach b4. Bringt sich die schwarze Königin ihrerseits in
Sicherheit fällt der dann zweifach angegriffene Springer} 17. Qb4 Qd6 {
eine interessante Stellung. Fur den Springer bekommt Schwarz Königsangriff.
Die Frage ist natürlich ob das Nehmen auf c5 erzwungen ist} 18. Qxc5 (18. g3 Nd3
({weniger gut ist} 18... Qg6 19. Bxc5 h6 20. Ngxe4 Bxe4 21. Nxe4 Rxe4 22. Qxb7
Rxe1+ 23. Rxe1) 19. Qxd6 Bxd6 20. Re2 h6 {und der Sg5 hat kein Feld mehr} 21.
Ngxe4 Bxe4 22. Nxe4 Rxe4 23. Rd1 Nxb2 {dürfte besser für Schwarz sein}) 18...
Qxh2+ 19. Kf1 {
na gut, man durfte einmal Schach geben. Doch ist das denn eine Figur wert ?}
Bg4 {Schneidet dem weißen König die Flucht über e2 ab} 20. Nh3 {um auf Dh1+
den Springer dazwischen ziehen zu können. Die einzige Alternative wäre f3, was
aber zu weiterer Öffnung der Königsstellung führen würde} Re5 {
der Turm wird mit Tempo auf den Königsflügel überführt} 21. Nd5 Bxh3 {
der Sd5 kann nicht mit cxd5 geschlagen werden, da dann der ungedeckte Lc7
fallen würde. Timman macht ein weiteres Loch in die Königsstellung, auch wenn
er dafür den Läufer hergibt, der bisher die Flucht über e2 verhinderte} 22. gxh3
Bb6 {Jetzt hängen Dame und Springer. Schwarz bekommt mindestens seine Figur
zurück. Allerdings bei klar überlegener Stellung. Ljubojevic entscheidet sich
für eine andere Abwicklung, die ihn mit zwei Leichtfiguren und einem Turm fur
die Dame lässt} 23. Nxb6 Rxc5 24. Nxa8 Qxh3+ 25. Ke2 ({besser als} 25. Kg1 Qf3
{gefolgt von Tc5-h5-h1, nebst matt}) 25... Rxc4 {
Reichen Turm und Dame um den König zur Strecke zu bringen ?} 26. Rad1 Rc2+ 27.
Rd2 Qf3+ 28. Kf1 Rxd2 29. Bxd2 Qd3+ 30. Re2 h5 {
Matt wird es nicht werden, aber jetzt bekommt der Bauer flinke Beine} 31. Bc3
h4 32. Ke1 {der König kann nicht zum Bauern hinwandern, da er den Turm gedeckt
halten muss. Mit Ke1 wird wenigstens die Fesselung aufgehoben und der Turm
kann vielleicht über die d-Linie ins Spiel geführt werden} h3 33. Be5 {
noch weiter soll der Bauern natürlich nicht vorrücken} f6 34. Bg3 Qf3 35. Rd2
Qg2 {Um die Umwandlung des h-Bauern zu verhindern müsste Weiß jetzt noch den
Läufer geben, wonach Schwarz Dame und drei Mehrbauern gegen Turm und Springer
hätte. Nichts was man gegen einen Großmeister spielen möchte.} 0-1

Vabanque - 21.03.19   +

Flotte Partie, und gut verständlich!

Man meint ja fast, die Namen der Spieler müssten vertauscht sein. Ist doch Ljubo sonst für seine opferreichen Attacken bekannt, während ich Timman immer als recht farblosen Spieler empfunden habe (und vor allem schöne Verlustpartien von ihm kenne). Aber hier gibt Timman mal ordentlich Gas, und das Ergebnis ist ansehnlich :-)

Im Kommentar zum 25. Zug hat sich allerdings wohl ein Fehler eingeschlichen; nach 25. Kg1 spielt Schwarz nicht Df3, denn Weiß würde den Turm auf c5 nehmen, sondern gleich Th5 mit Mattdrohung.

Kellerdrache - 21.03.19    

Was den 25.Zug angeht hast du natürlich recht. Schon so manche Partie wurde verloren (vor allem von mir) weil die Reihenfolge der Züge vertauscht wurde.

Was Ljubojevic und Timman angeht glaube ich allerdings, dass dich dein Gedächtnis täuscht. Timman war alles andere als farblos (ich hab ja auch schon eine Gewinnpartie gegen Kasparov hier gebracht) und Ljubo als Angriffsspieler war mir nicht so recht bekannt (aber vielleicht ist es ja mein altes Gehirn, dass sich hier falsch erinnert.)

