Chess

Schachgedanquen (15): Die Kraft verbundener Freibauern

Vabanque, 1/5, 10. Aug '25

Vabanque - 10. Aug '25
(Da mein Versuch, die Gedanken eines Spielers, die zur Ausführung einer Opferkombination führen, als 'inneren Monolog' ausführlich darzustellen, keine Resonanz gefunden hat, gehe ich wieder zur vorigen Darstellungsweise über und bringe zudem ein etwas einfacheres - aber wie ich hoffe, dennoch reizvolles - Beispiel.)

Wir sehen heute eine so genannte 'positionelle Kombination', also eine, die weder direktes Matt noch unmittelbaren Materialgewinn einbringt, sondern 'nur' zu einer Stellungüberlegenheit führt. In vorliegendem Fall ist diese Stellungsüberlegenheit aber so drastisch, dass die Partie wenige Züge später schon vorbei ist.

1r3rk1/1bq4p/1P1bp3/8/1P2pp2/4B3/1N1Q2PP/R4RK1 b - - 0 25

Lutz - Morozevich, Elista 1998

Interessant ist hier der schwarze Bauer auf f4, der von g5 kam. Genau dieser scheint nach gerade eben erfolgtem weißen b5-b6 aber verloren zu gehen!
Doch der russische GM hatte alles schon im Voraus ausgerechnet und zauberte in wenigen Zügen aus obiger Stellung folgende, in der er (unter Qualitätsopfer) zwei verbundene Freibauern im Zentrum besitzt:

1b4k1/1b5p/4p3/8/1P2p3/8/1N1p2PP/5RK1 w - - 0 29

Wie dies zuging und wie die Partie dann endete, könnt ihr gleich unten im pgn-File nachvollziehen, wenn ihr auf die Stellung nach dem 25. Zug von Weiß (b6) geht:

[Event "Elista Olympiad"]
[Site "Elista RUS"]
[Date "1998.10.11"]
[Round "12"]
[White "Christopher Lutz"]
[Black "Alexander Morozevich"]
[Result "0-1"]
[WhiteElo "2600"]
[BlackElo "2625"]
[ECO "C11"]

1. e4 e6 2. d4 d5 3. Nc3 Nf6 4. e5 Nfd7 5. f4 c5 6. Nf3 a6 7. Be3 Qb6 8. Na4
Qa5+ 9. c3 cxd4 10. b4 Qc7 11. Qxd4 Nc6 12. Qd2 b5 13. Nb2 f6 14. exf6 Nxf6 15.
Bd3 Bd6 16. O-O O-O 17. a4 Rb8 18. axb5 axb5 19. Nd4 Nxd4 20. Bxd4 Ne4 21. Bxe4
dxe4 22. Be3 Bb7 23. c4 g5 24. cxb5 gxf4 25. b6 {Zieht nun die angegriffene
schwarze Dame, so ist der Bauer f4 nicht mehr dreimal gedeckt, und Weiß könnte
Lxf4 schlagen. Aber 'Moro' ist damit nicht einverstanden; er hat einen
Schlagwechsel berechnet, bei dem er die Qualität opfert, dafür aber zwei
verbundene Freibauern erhält.} 25... fxe3 $3 26. bxc7 {Natürlich muss Lutz sich
darauf einlassen, andernfalls hätte er ja einfach eine Figur weniger.} 26...
Rxf1+ {Nun zeigt sich eine Feinheit: Weiß muss mit dem Turm auf f1 nehmen, denn
schlägt er mit dem König, gibt der andere schwarze Turm Schach auf f8 und
entzieht sich damit dem Angriff des Bc7.} 27. Rxf1 ( {Die Konsequenz von} 27.
Kxf1 {wäre wie bereits angedeutet} 27... Rf8+ 28. Ke2 exd2 {mit schwarzer
Mehrfigur.} ) 27... exd2 28. cxb8=Q+ Bxb8 {Die Stellung aus dem zweiten Diagramm ist erreicht und die verbundenen Freibauern sind
geboren! Zusammen mit dem starken schwarzen Läuferpaar (welches in dieser Stellung Turm und Springer weit überlegen ist!) garantieren sie einen
leichten Sieg. Tatsächlich dauerte die Partie nur noch wenige Züge.} 29. Nd1
{Sonst kommt sofort e3.} 29... Ba7+ {Aber Schwarz wird e3 trotzdem
durchsetzen.} 30. Rf2 {Ein letzter Trick: falls nun Schwarz den Turm schlagen
würde, wären nach Kxf2 die Bauern vollständig blockiert und Weiß würde wohl
sogar noch gewinnen!} 30... Ba6 {Aber natürlich lässt sich ein Morozevich auf
nichts ein; nun ist nach folgendem e3 dem weißen Turm auch noch das Feld e2
verwehrt, so dass der e-Bauer unaufhaltsam in die Dame läuft. Diese Stellung gewinnt nun jeder Anfänger gegen einen GM. Lutz gab daher auf.}
0-1


