Chess

Schachgedanquen (14): 'Geburt' einer Opferkombination

Vabanque, 1/1, 06. Aug '25

Vabanque - 06. Aug '25
(Vorbemerkung: Da mir diesmal leider kein vollständiges pgn-File zur Verfügung steht, müsst ihr die Züge auf den Diagrammen nachspielen. Allerdings wird diese Folge sich sowieso hauptsächlich mit Berechnung im Kopf beschäftigen.)

Wie entsteht eigentlich eine Opferkombination im Kopf eines Spielers, wenn er am Brett sitzt? Ich habe an Hand eines instruktiven Beispiels mal versucht, die potenziellen Gedanken, die von der Idee zur Durchrechnung führen können, aufzuschreiben.

r4r1k/1q1b1p1p/p2pp2B/1p3p2/1P1N4/P7/1P3QPP/3R2K1 w - - 0 1

Dies ist eine Stellung aus einer Partie (Nonnenmacher vs. Schneider), die 1964 in Ingolstadt in der Vorrunde zur Deutschen Meisterschaft gespielt wurde.

Wie man sieht, hatte Weiß zuvor bereits Qualität und zwei Bauern geopfert, um diese Angriffsstellung zu
erreichen. Jetzt muss es sich zeigen, ob sich das geopferte Material auszahlt.

Mögliche Überlegungen, die den Weißspieler zu der Fortsetzung führten, mit der er schließlich Gewinn bringenden Vorteil erlangte, hätten in etwa so ablaufen können (da der folgende Text recht lang ist, empfehle ich, ihn in einem gesonderten Fenster neben der Stellung zu öffnen, oder die Stellung auf einem Holzbrett aufzubauen):

WEISS: "Natürlich wäre das sofortige Dg3 (mit der Drohung Dg7#) ein grober Fehler wegen Tg8, weil ich darauf kein Schach habe und zudem noch ein mögliches schwarzes Matt auf g2 beobachten müsste. Aber wenn ich nun ein Damenschach auf der Diagonalen c3-h8 zur Verfügung hätte? Dazu müsste freilich erstmal der Sd4 aus dem Weg sein ... kann ich den vielleicht als 'Desperado' in die Schlacht werfen? Doch, mit Sxf5, was zusätzlich auch noch Lg7+ und Sxd6 droht. Schwarz wird diesen Desperado also wohl nehmen müssen ... und dann? Nach exf5 stellt der schwarze e-Bauer auf der langen Diagonalen kein Hindernis mehr dar, aber der f-Bauer? Sofortiges Dd4+ (nach 1. Sxf5 exf5) wird mit f6 abgewehrt, aber - und das ist doch mal eine Idee! - wenn ich nach dem Springeropfer zuerst Dg3 spiele, um den schwarzen Turm nach g8 zu zwingen, klappt anschließend Dc3+, weil der Turm dann den f-Bauern nicht mehr stützt, und es wird matt. Habe ich da etwa den Dosenöffner zu der schwarzen Stellung gefunden? Funktioniert die Zugfolge 1. Sxf5 exf5 2. Dg3 Tg8 3. Dc3+ und Matt in weiteren 2 Zügen? Ist es wirklich so einfach? Ich kann es fast nicht glauben.
Ich will lieber noch einmal in Ruhe alles prüfen, bevor ich das Springeropfer spiele. Hat Schwarz eine Ablehnung des Opfers? Wie schon vorher festgestellt, drohe ich nach 1. Sxf5 2. Lg7+ nebst Dg3, das sähe sehr übel für Schwarz aus. Und mit 1... Tg8 kann er Lg7+ nicht verhindern wegen 2. Sxd6, was sowohl die Db7 angreift wie auch Matt auf f7 droht! Kann er denn meine Dame fesseln mit Da7? Nein, da Lg7+ nebst Ld4 folgen würde. Eine Ablehnung des Springeropfers muss ich also wohl in meine Berechnungen nicht einbeziehen.
Und nach 1. Sxf5 exf5 2. Dg3 kann Schwarz das Matt auf g7 doch wirklich nur mit 2... Tg8 decken? Oh, das stimmt leider nicht ganz ... Schwarz kann ja noch 2... Dxg2+ spielen, und egal ob ich nun mit der Dame oder mit meinem König auf g2 schlage, es kommt Tg8, und meine Dame ist gefesselt und geht verloren ... danach kommt es zu einem Endspiel mit einem Mehrbauern für Schwarz ... oh weh, meine schöne Kombination! Wegen dieser blöden Kleinigkeit funktioniert sie nicht! Aber Moment! Schwarz gewinnt die Dame ja gar nicht zurück, ich kann ja nach Tg8 meinen Läufer auf g5 dazwischen stellen, und nach h6 kann ich ihn mit h4 stützen. So kommt es zwar leider nicht zu dem schönen Matt, aber immerhin bleibe ich mit Dame gegen Turm und Leichtfigur im Vorteil, und bei der immer noch unsicheren schwarzen Königsstellung kann ich mit guten Gewinnchancen rechnen. Ich hoffe, ich habe nichts übersehen! Also, ich spiele das Springeropfer auf f5!"


