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Blind

keinstein - 20.01.19    

Blind Schachspielen hat mich schon immer fasziniert. Als Jugendlicher konnte ich es leidlich und ich habe gegen Laienspieler auch zuweilen gewonnen.

Allerdings war es mich sehr anstrengend, da ich das Schachbrett nicht deutlich vor mir gesehen habe. Zunächst ein mal sind mir die Regeln "Weißes Feld zur Rechten" und "Weiße Dame weißes Feld, schwarze Dame schwarzes Feld zu Hilfe gekommen. Darüber hinaus habe ich die Züge und die Felder berechnet. Dazu habe ich die Notation geändert: Aus a1 wurde 11 und aus h8 wurde 88 usw.. Felder deren Quersumme gerade sind, sind schwarz, ungerade Felder sind weiß, die Berechnungsregeln für die Figuren ergeben sich leicht.
Allerdings war das ganze für mich so schwierig, dass ich einmal um die Orientierung ringen musste, als ich vom Brett aufgestanden bin.

Meine Frage ist nun, wer und wie viele sehen das Brett so klar vor sich, wenn sie die Augen schließen, dass sie problemlos darauf ziehen können. Um simultan blind spielen zu können, ist das sicherlich unerlässlich. Außerdem gehe ich davon aus, dass die besseren Spieler (z. B.DWZ > 2000) das alle können.

brauna - 20.01.19    

...ich leider nicht. Es gelingt mir gerade mal so, eine aktuelle Stellung zu merken. ;-)

Ich finde es faszinierend, wenn das jemand kann. Schier unbegreiflich für mich ist, dass es Leute gibt, die blind mehrere Partien simultan spielen.

Tschechov - 20.01.19    

Ich habe mal gelesen, daß Spieler ab einer gewissen Stärke das (also Blindpartien) grundsätzlich können. Wie es mit simultanen Blindpartien aussieht, weiß ich nicht. Ich werde es nie soweit bringen, nicht mal zu einer, soviel steht fest. Da braucht es ja auch gegenseitiges Vertrauen, sonst entstehen Situationen wie: " 14. Lc4 x Se6". "Aber da steht mein Pferd doch gar nicht!" "Steht es wohl!" "Steht es nicht!"

Eudora - 20.01.19    

Ich hatte mal einen Freund mit einem fotografischen Gedächtnis. Für den war das kein Problem, mir aus dem Bad seinen Zug zuzurufen, den ich auf dem Schachbrett in der Küche dann für ihn ausgeführt habe. Da wir immer nur eine Partie zu einer Zeit spielten, weiß ich nicht, ab welcher Partienanzahl er die Stellungen im Kopf durcheinander gebracht hätte.

FCAler - 20.01.19    

Blind sein, ist für mich eines der schlimmsten Dinge, was ich mir für mich persönlich vorstellen kann.

Das passt zwar jetzt nicht unbedingt zu diesem Thema, aber ich spende seit Jahren der der "cbm Christstoffel-Blinden-Mission" kleinere Beträge.

Ich kann Leute nur bewundern die das können, aus dem Gedächtnis heraus, Schach zu spielen.

Vabanque - 21.01.19    

Es ist Jahrzehnte her, seit ich ganze Partien ohne Ansicht des Brettes gespielt habe ... und dann auch nur gegen Anfänger ... sprich: ich habe es nie trainiert.

Aber: ich mache die Erfahrung, dass ich, wenn ich vom Brett (oder hier im Online-Schach: vom Monitor) weggehe und etwas anderes mache (es muss auch nur der Weg auf die Toilette sein oder in die Küche, um mir ein Bier zu holen), dass ich dann oft die Stellung auf dem Brett klarer 'sehe', d.h. dass mir plötzlich Zugmöglichkeiten klar werden, die ich beim ständigen Starren auf dem Brett nicht bemerkt habe. Ich habe bei dieser 'blinden' Analyse aber nie das gesamte Brett im 'Blickfeld'. Also wäre ich insgesamt wohl doch kein guter Blindspieler. Wahrscheinlich liegt es aber tatsächlich bloß an der völlig fehlenden Übung. Ansätze sind jedenfalls da.

Blindsimultan ist natürlich noch eine völlig andere Hausnummer, da müsste ich wohl vollständig kapitulieren.

