Annotated Games

Taktik im Caro Kann: Chandler - Hübner

Kellerdrache - 13.01.19   ++

Nachdem ich in meiner letzten Partie gezeigt habe wie spannend eine russische Partie sein kann möchte ich heute dasselbe für die Caro Kann Verteidigung tun.

Den interessierten Lesern kann ich hier schon versprechen, dass ich zu beiden Eröffnungen auch noch interessante Schwarzsiege bringen werde.

Die hier vorgestellte Partie ist mal wieder ein Beispiel dafür wie auch eine grundsolide aussehende Stellung bei entsprechendem Entwicklungsnachteil anfällig für einen schnellen Angriff sein kann. Die Eröffnungsvariante gilt heutzutage als weitgehend entschärft, Hübners Plan war jedoch nicht der richtige Weg, wie klar zu sehen ist.

Allen Lesern wünsche ich auch hier noch einmal ein frohes neues Jahr und viele faszinierende Partien.



[Event "Biel"]
[Site "Biel SUI"]
[Date "1987.07.??"]
[Round "?"]
[White "Murray Chandler"]
[Black "Robert Huebner"]
[Result "1-0"]
[ECO "B17"]
[PlyCount "53"]
[EventDate "1987.??.??"]
[SourceDate "2017.03.28"]

1. e4 c6 2. d4 d5 3. Nd2 {solange Schwarz auf d4 schlägt macht es natürlich
keinen Unterschied ob man 3.Sc3 oder Sd2 spielt} dxe4 4. Nxe4 Nd7 {die Idee ist
bei einem Abtausch der Springer auf f6 wieder mit einem Springer auf f6 zu
enden.} 5. Ng5 {ein augesprochen seltsamer Zug, da der Springer ja scheinbar
ganz einfach wieder mit h6 vertrieben werden kann. Trotzdem ist er gar nicht
so einfach zu widerlegen. Weiß kann sich schnell mit Zielrichtung auf den
gegnerischen König entwickeln, während Schwarz es wesentlich schwerer hat
seine Figuren ins Spiel zu bringen} Ngf6 6. Bd3 e6 (6... h6 7. Ne6 {Weiß ist gerne bereit eine Figur zu opfern um dass schwarze Herrscherpaar jagen zu können}
Qa5+ (7... fxe6 8. Bg6#) 8. Bd2 Qb6 {c7 soll ja gedeckt bleiben} 9. Nf3 fxe6
10. Bg6+ Kd8 11. Qe2 {mit hoffentlich ausreichenden Angriffschancen}) 7. N1f3 h6 {dieser Zug stellt die eintscheidende Frage
dieser Variante : Sind der Entwicklungsvorsprung und die freien Diagonalen
eine volle Figur wert ? Denn den Springer wieder auf e4 oder h3 zurück zu
ziehen würde ja den Sinn von Sg5 in Frage stellen.} 8. Nxe6 Qe7 {Hübners Versuch den Springer zu nehmen ohne sich die Bauernstellung kaputt zu machen} 9. O-O
{Chandler spielt aber nicht mit. 9...Dxe6 geht jetzt wegen 10.Te1 nicht. Da
aber auch Sc7+ droht ist der nächste Zug wohl erzwungen} fxe6 10. Bg6+ Kd8 11.
Bf4 {der Läufer f4 schneidet dem König den Weg zum Damenflügel ab} Nd5 12. Bg3
Qb4 {es ware sicher schöner, wenn man einen Zug machen könnte der der
Entwicklung dient. Schwarz muss aber erst einmal verhindern, dass der Springer
auf d5 sofort wieder davongejagt wird} 13. Re1 Be7 ({
Verlockend, aber nicht ungefährlich ist} 13... Qxb2 14. Rxe6 {
mit Mattdrohung auf e8} Be7 15. c4 Nc3 16. Qe1 Qa3 17. Rxe7 Qxe7 18. Qxc3 {
nebst 19.Te1}) 14. Qe2 {Chandler verzichtet auf den billigen Bauernraub mit
Txe6. Stattdessen verdoppelt er auf der e-Linie und bereitet die Vertreibung
des Sd5 mit 15.c4 vor} Bf6 {ein Zug der mir nicht besonders gefällt. 14...S7f6
sieht oberflächlich besser aus, da er auch die Entwicklung des weißfeldrigen
Läufers zulässt. Allerding gibt Schwarz dann die Kontrolle von e5 auf. Weiß
hätte die Option Sf3-e5-f7+} (14... b5 {Dieser Versuch die Vertreibung des
wichtigen Pferdchens auf d5 durch c4 zu verhindern funktioniert leider nicht}
15. b3 Ba6 16. a3 Qa5 17. c4) 15. c4 Ne7 16. a3 {
Dxe6 geht ja wegen des hängenden Läufers auf g6 nicht} Qb3 17. Bd3 Nf5 {
vermutlich schon der entscheidende Fehler. Durch den folgenden Abtausch, der
ja der Schachweisheit zu Folge ohnehin den besser entwickelten Weisspieler
begünstigt, öffnet sich die e-Linie für den Königsangriff} 18. Bxf5 exf5 19. Qe6
{droht 20.Dd6 nebst Dc7+ und matt} Qb6 20. c5 {der Sinn des Zuges ist
offensichtlich. Die Dame soll von der Deckung des Feldes c7 abgelenkt werden.}
Nxc5 {Chandlers schöner Plan ist widerlegt ? Der vorwitzige Bauer wird einfach
genommen, da gleichzeitig ja jetzt die weiße Dame hängt} 21. Qd6+ Nd7 {
so hatte Hübner sich das wahrscheinlich vorgestellt. Die Dame auf b6 kann
nicht mehr vertrieben werden. Aber wie sich zeigt hat Weiß mehr als genug
Angriffsresourcen} 22. Ne5 {droht Sf7+ und matt} Bxe5 23. Rxe5 Re8 24. Rxe8+
Kxe8 25. Re1+ Ne5 {ein überflüssiger Zug, der den Partieverlauf nicht ändert.}
(25... Kf7 26. Re7+ Kg8 27. Qg6 {
mit doppelter Mattdrohung durch 28.Dxg7+ oder 28.Te8+}) 26. Rxe5+ Kf7 27. Re7+
{27...Kg8 wird wie in der letzten Variante mit Dg6 beantwortet} 1-0


