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Andor Lilienthal

Oli1970 - 04.12.20    
Erstaunlicherweise hat Andor (André) Lilienthal auf chessmail bisher kein Spiel gewidmet bekommen. Das nachfolgende gegen den großen Capablanca ist vermutlich seine bekannteste Partie, in der er einen brillanten Angriff mit einem Damenopfer einleitet. Als Anekdote wird dazu erzählt, dass er zuvor halb im Scherz angekündigt habe, Capablanca durch ein Damenopfer besiegen zu wollen.

Er schlug Emanuel Lasker, José Raúl Capablanca, Alexander Alekhine, Max Euwe, Mikhail Botvinnik, Vasily Smyslov, Vera Menchik, Frank Marshall, Savielly Tartakower, David Bronstein, Miguel Najdorf und Paul Keres. 1934 galt er als sechstbester Spieler der Welt. 1950 erhielt er als einer der ersten den Großmeistertitel. Lilienthal starb 2010 wenige Tage nach seinem 99. Geburtstag. Auf chessbase und in anderen Quellen finden sich Lebensgeschichte und Erinnerungen, die hier nicht wiederholt werden müssen. Zur Persönlichkeit reicht es zu sagen, dass er in seinen fast 100 Lebensjahren Spieler aller Generationen kennengelernt hat und bei ihnen beliebt war. Bis kurz vor seinem Tod war er auf Turnieren als Gast zugegen und analysierte Partien auf noch immer hohem Niveau.


[Event "Hastings 1934/35"]
[Site "Hastings ENG"]
[Date "1935.01.01"]
[Round "5"]
[White "Lilienthal, Andor"]
[Black "Capablanca, Jose"]
[Result "1-0"]
[ECO "E24"]
[EventDate "1934.12.27"]
[PlyCount "52"]

