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Motivation "größter Schachspieler aller Zeiten" Diskussionen

Jupp53 - 18.01.20   +

Bitte hier nicht diskutieren, wer denn der Größte ist!

Immer wieder kommen in Schachforen Themen auf, mit reger Beteiligung, wer denn der Größte ist/war. Rational nicht nachvollziehbar, gibt es dafür doch emotionale Gründe.

Wie war das bei mir? Als Kind, Jugendlicher suchte ich ein Vorbild. Dabei stolperte ich über die Lasker-Biographie von Hannak und war begeistert. Seine Partien wurden kontrovers diskutiert. An Lasker- Capablanca , St.Petersburg 1914, Lasker - Bauer, 1889, und die vielen Kampfpartien gegen Tarrasch erinnere ich mich gerne.
Hinzu kamen noch nicht aufgearbeitete Reste der Nazidiktatur. Ich hatte dir Wahrheit der Aussage von Salcia Landmann noch nicht verstanden: Ein Philosemit ist ein Antisemit, der Juden liebt. So war Lasker als Jude in den schlimmsten Tagen der deutschen Geschichte als Underdog per se positiv besetzt.

Inzwischen brauche ich kein Vorbild. Es reicht die Anerkennung einer guten Leistung. Sympathie mit Underdogs ist noch da, wenn sie an einer guten Sache dran sind. Das gilt allerdings für alle. Und an Menschen stelle ich von Herkunft, ... keine besonderen Anforderungen, hoffe ich jedenfalls.

Also:
Ich brauchte einen Held.
Es fehlte ein Stück persönlicher Entwicklung.

Das waren meine Gründe einen bestimmten Schachspieler zum Größten aller Zeiten zu erklären.

Mich interessieren eure Motive.

Famulus - 18.01.20   +

Ich stelle fest, dass ich bei vielen Sportarten immer die Besten verfolge, obwohl ich damit eigentlich nichts am Hut habe, zB beim Dart Michael von Gerwen, beim Basketball Dallas Mavericks(früher Nowitzky dort), beim Fussball die Bayern, beim Tennis Federer und Carlsen beim Schach. Wenn einer davon verliert, ärgere ich mich. Frage mich woher das kommt.

Tschechov - 18.01.20   +

Ich glaube, der für uns vermeintlich oder wirklich Beste ist eine Projektionsfigur all dessen, was wir gerne wären. Daran liegt es auch, daß die Mehrheit in bestimmten Sportarten nur solange zum Besten hält, wie er das auch wirklich ist. Im Boxsport bspw. wird der Champion beim Einmarsch in den Ring oft jubelnd begrüßt, aber wenn er dann überzeugend vom Herausforderer geschlagen wird, kippt die Sympathie und alle jubeln der neuen Nummer Eins zu. Man mag das opportunistisch finden, aber die Menschen betrachten ihr Idol nun mal als eine Art persönliche Kapitalanlage, der Verlierer, an den sie bis dahin geglaubt hatten, hat dieses Kapital in ihren Augen gewissermaßen veruntreut.

Famulus - 18.01.20    

Gute Erklärung, wohl alles nur Projektion eines nicht so starken Egos.

Vati - 18.01.20    

Ich persönlich neige eher zu Sympatien für sich tapfer schlagende Außenseiter.

Vabanque - 19.01.20    

Der Mensch ist wohl so angelegt, dass er sich - zumindest in bestimmten Lebensphasen, vor allem in der Jugend - ein Vorbild, ein Idol, sucht.
Später erkennt man dann irgendwann, dass es so etwas nicht geben kann, bzw. dass es keinen Menschen gibt, der dauerhaft und in jeglicher Hinsicht zum Vorbild taugt. Dann muss man diese Idee fallen lassen.
Abgesehen davon, dass man seinem Vorbild ja sowieso immer nur in recht bescheidenem Maße nacheifern kann, gerade im Schach, wo niemand von uns den Stil Laskers, Tals, Kasparovs, Anands, Carlsens (oder wessen auch immer) auch nur annähernd nachmachen kann, schon gar nicht auf deren Niveau, und auch sonst nicht.

Mein Lieblingsspieler ist immer der, mit dessen Partien ich mich gerade beschäftige. Sozusagen ein Idol für ein paar Tage, Wochen oder allenfalls Monate (falls es mir jemals gelingt, ein komplettes Buch mit Partien eines Spielers durchzuarbeiten). Dann wird er wieder 'abgelöst', und es kommen durchaus so seltsame Dinge vor, dass auf Tal Petrosjan folgt ;-)

Plummelschwubb81 - 19.01.20    

Ach, der größte Schachspieler aller Zeiten muss ja nicht einem persönlichen Vorbild entsprechen. Es ist auch eine nüchterne Einschätzung möglich, die halt dem Spielverständnis nach, klar, subjektiv ausfallen mag.

Vabanque - 19.01.20    

So etwas wurde hier (wie auch auf vielen anderen Seiten) schon öfters versucht, und nie kam eine Einigung heraus.

Da es viel zu viele Spieler in Vergangenheit und Gegenwart gibt, die ich schätze und die deswegen in gewisser Weise als Vorbild dienen könnten, bin ich irgendwann mal auf die Idee verfallen, um wenigstens eine Auswahl zu treffen, mich hauptsächlich mit denen zu beschäftigen, die nicht nur als große Spieler, sondern auch noch als ganz und gar integre und sympathische Persönlichkeiten gelten können. Beispiele dafür wären Keres, Bronstein, Tal, Spassky, Anand und Ivantschuk. Die können einem dann nicht nur schachlich, sondern auch menschlich, also ganzheitlich als Vorbild dienen. Wie seht ihr diesen Aspekt der Vorbildfunktion?

Plummelschwubb81 - 19.01.20    

Ja, die menschliche Seite fällt eben teils schon deutlich raus (bei mir jedenfalls) wenn ich die größten aufzählen sollte.

Was die Sympathie anbelangt, stimme ich dir völlig zu, Vabanque! Besonders Anand fällt mir da immer wieder positiv auf. Ich hätte Carlsen ohrfeigen können, für seine respektlose Art ihm gegenüber, beim Match. Aber schachlich ist Carlsen Anand überlegen würde ich sagen. Deshalb meinte ich auch, es hat nicht zwingend etwas mit persönlichen Dingen zu tun, wenn Spieler favorisiert werden. Und 'der Größte aller Zeiten' ist ja eine Favorisierung... und ja, trotzdem keine eindeutig zu treffende

Vabanque - 19.01.20    

Es kommt eben ganz drauf an, wie man für sich selbst 'Größe' definiert.