Chess

Schachgedanquen (17): Das 'brettumspannende' Denken

Vabanque, 1/1, 18. Aug '25

Vabanque - 18. Aug '25
In dem heutigen Beispiel ist (wieder einmal) das Erkennen eines Mattbilds zentral, nämlich des folgenden:

4rk2/6p1/3P4/3B2N1/8/8/8/8 w - - 0 1

Schema
Weiß setzt mit Sh7# unter Mitwirkung des Ld5 und des Bauern e7 matt!

Aber das allein genügt noch nicht. Denn wie so oft führt eine Kombination bei bester Verteidigung (leider!) gar nicht zum Matt, sondern nur zum Materialgewinn. Und um diesen Materialgewinn zu sehen, kann es vorkommen, dass man seinen Blick nicht Scheuklappen-mäßig nur auf die Brettseite richten darf, wo scheinbar 'die Musik spielt'. Die Entscheidung kann letztlich in einem anderen Bereich des Brettes fallen. Man sollte also - so banal dies nun klingt - immer das gesamte Brett im Auge behalten.
Dieses 'brettumspannende' Denken ist nämlich etwas, das wir Amateure allzu oft vernachlässigen.

3qr1k1/bp3pp1/p2P2b1/n3p1NQ/3p4/6PP/1Pr2PB1/R1BR2K1 w - - 1 29

Shabalov - Skripchenko, Koszalin 1999

In vorliegendem Beispiel wird das obige Mattbild eine wichtige Rolle spielen, aber auch der wacklige (nur von der Dame gedeckte) Sa5, der scheinbar weit vom Ort des Geschehens entfernt steht.
Die moldauisch-französische Frauengroßmeisterin Almira Skripchenko (übrigens die frühere Ehefrau von GM Lautier und die jetzige Ehefrau von GM Fressinet - immer diese Schach-Ehen😁) dachte hier möglicherweise, mit Lg6 die weiße Dame zurückwerfen und damit die Oberhand bekommen zu können.
Aber der lettisch-amerikanische GM Alexander Shabalov erkannte in der Stellung das Muster des obigen Mattbilds.
Bitte jetzt im pgn-Viewer zur Stellung nach dem 28. Zug von Schwarz springen:

[Event "MK Cafe Cup-A"]
[Site "Koszalin POL"]
[Date "1999.08.03"]
[Round "1"]
[White "Alexander Shabalov"]
[Black "Almira Skripchenko"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "2566"]
[BlackElo "2456"]
[ECO "B32"]

1. e4 c5 2. Nf3 Nc6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 Qc7 5. Nb5 Qb8 6. N1c3 a6 7. Nd4 e6 8.
g3 Nf6 9. Bg2 Qc7 10. O-O Bc5 11. Nb3 Ba7 12. a4 d6 13. a5 Ne5 14. h3 h5 15.
Na4 Nc4 16. Qd3 Bd7 17. Qc3 Rc8 18. Rd1 O-O 19. Qe1 Rfe8 20. Nc3 d5 21. Nd4 e5
22. Nf3 d4 23. Nd5 Nxd5 24. exd5 Bf5 25. Qe2 Nxa5 26. d6 Qd8 27. Ng5 Rxc2 28.
Qxh5 Bg6 {Dies ist die Diagrammstellung, in der GM Shabalov durch obiges Mattbild zur dem folgenden Damenopfer inspiriert wurde:} 29. Qxg6 $1 fxg6 30. Bd5+ {Ja genau,
nun käme nach Kf8 nämlich Sh7#, aber Schwarz hat noch zwei andere Erwiderungen,
die das Matt vermeiden und deshalb bei dem Damenopfer (bzw. eigentlich schon
vorher!) berechnet werden mussten. Die eine ist die Partiefortsetzung, die
andere wird in einer Variante zum nächsten schwarzen Zug gezeigt.} 30... Re6 {
Der Textzug versucht durch ein Rückopfer dem schwarzen König das Feld e8
freizuschaufeln.} ( {Die andere Möglichkeit, das Matt zu vermeiden, war} 30...
Kh8 31. Nf7+ {nebst Sxd8, wobei nach dem Schlagen der Dd8 der Sa5 hängt, Weiß
also mit einer Mehrfigur aus der Abwicklung hervorgeht. Stünde der Springer
nicht so unglücklich auf a5 herum, würde die ganze Scheinopfer-Aktion Weiß also
überhaupt nichts einbringen außer Figurentausch. } ) 31. Bxe6+ Kf8 32. Nh7+ Ke8
{Das Matt ist abgewehrt, aber nun bekommt der Bauer d6 eine neue Aufgabe
zugewiesen:} 33. d7+ Ke7 (33... Qxd7 34. Bxd7+ {führt ebenfalls zu
hoffnungslosem Materialrückstand für Schwarz} ) 34. Bg5+ Kxe6 35. Bxd8 {und
Weiß behält einen Mehrturm. Schwarz gab bereits nach 31. Lxe6+ auf.} 1-0


Kehren wir gedanklich noch einmal kurz zur Stellung nach 30. Ld5+ zurück. Die beste Verteidigung wäre 30... Kh8 gewesen, und wäre nun - wie im Kommentar bereits hervorgehoben - nicht 'zufällig' der Sa5 auf genau der entgegengesetzten Brettseite so 'lose' (nur von der Dd8 gedeckt) rumgestanden, hätte die Kombination des Weißen gar nicht funktioniert.

Sind Kombinationen im Partieschach häufig also nur die Ausnutzung der zufällig auf dem Brett gerade vorherrschenden Konstellation und etwa gar nicht das Ergebnis vorheriger Planung oder einer Stellungsüberlegenheit? Diese Frage kann ich nur in den Raum stellen, und ihr müsst sie an Hand dieses und anderer Beispiele selbst beantworten.

Danque fürs Lesen!