Diese Partie nahm ein verblüffend schnelles Ende. Nachdem Schwarz einmal die richtige Idee gefunden hatte, war seine Stellung so überlegen, dass Weiß ohne Verteidigung blieb. Leider ist es im Schach aber oft so, dass man mit einer schlauen Kombination nur einen geringen Vorteil herausholt und noch viele Züge bis zum Sieg spielen muss (falls man ihn überhaupt erreicht).
Vorliegendes Beispiel war also in dieser Hinsicht - zumindest im GM-Schach - ein Glücksfall.

Aber Morozevich ist ja auch ein genialer Spieler, um den es leider in den letzten Jahren sehr still geworden ist.

Danque fürs Lesen!

Dass Kritik, Anmerkungen, Vorschläge, Hinweise auf Fehler etc. immer willkommen sind, wisst ihr ja inzwischen wohl. Ich wiederhole es aber trotzdem immer wieder, den ich kann mich nur am (ob vorhandenen oder auch fehlenden) Feedback orientieren, um die kommenden Folgen wieder in der Art von denjenigen früheren Folgen zu gestalten, welche positive Resonanz bekamen. Wenn von euch nichts kommt, weiß ich nicht, was der Grund war, dass eine Folge nicht 'ankam'.

Bluemax, 2/5, 11. Aug '25

Bluemax - 11. Aug '25
Vielleicht vorweg, es ist natürlich nicht immer so ganz einfach, Großmeisterpartien zu verstehen oder nachzuvollziehen. Jedenfalls nicht für jeden. Feedback ist auch immer schwierig, selbst wenn man sie Großmeisterlich erklärt bekommt. Man schaut sie sich an und merkt, was für ein Patzer man doch eigentlich selbst ist 😂
Ich muss sie mir oft auch immer 2-3 mal anschauen, um dann zumindest (fast) alles zu durchschauen.

Egal, tolle Partie, Moro bleibt sowieso der King und ja, wirklich schade das man so wenig von Ihm hört. Nicht wenige hätten Ihm zu seinen besten Zeiten einen Sieg im Kandidatenfinale zugetraut.

Vabanque, 4/5, 11. Aug '25

Vabanque - 11. Aug '25
Morozevich hatte in seiner besten Zeit über 2780 Elo, nun 'nur' noch 2650.
Ähnliches ist z.B. mit Shirov, Grishuk und Leko 'passiert, die einst als WM-Anwärter gehandelt wurden.
Um sich im Super-GM-Bereich (2700+) zu halten, ist wohl hartes tägliches Training notwendig. Das hält über die Jahrzehnte hinweg kaum einer durch.
Eine große Ausnahme ist Anand, Jahrgang 1969 und mit über 2740 Elo immer noch Platz 13 der Weltrangliste.
Aber davon abgesehen übernimmt die junge Generation. Ob deren Partien genauso genial und phantasievoll sind wie die der früheren Generationen, ist allerdings eine andere Frage (die aber in diesem Thread off-topic ist).

Vabanque, 5/5, 11. Aug '25

Vabanque - 11. Aug '25
>>es ist natürlich nicht immer so ganz einfach, Großmeisterpartien zu verstehen oder nachzuvollziehen.<<

Klar, deswegen bringe ich auch immer nur einen kleinen Ausschnitt, den man - so hoffe ich - gut verstehen kann, auch wenn die Züge als Aufgabenstellung wohl ein wenig anspruchsvoll wären.