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Colle spielt das Colle-System (II)

Vabanque - 12.07.20   +
Nun sind seit meiner Präsentation des ersten Teils der Serie zwar erst wenige Tage vergangen, aber vorliegende Partie weist zu der anderen (Colle-Schubert 1928) derart bemerkenswerte Ähnlichkeiten auf, dass es vielleicht besser ist, wenn sie zeitnah nachgespielt und mit jener verglichen wird.
Auch hier dürfte Colles Gegner zwar unbekannt sein, war aber keineswegs ein schwacher Spieler: der gebürtige Russe Soultanbeieff emigrierte nach der Revolution nach Belgien und gewann 5mal die belgische Meisterschaft. Aber auch er lässt sich von Colle überrennen. Dass Colles Springeropfer im 14. Zug bei bester Verteidigung vermutlich nur zum Remis durch Zugwiederholung geführt hätte, steht auf einem anderen Blatt.

[Event "Liege"]
[Site "Liege BEL"]
[Date "1930.08.28"]
[Round "9"]
[White "Edgar Colle"]
[Black "Victor Ivanovich Soultanbeieff"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "D05"]

1. d4 Nf6 2. Nf3 e6 3. e3 d5 4. Nbd2 c5 5. c3 Nc6 {In der zuvor besprochenen
Partie spielte Colles Gegner diesen Springer nach d7.} 6. Bd3 cxd4 $6 {Dieselbe
Ungenauigkeit wie in der anderen Partie, die aus den bereits dort erwähnten
Gründen Weiß gute Angriffschancen gibt.} 7. exd4 Bd6 8. O-O Qc7 9. Re1 O-O 10.
Qe2 Re8 11. Ne5 {Mit Ausnahme des schwarzen Damenspringers wählen beide Seiten
dieselbe Aufstellung wie in der anderen Partie.} 11... Re7 {Bereitet Sd7 vor.}
( {Sofortiges} 11... Nd7 {würde durch} 12. Bxh7+ Kxh7 13. Qh5+ Kg8 14. Qxf7+
{widerlegt.} ) 12. Ndf3 Nd7 13. Ng5 {Wieder machen die vereinten Springer auf
e5 und g5 solchen Ärger!} 13... Nf8 {An dieser Stelle der beste
Verteidigungszug (in diesem Fall stimmt die 'Regel' vom Springer auf f8).} (
{Auch hier geht} 13... f6 $4 {nicht wegen} 14. Bxh7+ Kf8 (14... Kh8 15. Ng6#)
15. Nxe6+ $1 ( {oder auch zuerst} 15. Ng6+) 15... Rxe6 16. Ng6+ Ke8 17. Qxe6+)
( {Und} 13... h6 $4 14. Ngxf7 $1 Rxf7 15. Nxf7 Kxf7 16. Qxe6+ {nebst Matt auf
e8 ist auch keine Option.} ) 14. Nxh7 $5 {Typisch für den ungeduldigen Colle.
Bei bester Verteidigung reicht das Opfer wahrscheinlich nur zum Remis. Aber
diese beste Verteidigung muss Schwarz erstmal finden!} 14... Nxh7 15. Bxh7+
Kxh7 16. Qh5+ Kg8 17. Re3 {Droht ganz simpel Th3, wonach das Matt nicht mehr zu
vermeiden wäre, da dem schwarzen König das Feld e7 verstellt ist. Daher der
nächste schwarze (Fehl-)Zug.} 17... Re8 $4 {Schwarz lässt sich verblüffen. Nach
dem Turmzug wird es Matt, es wird sich nämlich zeigen, dass auf diese Weise dem
schwarzen König das Fluchtfeld e7 nicht verschafft werden kann.} ( {Mit} 17...
f6 $1 {konnte Schwarz sich halten, z.B.} 18. Rh3 ( {oder} 18. Ng6 e5 $1 19.
Qh8+ Kf7 20. Qh5 Kg8 {mit Remisschaukel} ) 18... Nxe5 ( {oder auch Lxe5, aber
ja nicht} 18... fxe5 $4 19. Qh8+ Kf7 20. Rf3+ Kg6 21. g4 {nebst Matt auf h5} )
19. Qh8+ Kf7 20. Rh7 Kg6 21. Rh4 {(droht Dh5#)} 21... Kf7 {und es geht nicht
weiter, z.B.} 22. Rh7 ( {oder} 22. dxe5 Bxe5 23. Qh5+ Kf8 (23... g6 $2 24. Qh8
$1) 24. Qh8+ Kf7 25. Qh5+ {ebenfalls Remis} ) 22... Kg6 23. Rh4 Kf7 {wieder mit
Remis durch Zugwiederholung} ) 18. Rh3 Kf8 {Gegen das Matt auf h8 gibt es keine
andere Verteidigung.} 19. Bg5 $1 {Schneidet dem schwarzen König den Weg in die
Mitte ab und droht erneut Matt auf h8.} 19... f6 {Wieder der einzige Zug, aber
er hilft nicht.} 20. Bxf6 $3 {Die Barriere wird einfach weggefegt! Schwarz gab
auf, dabei hätte er sich den hübschen Schluss doch noch zeigen lassen können:.}
( {Auf} 20. Bxf6 $3 gxf6 {folgt nämlich} 21. Ng6+ $1 ( {aber nicht etwa} 21.
Qh8+ $2 Ke7 22. Rh7+ $4 Kd8 {und Schwarz gewinnt! ('Man gibt so lange Schach,
bis der feindliche König gut steht')} ) 21... Kg8 (21... Kf7 22. Qh7#) 22. Qh8+
Kf7 23. Qh7# {Ein 'reines' Matt; jedes Fluchtfeld ist dem schwarzen König nur
durch einen einzigen Stein verwehrt. Allerdings handelt es sich um kein
'ökonomisches' Matt, denn die beiden weißen Türme tragen nichts zum Mattbild
bei. Aber Ökonomie der Mattstellung kann man von einer praktischen Partie nun
wirklich nicht verlangen; damit sollen sich die Problemschachexperten
beschäftigen!} ) 1-0
Vabanque - 13.07.20   +
In seinem Beitrag zum ersten Teil der Reihe hat ja SF Oli1970 auf einen Link aufmerksam gemacht, der u.a. auch einen Kommentar zu genau dieser Partie enthält:

