Chess
Schachgedanquen (29): Blinde Augen sehen mehr (P. Morphy)
Blinde Augen sehen mehr - klingt wie ein Romantitel, und ist auch einer, aber natürlich soll es hier nicht um den entsprechenden Roman gehen, sondern um Blindschach, d.h. die Fähigkeit, Schachpartien ohne Ansicht des Brettes zu spielen. Und 'mehr' sehen diese 'blinden Augen' nicht nur deswegen, weil die meisten von uns eine Partie wie die folgende nicht einmal sehenden Auges hätten spielen können, sondern weil der 'Blinde' auch noch an 6 Brettern spielte, also eine Blindsimultanvorstellung gab. Der Blindspieler war in diesem Fall kein Geringerer als Paul Morphy, und seine Gegner waren zwar nur Amateure, trotzdem schmälert dies seine Leistung kaum. (Später gab Morphy übrigens sogar Blindsimultanvorstellungen gegen angesehene Meister seiner Zeit!)
Aber nun soll die Partie selbst sprechen. Sparen wir uns diesmal das sonst obligatorische Diagramm und gehen wir gleich zur Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz. Die Eröffnung war das seinerzeit populäre Evans-Gambit gewesen, das der Schwarzspieler allerdings in einer Weise verteidigte, die wohl schon damals nicht empfohlen wurde: er schlug auch noch einen zweiten Bauern und vernachlässigte damit sträflich die Entwicklung seines Damenflügels.
Morphy gelang es schließlich, seine Läufer auf den Diagonalen c4-g8 und b2-h8 zu platzieren und demonstrierte in der Folge eindrucksvoll die Kraft des Läuferpaars.
[Event "Blindfold simul, 6b"]
[Site "New Orleans, LA USA"]
[Date "1858.03.24"]
[Round "?"]
[White "Paul Morphy"]
[Black "Pierre Bonford"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "C52"]
1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bc4 Bc5 4. b4 Bxb4 5. c3 Ba5 6. d4 exd4 7. O-O dxc3 8.
Ba3 d6 9. Qb3 Nh6 10. Nxc3 Bxc3 11. Qxc3 O-O 12. Rad1 Ng4 13. h3 Nge5 14. Nxe5
Nxe5 15. Be2 f5 16. f4 Nc6 17. Bc4+ Kh8 18. Bb2 Qe7 19. Rde1 Rf6 20. exf5 Qf8
{Würde die schwarze Dame nun nicht f6 decken, so könnte Weiß seine Dame auf f6
opfern, weil dann nach gxf6 Lxf6# ein schönes Zweiläufermatt entstünde. Also
lenkt Morphy die schwarze Dame zunächst von der Deckung von f6 ab.} 21. Re8 $1
Qxe8 22. Qxf6 {Diese Dame kann wegen Matt nicht geschlagen werden, aber
zugleich droht Dxg7#.} 22... Qe7 {Nun hätten sicher viele von uns die Damen
getauscht und f6 oder Te1 folgen lassen, was einfach ist und zum Gewinn reicht.
Aber selbst im Blindspiel zieht Morphy einen brillanteren Schluss vor.} 23.
Qxg7+ $1 Qxg7 24. f6 {Es droht fxg7#. Wo soll die schwarze Dame nun hin? Immer
wird der Abzug f7+ folgen, außer sie geht nach f7, wo sie direkt geschlagen
werden kann.} 24... Qxg2+ {In Verbindung mit dem folgenden Zug eine
Verzweiflungstat, um wenigstens die schwarze Grundreihe decken zu können, aber
dabei geht mindestens eine Figur verloren bei unvermindertem weißen Angriff.}
( {Die interessanteste Variante entsteht nach} 24... Qf8 25. f7+ Ne5 {(das
einzige, auf Dg7 zieht der Bauer mit Matt ein)} 26. fxe5 {(schon wieder droht
der tödliche Abzug auf der langen Diagonalen; Schwarz kann nur ein Fluchtfeld
schaffen)} 26... h5 27. e6+ Kh7 28. Bd3+ Kh6 29. Rf6+ Kg5 ( {(auch nach} 29...
Kg7 {wird es matt:} 30. Rg6+ Kh7 31. Rg8+ Kh6 32. Bc1# {)} ) 30. Rg6+ Kf4 (
30... Kh4 31. Bf6#) 31. Kf2 $1 {(zum Abschluss ein stiller Zug, der g3# droht)}
31... h4 32. Rg4# {. Schade, dass es nicht dazu kam, aber ich bin überzeugt,
dass der Blindspieler Morphy das alles 'gesehen' hätte!} ) 25. Kxg2 Bxh3+ 26.
Kxh3 h5 27. Rg1 {und Schwarz gab auf, da er f7+ nicht verhindern kann und die drei weißen Figuren dann so stark
stehen, dass sie über kurz oder lang doch das Matt herbeiführen werden.} 1-0
Auch wenn die gezeigte Kombination wohl nicht die schönste ist, die Morphy gespielt hat, macht die mit dem 21. Zug beginnende Opferserie (Turmopfer, gefolgt von 2maligem Damenopfer) die Partie doch zu einer kleinen Perle. Hätte sein Gegner im 24. Zug die in der Anmerkung gezeigte Verteidigung gefunden, so wäre die Kombination sogar eine der längsten (wenn auch nicht eine der kompliziertesten) in der Schachgeschichte geworden!