Kellerdrache - 21.01.19    

Ich weiß nicht ob man unbedingt gut Schach spielen können muß um Blind zu spielen. Das ist vor allem eine große Konzentrationsleistung. Die Meisten werden wohl in der Lage sein die Augen zu schliesen und sich ein Schachbrett in Grundstellung vorzustellen. Ein oder zwei Züge kann man auch noch nachvollziehen. Aber diese visuelle Vorstellung zu halten oder wieder aufzubauen wenn man mal abgelenkt wurde verlangt schon einige Anstrengung. Für einen Spitzenspieler ist das nicht groß anders, denke ich mir, auch wenn die Konzentrationsfähigkeit trainiert ist. Es gibt und gab ja etliche Großmeister die dem Blindspiel negativ gegenüber standen, ja es für schädlich für das menschliche Gehirn hielten (Botwinnik und Kasparov sind zwei Beispiele dafür). Die modernen Spitzenspieler geben ja auch kaum Blindsimultan-Vorstellungen.
Auch absolute Spitzenleute wie Carlsen versuchen sich an extremen Vorführungen a la Pillsbury lieber gar nicht erst.

eika13 - 21.01.19    

ich habe früher öfter mal abends lange an einer stellung analysiert, darüber geschlafen und am nächsten tag fand ich sofort einen guten zug ?!

Vabanque - 21.01.19    

Da hat dein Unterbewusstsein über Nacht an der Stellung gearbeitet.

keinstein - 21.01.19    

@Kellerdrache
Sicherlich ist Ganze von der Konzentrationsfähigkeit abhängig; aber je besser man das Spiel beherrscht, um so weniger muss man sich konzentrieren, oder?
Allein die Eröffnungen können viele der Besseren doch etliche Züge lang auswendig.
@FCAler
Ich kann mir vorstellen, dass man sich mit dem Blindsein ganz gut arrangieren kann.
Jedenfalls habe ich den Eindruck, wenn ich nachts schlafen gehe und kein Licht anmache, um meine Frau nicht zu stören.
Vor anderen Gebrechen habe ich deutlich mehr Angst.

patzer0815 - 21.01.19    

Ein Bekannter von mir der früher in der gleichen Liga wie wir spielte, hält aktuell den Rekord im Blindschachsimultan mit 46 Partien gleichzeitig: FM Marc Lang
https://de.wikipedia.org/wiki/Blind-Simu..

Er schreibt auch selber über vergleichbare Verstaltungen:
https://www.blindsimultan.de/

Soweit ich ihn richtig verstehe, stellt er sich das Brett nicht 3-dimensional vor (wir beispielsweise ich), sondern in einer stark vereinfachten 2-D-Grafik. Die Fiuren sind dabei nur nooch Punkte, die er allerdings leicht unterscheiden kann.

Für seinen Weltrekordversuch hat er zuerst Sponsoren gesammelt um sich in der Vorbereitung ein halbes Jahr frei zu nehmen um mit Laufen, Radfahren und Schwimmen seine körperliche Fitness entsprechend aufzurüsten. Der Rekordversuch selbst dauerte etwa 30 Stunden.

Schlafabtausch - 22.01.19    

Wir hatten übrigens Mal einen Blinden im Schachverein, wobei der Natürlich sein Brett abgetastet hat. Ich habe als Jugendlicher ab und an blind gespielt aber nicht gegen wirklich starke Gegner. Klappte gut da ich immer die selbe Eröffnung spiele die sich auch ziemlich Schablonen artig spielen lässt. Müsste mir dann nur die Abweichungen merken.

Schlafabtausch - 22.01.19    

Übrigens unser blinder Vereinskamerad: wenn der bspw ne Figur eingestellt hat und man die genommen hat kam von ihm oft: "oh, das habe ich nicht gesehen!"

keinstein - 24.01.19    

@patzer0815
Danke für den Beitrag!
Das Brett stelle ich mir jedenfalls 2- dimensional vor (soweit es geht s.o.), die Figuren hingegen dreidimensional, da habe ich auch gar keine Schwierigkeiten.
Andrerseits ist es sicherlich nicht nötig, sich die Figuren dreidimensional vorzustellen.

Jupp53 - 24.01.19    

@keinstein

Etwa 25% können nicht visuelle Vorstellungen erzeugen. Beim Blindspiel "sehe" ich nicht, ich "bewege" die Steine auf dem Brett. Ich war total erstaunt, als mir jemand erzählte, er könne ich das Brett visuell vorstellen.

keinstein - 24.01.19    

@Jupp53

Ist eine "nicht visuelle Vorstellung" die Erzeugung eines (Ab)Bildes im Gehirn?