http://scleinzell.schachvereine.de/so_training/colle_03.htm

Man wird unschwer erkennen, dass ich diesen Kommentar nicht vorliegen hatte, als ich meinen eigenen verfasste. Der Kommentator stimmt auch in ein paar wesentlichen Stellungs-Einschätzungen so gar nicht mit mir überein, was mich schon etwas erstaunt, ja schockiert.

Bin ich nun ein zu großer Fan von Herrn Colle, oder einfach nur auf dem Holzweg, oder täuscht sich da eher mein (mir nicht bekannter, obwohl sogar Namensvetter) Kollege vom Schachverein Leinzell? :-o
Oli1970 - 15.07.20   +
Hm, noch immer kein Kommentar zur Partie? Und ich dachte, ich sei langsam. Schade, dass sich irgendwie kaum jemand findet, der sich inhaltlich äußern möchte. Ich weiß noch, dass mir das seinerzeit schwer fiel. Aber, wenn man es macht, merkt man doch sehr schnell, wie schön ein Austausch hier ist. Hier werden Sie auf nette Art geholfen, alle kochen nur mit Wasser und manchmal ist auch etwas Scharlatanerie dabei. ;-) Sei's drum.

So groß finde ich ich die Abweichungen zum Kommentar auf den Seiten des SC Leinzell gar nicht. Am auffälligsten sind die Kennzeichnungen des 11. Zugs von Schwarz - warum der sich dort ein "!?" verdient, verstehe ich nicht. Der Kommentator gibt ja den Beweis, dass der beabsichtigte Zug ohne diese Grundlage nicht funktioniert. Wenn schon, dann "!" bitte, was aber wohl zu viel des Guten wäre. Der andere bemerkenswerte Unterschied ist natürlich der 14. Zug von Herrn Colle. Der eine Kommentator findet ihn bemerkenswert-interessant, der andere fehlerhaft. Das verdient auf jeden Fall einen Blick.