1.d4 Nf6 2.c4 e6 3.Nc3 Bb4
{Nimzo-indisch, ein Verteidigungssystem nach Aaron Nimzowitsch. Schwarz kontrolliert das Zentrum von den Flügeln aus. Der Läufer auf b4 fesselt den Sc3 zunächst, Be6 und Sf6 kontrollieren den weißen Damenbauern und verhindern zunächst e2-e4. Schwarz bleibt flexibel, je nach Entwicklung des Spiels wird er das Zentrum attackieren oder über einen der beiden Flügel durchbrechen. }
4.a3
{Der Zug, der den Läufer direkt befragt, geht auf Friedrich Sämisch zurück.}
4...Bxc3+ 5.bxc3
{Der Tausch Lb4 gegen Sc3 verschafft dem Weißen einen Doppelbauern, aber auch das Läuferpaar.}
5...b6
{befreit den Flügelläufer. Schwarz hat mehrere Möglichkeiten fortzusetzen, u. a. c7-c5.}
6.f3
{bereitet e4 vor, was Lilienthal ein starkes Bauernzentrum gibt. Die Läuferdiagonale b7-h1 wird so verstellt, dass Lb7 für Schwarz nicht viel Sinn ergibt.}
6...d5 7.Bg5
( {ebenfalls in Betracht käme } 7.cxd5 exd5 8.e3 c5 )
7...h6 8.Bh4
{Lxf6 wäre zwar konsequent, aber nach Dxf6 kein Vorteil. Durch den Rückzug fordert Weiß zu g7-g5 auf, was den Königsflügel öffnet.}
8...Ba6
( 8...dxc4 {befreit Weiß vom Doppelbauern, der Materialverlust wird umgehend ausgeglichen.} 9.Qa4+ Qd7 10.Qxc4 )
9.e4 $5
{Ein interessantes Bauernopfer, das Aljechin ein Jahr zuvor gespielt hat. Weiß baut ein starkes Zentrum auf. Durch La6 hat Schwarz angedeutet, den Bc4 gewinnen zu wollen. Falls Lxc4, müsste der Läufer umgehend zurückgewonnen werden, falls dxc4 bleibt das Zentrum dem Weißen und Schwarz blockiert sich selbst.}
9...Bxc4 $6
{Möglicherweise ein Fehler Capablancas, da Lilienthal zunächt bestimmt, wie es weiter geht. Spielbar ist der Zug allerdings; in Folge wird Lilienthal den Bauern zurückgewinnen - das Spiel ist dann ausgeglichen.}
( 9...dxe4 10.fxe4 g5 11.Bg3 Nxe4 12.Be5 {nebst Dc2 oder Dd3 gäbe Weiß laut Lilienthals Analyse einen Angriff für den Bauern.
} )
10.Bxc4 dxc4 11.Qa4+ Qd7 12.Qxc4
{gewinnt den Bauern zurück.}
12...Qc6
{Capablanca bietet Damentausch an, den Lilienthal ablehnt. Lilienthal hat das Zentrum für sich gewonnen.}
13.Qd3 Nbd7 14.Ne2 Rd8
{bringt den Turm auf die halboffene Linie im Zentrum, allerdings auch auf die Diagonale des Lh4. Damit ist Sf6 gefesselt.}
15.O-O
{Interessant ist, dass Capablanca auf seine Rochade verzichtet - und später nicht mehr dazu kommen wird.}
15...a5
{sichert Schwarz den Damenflügel, die Basis der Bauern auf c7 ist leicht zu verteidigen.}
( 15...O-O 16.Qa6 g5 17.Bf2 {wäre vermutlich besser für Schwarz gewesen, es sind Umgruppierungen für beide Spieler notwendig. Weiß darf Ba7 nicht nehmen, da Schwarz mit Dc4 in die weiße Stellung einbrechen würde.} )
( 15...Ne5 16.Qc2 Nc4 17.d5 $1 exd5 18.Nd4 {hätte die Stellung zugunsten Lilienthals geöffnet. Der Springer zwingt Dc6 zum Wandern und findet später dort, auf b5 oder auf f5 starke Felder.} )
16.Qc2
{Lilienthal vermeidet Verwicklungen, indem er die Dame aus dem Blick des Turms entfernt. Allerdings gibt er damit das Feld c4 auf, welches schwach ist, da es nicht durch eigene Bauern gedeckt werden kann.}
16...Qc4 17.f4 $1
{Lilienthal stößt den Bauern vor, um eine Linie auf dem Königsflügel zu öffnen. Eine Engine wertet den Zug ab, sieht das Spiel ausgeglichen. Tatsächlich erwächst darauf ein starker Angriff.}
17...Rc8
( 17...O-O {verliert den Turm, da andere Züge als Sd5 Weiß in noch größeren Vorteil bringen.} 18.e5 Nd5
( 18...c5 19.exf6 Nxf6 20.Qd2 Ne4 21.Qe3 Nxc3 22.Qxc3 Rxd4 23.Qxc4 Rxc4 $16 )
( 18...Rde8 19.exf6 Nxf6 20.Bxf6 gxf6 21.f5 $16 {nebst Tf1-f3-h3} )
19.Bxd8 )
18.f5 $1 e5
( {Nehmen geht nicht gut: } 18...exf5 19.Rxf5 {und Weiß hat seine halboffene Linie mit Angriff z. B. nach } 19...O-O 20.Bxf6 Nxf6 21.Rxf6 gxf6 )
19.dxe5
{Weiß arbeitet weiter an der Linienöffnung.}
19...Qxe4 $2
{übersieht eine glänzende Kombination.}
( 19...Qc5+ 20.Bf2 Qxe5 21.Bd4 {und weiteres Tauschen im Zentrum zerstört den schwarzen Königsflügel: } 21...Qxe4 22.Qxe4+ Nxe4 23.Bxg7 )
( 19...Nxe5 20.Nf4 Qc6 21.Rad1 O-O 22.Bxf6 gxf6 {hätte Schwarz im Spiel gehalten.} )
20.exf6 $3
{Der Zug, der diese zu Lilienthals wohl bekanntester Partie macht. Die Vorausberechnung (oder Intuition) ist erstaunlich, die Folgezüge sind quasi erzwungen - mögliche Alternativen entweder nicht möglich oder nicht sinnvoll!}
20...Qxc2
{Capablanca nimmt das Damenopfer an. Viele Alternativen hatte er auch nicht.}
21.fxg7 Rg8
{erzwungen, der Freibauer muss gestoppt werden.}
22.Nd4
{droht Tae1.}
22...Qe4
{Capablanca gibt die Dame zurück, es ist aber nichts mehr zu retten. Hier auf e4 erhält er zumindest einen Turm dafür.}
23.Rae1
( 23.f6 $6 {Viel schwächer.} 23...Qxh4 $6 {wirft den Hoffnungsschimmer sofort wieder fort.}
( 23...Nxf6 24.Bxf6 Kd7 )
24.Rae1+ Qxe1 25.Rxe1+ Ne5 26.Rxe5+ Kd7 $18 {Auch wenn der optische Eindruck ein anderer sein mag - Weiß steht klar auf Gewinn.} )
23...Nc5 24.Rxe4+ Nxe4 25.Re1
{wieder auf die Linie.}
25...Rxg7
{um den Bauern zu eliminieren und dadurch den Turm beweglich zu machen.}
26.Rxe4+ Kd7
{Es scheint strittig, ob dieser Zug noch gespielt wurde oder nicht. Capablanca soll seine Niederlage erkannt haben, als er bemerkte, dass Lilienthal seinen 20. Zug gefunden hat.}
( 26...Kd7 27.Re7+ Kd6 28.f6 {nebst Lg3 gewinnt, da als nächstes Bf7 fällt oder der Angriff über Lxc7 fortgesetzt werden kann. Lilienthal hat Capablanca überspielt. Als Anekdote berichtet er: 'Without waiting for my reply, Capablanca smiled and held out his hand, congratulating me on my win. I couldn't hide the fact that I was happy....'} )
1-0
Alapin2 - 04.12.20    
Klasse Partie und sehr gut kommentiert!
Über Capas Verlustpartie gegen Saemisch (Karlsbad 1929) gibt es eine Anekdote :Angeblich hatte der gut aussehende und eloquent Capa - ab und zu - auch mal
Liebschaften, so auch während des Karlsbader Turniers. Als er gerade seinen 9.Zug ausführen wollte, hieß es plötzlich :"Capablancas Frau ist soeben angekommen!".... Vor lauter Schreck stellte er daraufhin eine Figur ein!
KroMax - 04.12.20    
Danke dir Oli !
Einmal einen solchen Zug, den 20. mein ich, sehen und sich auch trauen, ihn zu spielen...toll.
Beste Grüße
Max
Tschechov - 04.12.20    
Wahnsinn! >>Capablanca nimmt das Damenopfer an. Viele Alternativen hatte er auch nicht. <<
Wäre Sd7xf6 spielbar gewesen?
Tschechov - 04.12.20    
@Alapin2: Sportliche Wettkämpfe und Damenbesuche: Der spätere Boxweltmeister im Schwergewicht Sonny Liston war meistens "spitz". Vor seinen Kämpfen setzte sein Management darum oft eine Frau an den Ring, von der es ihm weismachte, daß sie an ihm interessiert wäre. Irgendwann während des Kampfes traf diese Frau dann ostentative Anstalten, zu gehen. Seine Ecke flüsterte Liston zu: "Guck mal Sonny, sie geht schon." Liston beeilte sich dann immer, schnell fertig zu werden.
Vabanque - 04.12.20    
>>Wäre Sd7xf6 spielbar gewesen?<<