Und genau so kam es dann auch in der Partie: 1. Sxf5! exf5 2. Dg3!

SCHWARZ: "O weh, jetzt sehe ich die Bescherung! Wenn ich das Matt auf g7 nun mit Tg8 decke, folgt 3. Dc3+ f6 4. Dxf6+ nebst Matt. Ich kann aufgeben ... oder halt, vielleicht doch noch nicht? Wie steht es denn mit Dxg2+? Das ist möglicherweise sogar mehr als bloß ein letztes Racheschach ... ich fessle hinterher mit Tg8 seine Dame, er kann nur Lg5 spielen, und dann erobere ich immerhin noch seinen Läufer mit h6, denn auf Lf6+ hätte ich dann Kh7 und würde sogar gewinnen! Aber auf h6 hat er h4, und dann ... na, egal was dabei schließlich herauskommt, es ist meine einzige Chance, also spiele ich Dxg2+."

2 ... Dxg2+ 3. Dxg2 Tg8 4. Lg5 h6

r5rk/3b1p2/p2p3p/1p3pB1/1P6/P7/1P4QP/3R2K1 w - - 0 5

WEISS: "Jetzt also wie geplant h4 ... ah, ich sehe gerade, ich kann vorher sogar noch den Bauern d6 mitnehmen, da
Schwarz nach Txd6 gar nicht Txg5 spielen kann wegen Txh6+ nebst Dxg5+. Aber
auch hxg5 kann er nicht ziehen, weil nach Txd6 sein Ld7 hängt. Er muss also zuerst Le6 spielen, und danach ist für mich immer noch Zeit zu h4."


5. Txd6 Le6 6. h4 hxg5 7. hxg5 Kg7 (Weiß drohte ein Damenschach auf der h-Linie nebst Dh6#.)

r5r1/5pk1/p2Rb3/1p3pP1/1P6/P7/1P4Q1/6K1 w - - 1 8

Nun hat Weiß eine Dame für Turm und Läufer, was zwar kein großer Materialvorteil ist (rein rechnerisch beträgt er sogar nur eine Bauerneinheit, wenn man Läufer mit 3, Turm mit 5 und Dame mit 9 Einheiten ansetzt, was natürlich eine sehr grobe 'Messung' ist), aber dazu ist die schwarze Königsstellung auch noch anfällig. Selbst zwei Türme, die ja mindestens eine Dame aufwiegen und ihr in vielen Stellungen sogar überlegen sind, können bei unsicherer Königsstellung schwächer als die Dame sein.
Hier sind es also Material- plus Stellungsvorteil, welche zusammen die weiße Position als Gewinnstellung ausweisen.

Trotzdem ist es natürlich schade, dass die glänzende Kombination des Weißen nicht zum Matt, sondern nur zu einem deutlichen Vorteil reichte!
Aber so ist es häufig; Partieschach ist eben kein Problemschach und von daher nicht so 'clean'.

Letzten Endes gewann Weiß diese Partie, aber die Verwertung materieller Vorteile gehört in den Bereich der so genannten 'Technik' und ist daher nicht Gegenstand der heutigen Folge. Wie heißt es doch so schön mehrmals in der 'Unendlichen Geschichte': "Aber dies ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden."

Danque fürs Lesen!

Wie immer bin ich für Hinweise auf Fehler und konstruktive Vorschläge dankbar.

Bei dem Versuch, den Gedanken eines Spielers bei der Zugfindung nachzuspüren, hat es sich um ein Experiment gehandelt, das ich wahrscheinlich nicht so schnell wiederholen werde, da hierdurch der Text doch viel länger geraten ist, als ich ursprünglich selbst angenommen hatte. Hinterher wollte ich dies aber nicht mehr ändern. Schreibt mir aber gerne eure Meinung zu diesem generellen Konzept.