Vabanque - 14.01.19   +

Danke für diese Partie, die mir bislang unbekannt war.

Bekannt war mir aber das Opfer auf e6 in Caro-Kann und die damit verbundenen Gefahren. Ich meine mich an eine Tal-Partie zu erinnern, in der er ebenfalls dieses Opfer schön zur Geltung brachte.

Ich kenne wenig Chandler-Partien und weiß deswegen nicht, welchen Stil er sonst pflegt. Ist er ein Angriffsspieler?

Jedenfalls ist es erstaunlich, wie leicht und flockig der Angriff hier durchzudringen scheint. Aber das sieht wohl wieder mal nur so aus. Jedenfalls wirkt der Angriff des Weißen auf mich mehr effizient als wirklich brillant.

Bis zum 25. Zug hat Hübner ja eine Mehrfigur, hat aber wegen seines unentwickelten Damenflügels nichts davon. Große Teile der Partie spielt Schwarz sogar nur mit seiner Dame.

Ich habe nur einen vermutlichen Fehler im Kommentar entdeckt:

Zum 25. Zug von Schwarz (Rückgabe der Figur mittels Se5) schreibst du:

'Ein überflüssiger Zug, der den Partieverlauf nicht ändert.'

Aber Se5 ist absolut notwendig, denn auf sofortiges 25... Kf7 kann Weiß in 2 Zügen mattsetzen durch 26. De6+ nebst De8#!
Die auf 25... Kf7 gegebene Variante dagegen führt m.E. nicht zum Ziel, da nach 27. Dg6 überhaupt nicht Matt auf e8 droht (der S könnte auf f8 dazwischen setzen), und Schwarz daher seelenruhig g7 mit Dxd4 decken und nebenbei auch noch selber Matt auf der Grundreihe drohen könnte!