Wenn das so ist, bin ich erstaunt, dass nur 25% das können. Ich hätte gedacht, das kann ein jeder.

Ich kann mir auch ein Schachbrett vorstellen; allerdings habe ich Schwierigkeiten, die genaue Anordnung der Karos zu sehen.

keinstein - 24.01.19    

@Jupp53

....., die genaue Anordnung der Karos zu "sehen".

Schlafabtausch - 25.01.19    

Ich habe in meiner Jugend mal aöfter aus Jux Blind gespielt, gegen gegner die das Brett vor sich hatten. Aber natürlich keine sonderlich starken gegner...Ich spiele seit 30 Jahren die selbe eröffnung, kenne da die meisten "Muster" sowieso auswendig und muss mir nur die Abweichungen merken.

Schlafabtausch - 25.01.19    

@Vabanque zum Blind Simultan: Ich glaube es war Philidor der mal ich glaube 45 Partien Blind simultan spielte, und immernoch 42 gewann....

Schlafabtausch - 25.01.19    

Sorry für die mehrfach posts es fehlt eine Editierfunktion:

Mir ist auch aufgefallen, dass ich Blind besser spiele...ich glaube ich bin dann einfach Konzentrierter, und Übersehe auch nicht so schnell sachen in der Peripherie, da die eh gespeichert sind wärend der Partie...vielleicht sollte ich am Brett öfter mal die Augen zu machen :;-D

keinstein - 25.01.19    

Ich hatte auch den Eindruck, dass manche Fehler seltener wurde, da man sich mit jeder Figur ja intensiv beschäftigt hat.

Jupp53 - 01.02.19    

@keinstein

Sorry, schriftlich kam das unklar rüber. Mündlich wäre die Formulierung durch leichte Betonung eindeutig.

Etwa 75% der Menschen sind in der Lage, visuelle Vorstellungen zu produzieren. Die anderen 25% können das nicht.

Beispiel: Es gibt in Intelligenztest Aufgaben, die visuelle Vorstellungskraft messen sollen. Es werden drei Seiten eines Würfels gezeigt. Dann werden drei Seiten anderer Würfel gezeigt und es wird aufgefordert, durch "geistiges Drehen" zu entscheiden, welcher der anderen Würfel mit dem ersten übereinstimmt.
In der Tat lässt sich diese Aufgabe aber auch anders lösen, z.B. durch verbale Strategien.

Tschechov - 01.02.19    

Mir fällt da noch was ein. Eine kluge Freundin von mir sagte einmal: "Ich wäre lieber blind als taub. Als Tauber ist man radikaler von der Welt abgeschnitten." Fand ich anfangs falsch, aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr leuchtete es mir ein.

Schlafabtausch - 01.02.19    

Ich bin schwerhörig, höre ohne Hörgeräte nur 40%, und der Zustand war lange bei mir, habe das vermutlich schon mein leben lang, wurde aber erst vor 2 Jahren festgestellt. ich selber wusste ja nicht was und wie andere hören. Jedenfalls, ich dachte auch immer ich höre normal, bis ich die Hörgeräte hatte. Merke da deutlich den Unterschied. Ich bin also mein leben lang rumgelaufen und habe maximal die Hälfte gehört. Ich glaube Blind fände ich schlimmer...

Schlafabtausch - 01.02.19    

Übrigens: Ein tauber und ein Blinder geben ein Konzert. Fragt der Blinde: "Tanzen die Leute?" Fragt der Taube: " Na spielen wir denn schon?"

Hanniball - 01.02.19    

Schlafabtausch

ja blind zu sein, finde ich schlimmer als taub zu sein.

Schlafabtausch - 01.02.19    

taub bin ich ja nicht, ich höre ja 50%. An guten Tagen.

Hanniball - 01.02.19    

@ Schlafabtausch

ist deine Gehörschnecke defekt ?

Ich hatte auch Probleme mit dem Hören....lies meine Ohren ausspritzen....seitdem ist es wieder besser.

Schlafabtausch - 01.02.19    

Nein, ich denke nicht, wurde ja alles überprüft. Ich glaube nicht dass die Krankenkasse so viel Geld zu Hörgeräten dazu schießt wenn es mit ausspritzen getan wäre :)

keinstein - 02.02.19    

Ich habe im weiteren Umfeld einen tauben Schachkollegen. Ich verstehe gar nicht, warum er sich das Gesagte nicht von einem Spracherkennungsprogramm vorlesen lässt!

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