Schwarz hätte danach einfach eine Figur weniger gehabt, oder? Das hält auch ein Capablanca nicht mehr :-/
Tschechov - 04.12.20    
Sorry, da hakt bei mir gerade was. Wieso hätte Schwarz dann eine Figur weniger?
Vabanque - 04.12.20    
Also, ich war davon ausgegangen, dass du meinst, Schwarz hätte auf 20. exf6 mit Sxf6 antworten können. Dann hätte er einen Läufer weniger gehabt, zwar für einen Bauern, aber das ist trotzdem nicht zu halten.
Tschechov - 04.12.20    
Na klar, Schwarz IST ja schon in Unterzahl. Das hatte ich übersehen.Es stehen ja bereits zwei Leichtfiguren gegen eine zu Buche.
Vabanque - 05.12.20    
Allerdings erst nach exf6. Damit schlägt weiß ja eine schwarze Leichtfigur und lässt elegant die Dame hängen. Capablanca nahm die Dame und es ist schon erstaunlich, wie schnell danach die schwarze Stellung zusammenbricht.
Oli1970 - 06.12.20    
Schön, wenn Euch das Spiel gefallen hat und dass noch etwas Leben in dieser Rubrik herrscht! Schöne Anekdoten! Schach und Boxen haben offensichtlich was gemeinsam! :-)