Danque fürs Lesen (und Liken)!
Aber nun soll die Partie selbst sprechen. Sparen wir uns diesmal das sonst obligatorische Diagramm und gehen wir gleich zur Stellung nach dem 20. Zug von Schwarz. Die Eröffnung war das seinerzeit populäre Evans-Gambit gewesen, das der Schwarzspieler allerdings in einer Weise verteidigte, die wohl schon damals nicht empfohlen wurde: er schlug auch noch einen zweiten Bauern und vernachlässigte damit sträflich die Entwicklung seines Damenflügels.
Morphy gelang es schließlich, seine Läufer auf den Diagonalen c4-g8 und b2-h8 zu platzieren und demonstrierte in der Folge eindrucksvoll die Kraft des Läuferpaars.
[Site "New Orleans, LA USA"]
[Date "1858.03.24"]
[Round "?"]
[White "Paul Morphy"]
[Black "Pierre Bonford"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "C52"]
1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bc4 Bc5 4. b4 Bxb4 5. c3 Ba5 6. d4 exd4 7. O-O dxc3 8.
Ba3 d6 9. Qb3 Nh6 10. Nxc3 Bxc3 11. Qxc3 O-O 12. Rad1 Ng4 13. h3 Nge5 14. Nxe5
Nxe5 15. Be2 f5 16. f4 Nc6 17. Bc4+ Kh8 18. Bb2 Qe7 19. Rde1 Rf6 20. exf5 Qf8
{Würde die schwarze Dame nun nicht f6 decken, so könnte Weiß seine Dame auf f6
opfern, weil dann nach gxf6 Lxf6# ein schönes Zweiläufermatt entstünde. Also
lenkt Morphy die schwarze Dame zunächst von der Deckung von f6 ab.} 21. Re8 $1
Qxe8 22. Qxf6 {Diese Dame kann wegen Matt nicht geschlagen werden, aber
zugleich droht Dxg7#.} 22... Qe7 {Nun hätten sicher viele von uns die Damen
getauscht und f6 oder Te1 folgen lassen, was einfach ist und zum Gewinn reicht.
Aber selbst im Blindspiel zieht Morphy einen brillanteren Schluss vor.} 23.
Qxg7+ $1 Qxg7 24. f6 {Es droht fxg7#. Wo soll die schwarze Dame nun hin? Immer
wird der Abzug f7+ folgen, außer sie geht nach f7, wo sie direkt geschlagen
werden kann.} 24... Qxg2+ {In Verbindung mit dem folgenden Zug eine
Verzweiflungstat, um wenigstens die schwarze Grundreihe decken zu können, aber
dabei geht mindestens eine Figur verloren bei unvermindertem weißen Angriff.}
( {Die interessanteste Variante entsteht nach} 24... Qf8 25. f7+ Ne5 {(das
einzige, auf Dg7 zieht der Bauer mit Matt ein)} 26. fxe5 {(schon wieder droht
der tödliche Abzug auf der langen Diagonalen; Schwarz kann nur ein Fluchtfeld
schaffen)} 26... h5 27. e6+ Kh7 28. Bd3+ Kh6 29. Rf6+ Kg5 ( {(auch nach} 29...
Kg7 {wird es matt:} 30. Rg6+ Kh7 31. Rg8+ Kh6 32. Bc1# {)} ) 30. Rg6+ Kf4 (
30... Kh4 31. Bf6#) 31. Kf2 $1 {(zum Abschluss ein stiller Zug, der g3# droht)}
31... h4 32. Rg4# {. Schade, dass es nicht dazu kam, aber ich bin überzeugt,
dass der Blindspieler Morphy das alles 'gesehen' hätte!} ) 25. Kxg2 Bxh3+ 26.
Kxh3 h5 27. Rg1 {und Schwarz gab auf, da er f7+ nicht verhindern kann und die drei weißen Figuren dann so stark
stehen, dass sie über kurz oder lang doch das Matt herbeiführen werden.} 1-0
Auch wenn die gezeigte Kombination wohl nicht die schönste ist, die Morphy gespielt hat, macht die mit dem 21. Zug beginnende Opferserie (Turmopfer, gefolgt von 2maligem Damenopfer) die Partie doch zu einer kleinen Perle. Hätte sein Gegner im 24. Zug die in der Anmerkung gezeigte Verteidigung gefunden, so wäre die Kombination sogar eine der längsten (wenn auch nicht eine der kompliziertesten) in der Schachgeschichte geworden!
Danque fürs Lesen (und Liken)!
Vielen Dank Klaus, besonders schön sind auch die gezeigten Varianten!
Leider komme ich nicht immer dazu, zum probieren und zum nach spielen und dann lösen, aber dieses Partiebeispiel hier gefällt mir.
Zu Beginn: "Ablenkung der Dame":Te8, so beginnt man gerne ein gutes Endspiel....!
Viele Grüße und ein schönes Wochenende an alle, wünscht Uwe
Leider komme ich nicht immer dazu, zum probieren und zum nach spielen und dann lösen, aber dieses Partiebeispiel hier gefällt mir.
Zu Beginn: "Ablenkung der Dame":Te8, so beginnt man gerne ein gutes Endspiel....!
Viele Grüße und ein schönes Wochenende an alle, wünscht Uwe