Aber fangen wir vorne an. Dieses ominöse 6... cxd4 wird offenbar immer wieder gerne gespielt, wenn Sc6 statt Sd7 erfolgte. Vabanque hat ja bereits erläutert, warum die Vorteile lediglich auf Seiten des Anziehenden liegen. Bliebe noch zu erwähnen, dass man es mit Ld6 oder Le7 als Klassiker besser macht. Auch b6 lohnt einen Blick. Das ist die Scharlatanerie, kann man nämlich nachlesen. :-)

Irgendwann folgt der 11. Zug, nach dem der Leinzell-Kommentar einen alternativen Plan ausarbeitet. Und zwar empfiehlt man dort f4 nebst g2-g4-g5, was definitiv auch ein Weg sein kann. Die Engine empfiehlt u. a. auch f4, jedoch mit der Fortsetzung Dh5 und weiteren wilden (beiderseitigen) Figurenmanövern, die m. E. nicht wirklich naheliegen. Was die Engine aber auch sieht, ist die von Colle gespielte Folge, die erst nach endloser Rechnerei um wenige Hunderstel vom 1. Rang rutscht! Der alte Meister wusste wohl, was er tat. Und schön anzusehen ist der Springeraufmarsch auf der 5. Reihe ja wirklich.

Umso verwunderlicher ist dann, dass Colle nicht das bereits bekannt Dh5 spielt. Hier liegt der Grund in der einfachen Antwort 14... g6! nebst f6, was den erspielten Vorteil vernichten würde. Eigentlich dasselbe, was auch nach Sxh7 geschieht. Wie Vabanque schrieb - die Verteidigung will erst mal gefunden werden. Beim Spiel mit der Engine sieht es so aus, als ob Colle viele spielbare Züge zur Auswahl hatte, jedoch alle gleichermaßen in eine ausgeglichene Stellung führen. Warum dann also nicht Sxh7!
Die Frage ist eher, was hat Soultanbeieff mit seinem Te8 geritten? Sxe5, um einen Angreifer zu eliminieren, und alles wäre geritzt gewesen. Und natürlich das genannte f6, ganz klar. Aber trotzdem ein Dankeschön, immerhin ist das folgende 20. Lxf6 ein tolles Highlight des Spiels.

Und Dir ein Dankeschön für das Zeigen dieses Spiels, Vabanque!
Vabanque - 15.07.20   +
>>Was die Engine aber auch sieht, ist die von Colle gespielte Folge, die erst nach endloser Rechnerei um wenige Hunderstel vom 1. Rang rutscht! Der alte Meister wusste wohl, was er tat. <<

Dieses Phänomen ist ziemlich oft zu beobachten; lässt man die Engine lang genug laufen, bestätigt sie letztlich dann doch die Züge, die ein alter Meister ganz intuitiv gefunden hat!

>>Die Frage ist eher, was hat Soultanbeieff mit seinem Te8 geritten?<<

Ich vermute, er wollte seinem König das Fluchtfeld e7 'sichern', ohne zu erkennen, dass Weiß dies verhindern kann.
Oder er glaubte sich - zu Unrecht - bereits verloren und dachte, es wäre gleich, was er noch spielt.
Dabei lag es ja eigentlich auf der Hand, den gefährlichen Springer auf e5 durch Tausch zu eliminieren, wobei 17... f6! vermutlich wohl doch noch eine Idee besser ist als Lxe5 oder Sxe5.
Dass der Zug allerdings für Schwarz gewinnen würde, wie der andere Kommentator meint, kann ich keineswegs so sehen. Auch die Varianten, die ich mit Stockfish durchgespielt habe (und die ich hier natürlich nicht zeige, dazu sind sie zu lang, verwickelt schwer zu verstehen, und zu weit weg von 'menschlichem' Schach), führen alle letzten Endes auf ein Remis.

Jedenfalls danke für deinen ganz ausführlichen Kommentar, @Oli1970!!

Aber ich freue mich auch über ganz knappe Kommentare aller User.

Auch negative Kommentare sind besser als gar keine; dann gibt es wenigstens etwas zu diskutieren!
Alapin2 - 28.01.21    
Wenn ich mich recht entsinne, hatte ich Vabanque damals angedeutet, daß es im Colle eine bestimmte Falle gibt, auf die schon zig Leute reingefallen sind. Damals vergeblich gesucht, ist sie mir jetzt wieder über den Weg gelaufen. Ich kenne allerdings nur die Stellung, nicht die Zugfolge. Diagramm gleich unter "Aufgaben".