Zu 20...Sxf6 ist im Prinzip alles gesagt. Ehrlicherweise muss man anfügen, dass Stockfish dem Zug sogar einen leichten Vorteil (keine 0,5 BE) einräumt. Neben der Leichtfigur hat Weiß jedoch erheblichen Stellungsvorteil, so dass Stockfish in beiden Fällen den weißen Vorteil bei etwa 5 BE sieht. Es ist nicht uninteressant, die Engine das Spiel nach Sxf6 fortsetzen zu lassen.
Ich könnte mir vorstellen, dass für Capablanca der Materialwert bei der Überlegung eine Rolle spielte, falls er das Ende da tatsächlich schon vorhergesehen haben sollte. Denn natürlich darf man immer noch auf einen schwachen Zug hoffen, der die Dame plötzlich unheimlich wertvoll macht. :-)

Schönen 2. Advent!
Vabanque - 06.12.20    
Ich glaube ganz bestimmt, dass Capablanca nach 19... Dxe4 und Lilienthals Antwort 20. exf6!! blitzartig erkannte, welchen eklatanten Fehlzug er da mit dem Schlagen auf e4 begangen hatte und auch sofort gesehen hat, dass er die Dame nicht behalten kann, so dass sich das Damenopfer nur als ein Scheinopfer erweist. Aber immerhin ergibt die schnelle Durchrechnung ja, dass Weiß nur 2 Figuren für einen Turm erhält und nicht eine Figur gegen einen Bauern wie bei 20... Sxf6. Das Dumme für Schwarz ist nur, dass sich durch den Materialgewinn der weiße Angriff überhaupt nicht abschwächt (meistens ist es ja so, dass ein Angriff zwar Material gewinnt, der Angriff danach aber vorbei ist bzw. die Initiative sogar an den Gegner übergeht, was diesem dann wieder Chancen gibt). Weiß kann nach dem 26. Zug mit überwiegendem Material auch noch weiter auf Schwarz eindreschen. Das war Capa dann doch zu viel.
Vabanque - 06.12.20    
Um auch noch kurz auf die Eröffnung zurückzukommen: Ich hatte sowohl zur Sämisch-Variante wie auch insbesondere zur hier gespielten Untervariante 6. f3 nie sonderliches Zutrauen, weil Weiß das starke Zentrum auf Kosten der Entwicklung aufzubauen trachtet (er hat nach 6. f3 keine einzige Figur entwickelt!). Ich hatte immer das Gefühl, Schwarz müsste das doch durch Spiel auf schleunigste Entwicklung irgendwie ausnutzen können. Nun war diese Variante zum Zeitpunkt der Partie wohl noch nicht weitgehend erforscht, und Capa musste improvisieren. Trotzdem ist es erstaunlich, dass er in eine so schlechte Stellung gerät. Lilienthal gelingt es hier ja unter Bauernopfer (das Schwarz nicht annimmt) tatsächlich, das beabsichtigte starke Zentrum zu errichten und geht aus dem Eröffnungskampf damit quasi als Sieger hervor (auch wenn Schwarz sich trotzdem noch hätte halten können). Normalerweise sollte ja jeder Spieler in der Eröffnung (und nicht nur dort) so spielen, dass er die Absichten des Gegners möglichst stört. Capa macht hierzu aber erstaunlicherweise gar keine Anstalten.