So wie Hübner aber spielt (25... Se5), deckt er e6, so dass nach 26. Txe5 Kf7 kein Damenschach auf e6 geht und Weiß dann wirklich zu dem Manöver Te7+ nebst Dg6 greifen muss, das dann auch durchdringt, da wegen des Fehlens des schwarzen Springers nach (27. Te7+ Kg8) 28. Dg6 wirklich Matt nicht nur auf g7, sondern auch mittels Te8 droht, so dass nun 28... Dxd4 nichts mehr nützt.

Bis auf dieses kleine Übersehen aber eine sehr schöne und treffende Kommentierung!

Vabanque - 14.01.19    

Und dann bin ich natürlich noch auf die Schwarzsiege mit Russisch und Caro-Kann gespannt :-)
Einen Russisch-Schwarzsieg (Svidler-Ponomariov) habe ich ja schon mal her gebracht. An einen Caro-Kann-Schwarzsieg kann ich mich momentan aber nicht erinnern.

Kellerdrache - 14.01.19    

Hmmm, interessante Lücke in meiner Variante. Aber wenn die Dame das allein kann ist ja auch gut;-)). Chandlers Zeit im Rampenlicht war ja nicht so lang. Er war zwar Neuseeländer gehörte aber zur Gruppe der Engländer mit Nunn, Short usw.. Spielte ähnliche Eröffnungen, auch einen ähnlichen Stil.
Es gibt eine ganz schöne Caro-Kann Partie mit dergleichen Variante, allerdings ist da Tal als Schwarzer das Opfer von Dr.Nunn

Vabanque - 14.01.19    

Echt? Partien, in denen Tal verliert, mag ich aber nicht so ;-)

Vabanque - 14.01.19    

>>Chandlers Zeit im Rampenlicht war ja nicht so lang. Er war zwar Neuseeländer gehörte aber zur Gruppe der Engländer mit Nunn, Short usw..<<

Da ist Short wirklich die große Ausnahme mit seiner langen, erfolgreichen Karriere. Die anderen Engländer starben entweder früh (Miles) oder hörten früh freiwillig mit Schach auf (Nunn, Chandler). Merkwürdig. Ist Raymond Keene eigentlich noch aktiv? Seine Glanzzeit (wenn es jemals eine gab) war ja auch extrem kurz. Er ist eigentlich größtenteils als Autor hervorgetreten.

Kellerdrache - 14.01.19    

Die besagte Partie Nunn-Tal ist durchaus ansehnlich. Sie hat etwas von einem Boxkampf an sich, wo keiner auf Deckung setzt. Normalerweise also die Art von Schach die Tal liebte. 1988, als die Partie gespielt wurde, war Tal allerdings gesundheitlich schon ziemlich am Ende und nicht mehr in bester Form.

Wer sie mal ansehen möchte :


[Event "Brussels World Cup"]
[Site "Brussels BEL"]
[Date "1988.04.14"]
[EventDate "1988.??.??"]
[Round "11"]
[Result "1-0"]
[White "John Nunn"]
[Black "Mikhail Tal"]
[ECO "B17"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "39"]

1.e4 c6 2.d4 d5 3.Nd2 dxe4 4.Nxe4 Nd7 5.Ng5 Ndf6 6.N1f3 e6
7.Ne5 Nh6 8.Bd3 Bd6 9.c3 Qc7 10.Qe2 c5 11.Bb5+ Ke7 12.O-O cxd4
13.cxd4 Nf5 14.Be3 Nxe3 15.fxe3 Bxe5 16.dxe5 Qxe5 17.Qd3 Qxg5
18.Qa3+ Kd8 19.Rad1+ Bd7 20.Bxd7 1-0


Kellerdrache - 14.01.19    

Nach kurzem Suchen hab ich noch eine Partie Tal-Meduna aus 1990 (Bundesliga) gefunden. Auch ein hübsches Gemetzel.

