Chess

Schachgedanquen (23/II): Gedeckter Freibauer (Teil II)

Vabanque, 1/1, 09. Sep '25

Vabanque - 09. Sep '25
Ich lasse den 2. Teil nun doch recht rasch folgen, da er auf dem ersten (den ich versehentlich in 'Schachaufgaben' gepostet habe) /forum/thread/bAK6SCMeSPLf?sv=3 aufbaut.

Schauen wir uns (weil aller guten Dinge bekanntlich drei sind) also noch ein drittes Beispiel mit einem gedeckten Freibauern an:

8/8/8/4k3/5pP1/5P2/4K3/8 w - - 0 1

Lehrbeispiel 3

Auch hier gibt es wie in Lehrbeispiel 2 die zusätzliche erste Reihe für einen Wartezug, nur nützt ein solcher Tempozug Weiß in dieser Stellung nichts. Das liegt daran, dass in diesem Fall auch Schwarz am Zug remis halten würde, das Abwälzen der Zugpflicht auf Schwarz also vergeblich wäre. Schwarz am Zug muss dazu allerdings in dem Moment, in dem der wK auf b3 auftaucht, die Diagonalopposition mit Kd5 einnehmen, z.B. (mit Schwarz am Zug)
1... Kd4 2. Kd2 Kc4 3. Kc2 Kd4 4. Kb3 Kd5!

8/8/8/3k4/5pP1/1K3P2/8/8 w - - 7 5

(Zwischendiagramm 3)

Diese Schrägopposition ist hier tatsächlich die einzige Rettung für Schwarz. Würde er nämlich (statt 4... Kd5) mit 4... Ke3 auf den weißen Bauern f3 losgehen, so entstünde zwar nach weiteren 4 Zügen eine scheinbare Remisstellung mit dem f-Bauern auf der vorletzten Reihe:

6Q1/8/8/8/8/1K6/4kp2/8 w - - 0 9

(Zwischendiagramm 4)

Nur dass dies gar kein Remis ist, da der weiße König nahe genug steht, um an einem Mattnetz mitzuweben:
5. Dg2! Ke1 (sonst direkt Verlust des Bauern oder 6. Df1) 6. Kc2! f1D 7. Dd2#
Auch nach dem leicht besseren 6... Ke2 wird es in 3 Zügen matt: 7. De4+ Kf1 8. Dg4! (Zugzwang!) Ke1 9. Dd1#. (Hübsch, nicht wahr?)

Kehren wir zum Abschluss noch einmal zur Ausgangsstellung von Lehrbeispiel 3 mit Schwarz am Zug zurück und untersuchen als Letztes, was passiert, wenn Weiß nach den Zügen 1... Kd4 2. Kd2 Kc4
nicht 3. Kc2 spielt, sondern mit 3. g5 seinen g-Bauern laufen lässt, um den schwarzen König zu zwingen, dem Bauern nachzurennen und damit letzten Endes den schwarzen Bauern f4 zu erobern und mit dem Bauern f3 zu gewinnen. Dann entsteht nach den weiteren Zügen 3... Kd5 4. g6 Ke6 5. g7 Kf7 6. Kd3 Kxg7 die folgende Stellung:

8/6k1/8/8/5p2/3K1P2/8/8 w - - 0 7

(Zwischendiagramm 5)

Natürlich erobert jetzt Weiß mit 7. Ke4 den schwarzen Bauern, aber gewinnt er damit auch die Partie? Nur wenn Schwarz die Grundregeln für das Endspiel König und Bauer gegen König nicht kennt und jetzt 7... Kf6?? spielt! Denn in diesem Fall hätte Weiß nach 8. Kxf4 die Opposition, Schwarz müsste zur Seite gehen, und Weiß käme im 9. Zug mit seinem König auf eines der drei Schlüsselfelder (hier e5, f5, g5) vor dem Bauern.

Aber wenn Schwarz auf 7. Ke4 entweder Kg6 oder Kf7 spielt, kann er nach 8. Kxf4 mit Kf6 selbst die Opposition einnehmen und verhindern, dass Weiß auf eines der Schlüsselfelder gelangt.

Lehrbeispiel 3 endet also mit Remis, egal wer am Zug ist, falls Schwarz in jedem kritischen Moment voll auf der Höhe ist.

Jetzt seht ihr, warum ich die ursprünglich zu lange Folge in zwei Teile aufgespalten habe.

Ich bin selbst immer wieder überrascht, wie viele Feinheiten in so 'einfachen' Endspielen stecken. Dabei habe ich in meinen Kommentaren noch nicht einmal alle Möglichkeiten ausgelotet, sondern nur die wesentlichsten Prinzipien dargestellt. Die von mir nicht besprochenen Varianten könnt ihr dann ja an den Diagrammen selbst ausprobieren.

Allen, die bis hierhin mitgelesen haben, meine Hochachtung und ein warmes Danque!

Und das nächste Mal geht es wieder weg von den trockenen Endspielen hin zu glitzernden Kombinationen, versprochen!