Ich lasse mich natürlich gerne durch ein paar hübsche Angriffspartien von Ljubojievic eines besseren belehren ;-))

Oli1970 - 21.03.19   +

Hallo und willkommen zurück, Kellerdrache! Ich fing schon an, Deine kommentierten Spiele zu vermissen. :-)

Gestern Abend konnte ich schon einen ersten Blick auf die Partie werfen, heute noch einen zweiten. Inhaltlich gibt es nicht mehr viel zu sagen, Du hast m. E. alles herausgearbeitet, was an Fragen aufkommen könnte. Schön, dass hier mal wieder eine russische Partie gezeigt wird - eine recht klare, solide e4-Eröffnung statt dieses neumodische Flügelgedönse. ;-) Und ebenso schön, dass Jan Timman mal wieder hervorgeholt wird. Ich weiß zwar nicht viel über spezielle Spieler, aber sein Name tauchte in meiner Jugend immer wieder auf, so wie auch ein Helmut Pfleger und andere dieser Zeit.

Timman hat eigentlich so einige schöne Partien gehabt, auch in Form von Niederlagen. Ob man seinen Schachstil mag oder nicht, ist wie so oft Geschmackssache. Er spielte, soweit ich weiß, sehr vielseitig und ist jedenfalls ein sehr guter Analytiker und Kommentator.

In dieser Partie erobert er sich zunächst einen kleinen Vorteil, der nach dem 15. Zug von Weiß auf die Siegerstraße führt und immer weiter ausgebaut wird. Ljubojevic findet nicht mehr ins Spiel zurück. Diese Geradlinigkeit und Konsequenz im begonnenen Angriff und das damit verbundene Opferspiel wusste zu gefallen. Solche Partien sind sehenswert und lassen mich staunen, wie einfach Schach aussehen kann. Dankeschön!

Vabanque - 21.03.19    

@Kellerdrache: Ich kenne von beiden Spielern nicht ausreichend viele Partien, um deren Stil treffsicher einschätzen zu können. Von Timman ist mir jetzt tatsächlich keine Gewinnpartie erinnerlich (was merkwürdig ist, wo er doch wirklich ein bedeutender Spieler war), von Ljubojevic sind mir ein paar hübsche Angriffssiege in Erinnerung geblieben. Davon auf das 'Gesamtwerk' eines Spielers schließen zu wollen, ist natürlich etwas vorschnell. Vor allem darf man nicht von den verheerenden Niederlagen Timmans gegen Karpov (die ich hier mal gezeigt hatte) und Short ausgehen, das ist klar. Aber das sind halt die Partien von ihm, die in meinem Gedächtnis hängen geblieben sind ;-)

Ich werde jedenfalls meine diesbezüglichen Hausaufgaben machen und mich mal ein wenig mit beiden Spielern beschäftigen :-)

Kellerdrache - 22.03.19   +

@Oli1970: Wie hat schon Vlastimil Hort gesagt: "Schach ist einfach - wenn man kann." Es ist ja nicht das erste Partiebeispiel, dass hier zusehen war wo man dachte :"Och, das ist aber einfach". Meistens hängt es dann an ein oder zwei kleinen Feinheiten, die man selbst dann doch nicht gezogen hätte, dass man solche einfachen Siege versäumt.
@Vabanque: Ich kenne nun auch nicht soviele Timman-Partien um sicher auf meinem Urteil bestehen zu können. Ich hatte nur mal eine in der Reihe "die Vergessenen" gebracht ( https://chessmail.de/forum/topic.html?ke..) .
Bei der langen Verweildauer in den Top 10 gibt es aber bestimmt noch die ein oder andere Perle zu entdecken.

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Vabanque - 22.03.19    

>>Ich kenne nun auch nicht soviele Timman-Partien um sicher auf meinem Urteil bestehen zu können. Ich hatte nur mal eine in der Reihe "die Vergessenen" gebracht ( https://chessmail.de/forum/topic.html?ke..) .<<

Ja, ich hatte mich vage erinnert, dass da mal was gewesen war. Danke fürs Verlinken, das erspart mir das Suchen. Merkwürdig oder vielmehr eher erschreckend, wie schnell man die Partien wieder vergisst :-(

>>Bei der langen Verweildauer in den Top 10 gibt es aber bestimmt noch die ein oder andere Perle zu entdecken.<<

Sicherlich. Timman ist halt einer derjenigen Spieler, für die ich mich aus nicht unmittelbar nachvollziehbaren Gründen nie wirklich interessiert habe (so wie manche Autoren, Regisseure, Musiker ja auch immer ohne bestimmten Grund durchs Raster durchfallen, so dass man ihre Bücher nie liest, ihre Filme nie guckt bzw. ihre Musik nie hört ...).

Eine Merkwürdigkeit ist mir auf der Suche nach Timman-Partien, die in meinen Schachbüchern vorhanden sind, noch aufgefallen: Sowohl in Teschners 'Schachmeisterpartien 1971-1975' wie auch in seinen 'Schachmeisterpartien 1981-1985' befinden sich jeweils genau 3 TImman-Partien ... nur sind das im zuerst genannten Band ausschließlich Verlustpartien, im anderen Band dagegen nur von Timman gewonnene.
Ich werde mich wohl eher mal zuerst mit den gewonnenen beschäftigen; Verlustpartien von ihm kenne ich (wie schon erwähnt) ja schon genug ;-)