Chess

Schachgedanquen (28): Geniale Rettung (P. Leko)

Vabanque - 13. Okt '25
Die 'Schachgedanquen' werden (in unregelmäßiger Folge) fortgesetzt.

Ein nützliches Wissen für das Endspiel Turm gegen Läufer ohne Bauern besteht darin, dass es für den König der schwächeren Partie 'gute' und 'schlechte' Ecken gibt. Wenn man in einem solchen Endspiel schon nicht verhindern kann, an den Rand gedrängt zu werden, soll man mit dem König wenigstens in eine Ecke laufen, die nicht von der Farbe des Läufers ist. Schauen wir uns an wieso:

R5bk/8/6K1/8/8/8/8/8 w - - 0 1

Schema 1

Hier hat Schwarz einen weißfeldrigen Läufer und befindet sich mit seinem König nach obiger Regel in einer ungefährlichen, nämlich schwarzen Ecke. Man sieht, dass Weiß wegen der Pattstellung nicht weiterkommt. Der weiße Turm muss die 8. Reihe verlassen und droht dann zwar ein tödliches Schach auf der h-Linie, aber ein schwarzer Läuferzug (auf ein ungefährdetes Feld) reicht zur Verteidigung aus.

R4bk1/8/6K1/8/8/8/8/8 w - - 0 1

Schema 2

Im zweiten Schema hingegen ist das Eckfeld von der Farbe des Läufers, und Weiß braucht mit seinem Turm nur irgendeinen 'Tempozug' auf der 8. Reihe auszuführen, und schon muss der schwarze König seinen Läufer im Stich lassen.

Nach diesen allgemeinen (und für erfahrene Spieler sicher langweiligen) Vorbetrachtungen wenden wir uns einer Stellung aus einer Top-GM-Partie zu:

6k1/7R/4K1Pp/6b1/8/8/8/8 w - - 9 56

Khalifman - Leko, Budapest 2000

In dieser Position befinden sich neben Turm und Läufer noch jeweils ein Bauer auf dem Brett, was die Aufgabe für den Verteidiger nicht gerade leichter macht. Und dann steht Lekos König auch noch nahe der gefährlichen Ecke, wie oben erläutert. Und gewinnt Weiß denn nicht relativ einfach mit 56. g7? Schwarz kann darauf ja den Th7 nicht schlagen, und Läuferzüge lösen das Problem auch nicht, wie ich gleich noch zeigen werde. Gehen wir dazu in das pgn-File nach dem 55. Zug von Schwarz für nähere Erläuterungen und Kommentare zum weiteren Verlauf:

[Event "Match"]
[Site "Budapest HUN"]
[Date "2000.01.05"]
[Round "3"]
[White "Alexander Khalifman"]
[Black "Peter Leko"]
[Result "1/2-1/2"]
[WhiteElo "2628"]
[BlackElo "2701"]
[ECO "D96"]

1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. Nc3 d5 4. Nf3 Bg7 5. Qb3 dxc4 6. Qxc4 O-O 7. Bf4 c6 8. e4
Qa5 9. b4 Qd8 10. Rb1 b5 11. Qd3 a5 12. a3 Nh5 13. Be3 axb4 14. axb4 f5 15. Qd1
fxe4 16. Ng5 e5 17. Qb3+ Kh8 18. Nf7+ Rxf7 19. Qxf7 exd4 20. Bg5 Qf8 21. Qxf8+
Bxf8 22. Nxe4 Na6 23. Bd2 Bf5 24. f3 Nf6 25. Bd3 Re8 26. g4 Bxe4 27. Bxe4 c5
28. bxc5 Nxe4 29. fxe4 Rxe4+ 30. Kf2 Nxc5 31. Rxb5 Re8 32. Kf3 Nd3 33. Rd5 Bg7
34. Rf1 Ne5+ 35. Kg3 Nc4 36. Re1 Ne3 37. Bxe3 dxe3 38. Kf3 Bh6 39. g5 Bg7 40.
Rxe3 Rxe3+ 41. Kxe3 Kg8 42. Rd8+ Kf7 43. Rd7+ Kg8 44. h4 Bb2 45. Kf3 Bg7 46.
Kf4 Bf8 47. h5 gxh5 48. Kg3 h6 49. g6 Ba3 50. Kh4 Bc1 51. Kxh5 Bg5 52. Kg4 Bc1
53. Kf5 Bg5 54. Ke6 Bh4 55. Rh7 Bg5 56. g7 {Damit scheint das Spiel für Weiß
gewonnen: Schwarz kann den Th7 nicht nehmen wegen Kf7 nebst Bauernverwandlung,
auf Züge des Lg5 auf der Diagonalen g5-c1 erfolgt Kf6 nebst ggf. Kg6, auf Ld8
wird der L mit Th8+ erobert, und auf Lh4 kommt Txh6 nebst Tg6.} 56... h5 $3 {
Die verblüffende Rettung mit Pointe im nächsten Zug. Es verlieren wie bereits gesagt:} (56... Bc1 57. Kf6 Bb2+
58. Kg6) (56... Bh4 57. Rxh6) (56... Bd8 57. Rh8+) 57. Rxh5 {Einen anderen
Zug hat Weiß nicht, denn auf einen Königszug würde Schwarz einfach den Th7
schlagen, weil dann der weiße König nicht mehr nach f7 gelangen würde.} 57...
Bf6 $3 {Die Pointe des vorigen schwarzen Zuges! Auf Kxf6 wäre es patt, aber so
erobert Schwarz den weißen Freibauern, und hält mit Läufer gegen Turm ohne
Bauern bei sorgfältigem Spiel remis, obwohl er sich in der Nähe der 'falschen'
Ecke befindet.} (
57... Bd2 $2 58. Kf6 Bc3+ 59. Kg6 Bxg7 60. Ra5 {würde hier verlieren, z.B.}
60... Bf8 61. Ra8 {wie im obigen Schema 2.} ) 58. Rh3 Bxg7 59. Ke7 Bb2 {Der
Läufer bleibt nun auf der Diagonalen a1-h8, und der schwarze König kann ggf.
über f8 oder h6 (wie es später auch geschieht) aus der gefährlichen Ecke
fliehen.} 60. Rb3 Bd4 61. Rd3 Bb2 62. Rg3+ Kh7 $1 ( {Nach dem krassen Fehler} 62... Bg7 $4 {wäre
es doch noch passiert:} 63. Ke8 Kh7 64. Kf7 Bh6 65. Rh3 {und Weiß hätte Schema 2, um 90 Grad gedreht (also vertikal statt horizontal) wieder erreicht!}) 63. Ke6 Kh6 64. Kf5
Kh7 65. Rg6 Bc3 66. Kg5 Bb2 67. Kh5 Bc3 68. Rg2 Bd4 69. Rd2 Bc3 70. Rc2 Ba1 71.
Rc7+ Kg8 72. Rd7 {und GM Khalifman stellte weitere Gewinnversuche ein, also Remis!} 1/2-1/2


Auch wenn Patt oder generell Remispartien bei einigen Chessmailer*innen einen schlechten Ruf genießen, so hat hier doch seine taktische Findigkeit Leko einen halben Punkt gerettet, worauf es nicht nur im wettkampftechnischen Sinn ankommt. Denn die schwarzen Züge 56... h5!! und 57... Lf6!! sind ebenso verblüffend wie genial, auch wenn sie 'nur' das Remis in andernfalls verlorener Stellung sichern.

Danque fürs Lesen!

(Ich mag Likes, aber Kommentare zum Beitrag mag ich sogar noch lieber😁)