Chess

Schachgedanquen (16): Still, einfach und überzeugend

Vabanque, 1/1, 13. Aug '25

Vabanque - 13. Aug '25
Um am Schluss den Sack auch richtig zuzumachen, ist es zweckmäßig, wenn möglich eine Fortsetzung zu wählen, die dem Gegner keinerlei Gegenspiel mehr gestattet, mit dem er noch im Trüben fischen könnte.

8/8/1p1q4/4pQPk/Pn3p2/1B6/4KP2/8 w - - 1 63

Adams - Seirawan, 3. Matchpartie 2000

Materiell steht dieses Endspiel ja gleich ... sagte ich Endspiel? Dadurch, dass der an den Rand gedrängte schwarze König zu Mattwendungen einlädt, trägt die Stellung trotz des reduzierten Materials (und trotz der bereits 62 gespielten Züge!) starken Mittelspielcharakter.
Es ist klar, dass es einen Weg geben muss (wahrscheinlich sogar mehr als einen), die Randposition des sK siegbringend auszunutzen, nur wie macht man das am bündigsten?
Naheliegend wäre das 'laute' 63. Lf7+ ('Wenn der Patzer ein Schach sieht, gibt er es' ... selbiges gilt auch für 63. g6+? Kh6) Kh4 64. Le6 mit der plumpen Mattdrohung Dg4#, aber dann stört Schwarz noch mit f3+ 65. Kxf3 Dc6+ und erlangt zumindest vorübergehend Gegenspiel. Jedenfalls sind die dann entstehenden Verwicklungen am Brett schwer zu berechnen.

Der britische GM Michael Adams ist nicht umsonst für die Einfachheit und Klarheit seines Stils bekannt. Sein (stiller!) Zug in dieser Stellung

63. f3!,

wirkt hinterher so selbstverständlich, dass man sich fragt, warum man da vorher nicht selber draufgekommen ist. Plötzlich ist Schwarz ohne Ausweg, die 'Stänkermöglichkeit' f3+ ist ausgeschaltet und es droht Lf7+ nebst Dg4#. (Auf 63... Kh4 kommt natürlich direkt Dg4#.)
Um diese Drohung zu parieren, fand Schwarz nichts Besseres als

63... Sd5

(der Damentausch unter Aufgabe des Springers mit 63... Dd3+ verliert natürlich ebenfalls):

8/8/1p1q4/3npQPk/P4p2/1B3P2/4K3/8 w - - 1 64

Aber nun eroberte Weiß mit 64. Df7+ Kxg5 65. Dxd5 einfach den Sd5 und Schwarz gab auf.

Hier noch das pgn-File zum Nachspielen (das erste obige Diagramm zeigt die Stellung nach dem 62. Zug von Weiß):

[Event "Bermuda"]
[Site "Hamilton BER"]
[Date "2000.02.10"]
[EventDate "?"]
[Round "3"]
[Result "1-0"]
[White "Michael Adams"]
[Black "Yasser Seirawan"]
[ECO "C07"]
[WhiteElo "2715"]
[BlackElo "2647"]
[PlyCount "130"]

1. e4 e6 2. d4 d5 3. Nd2 c5 4. Ngf3 cxd4 5. exd5 Qxd5 6. Bc4 Qd6 7. O-O Nf6 8. Nb3 Nc6 9. Nbxd4 Nxd4 10. Nxd4 Bd7 11. c3 Qc7 12. Qe2 Bd6 13. Nb5 Bxb5 14. Bxb5+ Ke7 15. g3 Rhd8 16. Re1 Kf8 17. Qf3 Qe7 18. a4 a5 19. Be3 Nd5 20. Bd4 Bc5 21. Bxc5 Qxc5 22. Qh5 b6 23. Qxh7 Nf6 24. Qc2 Rd5 25. Rad1 Rad8 26. Be2 g6 27. Bf3 Rxd1 28. Rxd1 Rxd1+ 29. Qxd1 e5 30. Qd3 Kg7 31. h3 Kf8 32. Qd8+ Kg7 33. Qd3 Kf8 34. Bd1 Qc7 35. Bb3 Nd7 36. Qe3 Kg7 37. Kh2 Nc5 38. Bc2 Qd6 39. h4 Kf8 40. Kg1 Kg7 41. h5 gxh5 42. Qg5+ Kf8 43. Qxh5 Ke7 44. Qh4+ Kf8 45. Qh8+ Ke7 46. Qh4+ Kf8 47. b4 axb4 48. cxb4 Na6 49. Qc4 Nxb4 50. Bb3 Qe7 51. Kf1 Kg7 52. Ke2 f5 53. Qg8+ Kf6 54. Qb8 Qc5 55. Qd8+ Kg6 56. Qe8+ Kg5 57. Qg8+ Kh6 58. Qe6+ Kg5 59. Qf7 f4 60. g4 Qd6 61. Qf5+ Kh6 62. g5+ Kh5 63. f3 Nd5 64. Qf7+ Kxg5 65. Qxd5 1-0


Sicher hätte es in der Stellung mehrere Gewinnwege gegeben (deswegen eignet sie sich auch nicht als Aufgabe), aber der von Adams gewählte Weg minimierte den Rechenaufwand und verweigerte vor allem dem Gegner jegliches Gegenspiel.

So einfach ist doch Schach - man muss es nur spielen können!

Zum historischen Hintergrund der Partie: Der britische GM Michael Adams und der syrisch-US-amerikanische GM Yasser Seirawan hatten bereits 1999 ein Match über 10 Partien gespielt, das unentschieden endete (jeder der beiden Spieler konnte jeweils 2 Partien für sich entscheiden, der Rest ging remis aus).
Im Jahre 2000 kam es zu einem Rematch; diesmal wurden nur 8 Partien gespielt. Adams gewann die 1. und 3. Partie (welche hier gezeigt wurde), der Rest ging remis aus. Das Resultat ist bei dem Altersunterschied (Adams ist 11 Jahre jünger als sein Kontrahent) nicht so sehr überraschend.
Der Anlass für die beiden Matches ist mir jetzt nicht bekannt, der Grund könnte aber darin bestanden haben, dass vor dem Match Seirawan einen 2:1-Score gegen Adams hatte, und daher Letzterer beweisen wollte, der Überlegene zu sein. Nachdem dieser 'Beweis' im ersten Match ja nicht gelungen war, musste eben ein zweites her. Aber das ist alles reine Spekulation. Vielleicht sind die beiden ja auch die besten Freunde. Wer weiß etwas dazu?

Danque jedenfalls fürs Lesen.

Die Bitte um Feedback, Kritik, Verbesserungsvorschläge, Korrektur von Fehlern lasse ich diesmal weg, weil ... na, das könnt ihr jetzt selber zu Ende denken😉