Chess

Schachgedanquen (12): Partie- und Problemschach

Vabanque, 1/5, 30. Jul '25

Vabanque - 30. Jul '25
Ich habe oft den Eindruck, dass viele Schachfreunde Partie- und Problemschach als völlig unvereinbare Disziplinen betrachten. Sicher, über den 'Nutzen' des Problemlösens für das praktische Spiel (wenn einem dieser Nutzen wichtig sein sollte) kann man streiten, obwohl das Erkennen von Mattbildern in beiden Disziplinen eine große Rolle spielt.

Ich will hier auch gar nicht in diese Diskussion einsteigen, sondern nur an Hand eines Beispiels eine - wie ich finde - bemerkenswerte Parallele zwischen den Motiven im Problem- und im Partieschach aufzeigen.

In folgender von SF matun kürzlich geposteten und auch schon aufgelösten Aufgabe
/forum/thread/WJnWiwkhuE9t?sv=10
B6B/1R5Q/4pP1P/2p1P3/2p4K/2P5/6Np/3NRnkr w - - 0 1

(E. Brunner, 1927)

bestand die zweite Lösung (und nur diese interessiert in gegenwärtigem Zusammenhang) darin, der weißen Dame den Weg nach a7 frei zu machen, um auf der Diagonalen a7-g1 mattsetzen zu können:
1. Tb4!
Das Turmopfer vermeidet Patt, und nach der erzwungenen Annahme (Schwarz hat keinen anderen legalen Zug!) 1... cxb4 ist nicht nur die 7. Reihe für die Dame, sondern auch die erwähnte Diagonale geräumt, so dass
2. Da7#
erfolgen kann.

Sehen wir uns nun zum Vergleich eine Partiestellung aus einem bedeutenden Turnier an:
r4r1k/2p3qp/3p4/p1nPp1P1/1pP1Bp1P/1P3Pn1/P4KNR/1Q2R3 b - - 0 33

Morales - Lehmann, Schacholympiade Leipzig 1960

Um die Analogie zum Schachproblem besser zu erkennen, bitte mit den Pfeiltasten das Diagramm drehen!

Es ist vielleicht nicht anzunehmen, dass IM Heinz Lehmann die Brunnersche Komposition kannte (obwohl man so etwas nie ausschließen kann), dennoch fand er einen ganz analogen (und m.E. absolut nicht naheliegenden!) Weg, sich Zugang zum scheinbar gut verbarrikadierten weißen König zu verschaffen:
33... c6!
räumte wie im Problem die 7. Reihe für seine Dame, und nach
34. dxc6 (auch andere Züge retten nicht, die folgende Damenschwenkung gewinnt in jedem Fall)
34... Da7
war die Mattdrohung durch den Abzug des Sc5 mit Doppelschach (Sd3# bzw. Scxe4#) nicht mehr vernünftig zu parieren. (Mindestens muss Weiß den Sg2 hergeben, um das Fluchtfeld g2 zu schaffen.)
Die 'langen' Damenmanöver haben durchaus Problemcharakter; im Partieschach übersieht man sie recht 'gern'.

Hier noch zusätzlich das pgn-File der Partie zum Nachspielen (obige Stellung ist die nach dem 33. Zug von Weiß):
[Event "Leipzig ol (Men) qual-D"]
[Site "Leipzig GDR"]
[Date "1960.10.19"]
[EventDate "1960.10.17"]
[Round "3"]
[Result "0-1"]
[White "Santiago Morales"]
[Black "Heinz Lehmann"]
[ECO "E11"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[Source "Olimpbase"]
[PlyCount "70"]

1.d4 Nf6 2.c4 e6 3.Nf3 Bb4+ 4.Bd2 Bxd2+ 5.Nbxd2 O-O 6.e3 d6
7.Be2 Qe7 8.e4 e5 9.d5 Nbd7 10.O-O Nc5 11.Qc2 a5 12.Ne1 Ng4
13.h3 Nh6 14.g4 g6 15.Ng2 f5 16.f3 Bd7 17.b3 Nf7 18.Kh2 Ng5
19.h4 Nf7 20.Qc3 Nh6 21.Kg3 Kh8 22.Rae1 Ng8 23.Bd1 Nf6 24.Rh1
b5 25.exf5 b4 26.Qc2 gxf5 27.g5 Nh5+ 28.Kf2 f4 29.Qb1 Ng3
30.Rh2 Qg7 31.Ne4 Bf5 32.Bc2 Bxe4 33.Bxe4 c6 34.dxc6 Qa7
35.Nxf4 Ncxe4+ 0-1


In der Mattaufgabe von E. Brunner wird das gleiche Motiv natürlich in reinerer und klarerer Form dargestellt, aber dies gehört eben genau zum Wesen des Problemschachs. Trotzdem fand ich die aufgezeigte Ähnlichkeit erstaunlich genug, um sie euch hier zu präsentieren. Und vielleicht auch, um bei den eingefleischten 'Partieschächern' ebenso ein wenig Werbung für das Problemschach zu machen, wie umgekehrt den Problemisten zu zeigen, dass auch Partieschach für sie reizvolle Elemente enthalten kann.

Danque fürs Lesen!

Wie immer würde ich mich über Kommentare, Anregungen, Vorschläge, Hinweise auf Fehler etc. sehr freuen.

cutter, 2/5, 30. Jul '25

cutter - 30. Jul '25
Erstaunlich! Toll dargestellt.
M.E. hätte Lehmann bereits im 30. Zug die Dame mit Tempo nach a7 stellen können. Wie beschrieben: solche Manöver übersieht man leicht...

Vabanque, 3/5, 30. Jul '25

Vabanque - 30. Jul '25 Edited
Im 30. Zug? Da waren doch außer dem Bc7 auch noch der Ld7 dazwischen ... aber vermutlich hätte er da bereits mit der Räumung beginnen können, statt erst Dg7 zu spielen. Da war er wohl noch zu sehr aufs Spiel am K-Flügel fixiert.
Das 'brettumspannende Denken' gehört eben mit zum Schwierigsten im Schach.
Vielleicht können da die Partiespieler wirklich vom Problemschach lernen, wo diese Schwenkungen zum anderen Flügel übers ganze Brett hinweg ja oft genug dargestellt werden.

Danke fürs Feedback!👍

cutter, 4/5, 31. Jul '25

cutter - 31. Jul '25
Sorry ja, hatte die Räumung gemeint. Da war eben zu prüfen, ob die D zu Beginn noch auf g7 gebraucht wurde. M.E. geht es ohne Dg7...

matun, 5/5, 31. Jul '25

matun - 31. Jul '25
Ich finde das Beispiel Super. 👍