Oli1970 - 14.01.19    

Im Drachenkeller war noch ein Schatz versteckt! Auch diese Partie hat mir dank der detailierten Kommentierung gut gefallen. Ich mag Partien dieser Länge sowieso gerne. Bis dahin gibt es genug, worüber man sich Gedanken machen kann und die interessanten Stellen kommen früh genug, um noch nicht weggenickt zu sein. :-)

Diese Caro-Kann-Variation wird ja offenbar gar nicht sooo selten gespielt, trotzdem ist sie wohl nicht so viel Standard, dass sie in jedes Eröffnungsbuch aufgenommen wird. Mein bescheidener Fundus gibt jedenfalls nichts her. Du hattest ja geschrieben, dass die Variante als entschärft gilt, vielleicht hängt es damit zusammen. Meine Entdeckungsreise fing so schon in der Eröffnung an, und ich staunte, dass der gegebene Springer so viel Kompensation - und Vorteil - schafft. Ein paar Züge später wird das natürlich offensichtlich. Schwarz steht noch in den Startlöchern, muss die Rochademöglichkeit aufgeben, hat einen schwachen Isolani - Weiß dagegen alles, was einen starken Angriff ausmacht.

Die Variante zum 13. Zug von Schwarz schafft, sofern man überhaupt den Selbstmord 15... Sc3 gehen will, auch den Damenverlust: Statt 18. Dxc3 spielt Weiß kurzerhand 18. Lc7+ und scheidet das Königspaar.

Die Analyse bestätigt, dass 14... Lf6 die Niederlage einleitet., der 16. und als i-Tüpfelchen der 17. Zug nageln den eigenen Sargdeckel zu. Wie furios Chandler den nachfolgende Angriff durchzieht, ist schön anzuschauen. Leider hat er dann im 25. Zug noch ein Matt in drei (25. De6+ Kd8 26. Ld6 nebst De7#) vorüberziehen lassen.

Das Nachspielen war klasse; ein schönes Beispiel, wie man richtig den Hammer rausholen kann, wenn man das Pfund erkennt, das man hat. Dankeschön fürs Zeigen und die Kommentierung (und für die nette Bonuspartie unten dran)!

gammapappa - 15.01.19    

Hatte erst kürzlich als Schwarzer bis zum 6. Ld3 die Partie Chandler-Hübner auf dem Brett.
Ich habe aber, da ich die Theorie nicht voll drauf hatte, 6. ....g6 gespielt. Damit konnte ich das Opfer auf e6 vermeiden, das für Weiß meißt zum Sieg reicht. Im weiteren Spielverlauf erscheint mir 6. ...g6 besser für Schwarz zu sein.
Es folgte:
7. S1f3 Lg7
8. De2 O-O
9. Ld2 h6
10. Se4 Sxe4 und ich stand sicher.

Kellerdrache - 15.01.19    

Die überwältigende Anzahl der Partien, die mit dieser Variante gespielt wurden stammen aus den Jahren 1987 und 1988. Danach scheinen die Schwarzspieler die Entschärfung gefunden zu haben. Ob es sich dabei um den Aufbau mit g7 handelt kann ich nicht sagen, auch wenn es erst einmal gut aussieht.
Die Schachgeschichte ist übrigens voll von solchen Varianten mit kurzer Blütezeit. Dinge wie Wolgagambit, Alapin-Variante im Sizilianer, Schottische Verteidigung usw. wurden zu ihrer Zeit auf allen Ebenen ausprobiert, bis sie erfolgreich bis zur Blutleere analysiert und entschärft wurden.

Vabanque - 15.01.19    

Interessante Beobachtung.

Es gibt natürlich auch Moden im Schach, d.h. Varianten geraten aus der Mode, verschwinden beinahe, um einige Jahrzehnte wieder neu belebt zu werden.

patzer0815 - 16.01.19    

Kasparow hat in dieser Variante allerdings mit Schwarz auch einmal sehr böse gegen einen Computer verloren. Ich meine es war 2000 gegen Deep Blue, könnte aber auch ein Vorgänger-Wettkampf gewesen sein.