Chess

Schachgedanquen (26): 'Unrochierter' König (A. Anderssen)

Vabanque - 23. Sep '25 Edited
Es ist eine schachliche Binsenweisheit, dass 'unrochierte', also in der Mitte verbliebene Könige in den meisten Fällen gefährdet stehen. (Natürlich gibt es Gegenbeispiele: Bei blockiertem Zentrum kann ein König in der Mitte durchaus sicherer stehen als am Flügel.)
Besonders schlimm steht die Lage, wenn die Hilfstruppen des Königs abseits stehen, so wie hier:

rrq1k3/2p2p2/3pb1p1/3N2Pp/p1PpPR2/P2P3P/1P6/K2Q1R2 w - - 2 38

Anderssen - Alexander, Hamburg 1869

Ja, es handelt sich um denselben Adolf Anderssen, der vor allem durch die 'Unsterbliche' (gegen Kieseritzky) und die 'Immergrüne' (gegen Dufresne) in die Schachgeschichte eingegangen ist. Doch nicht alle seine brillanten Partieschlüsse sind so kompliziert wie in seinen beiden berühmtesten Partien. Hier sehen wir ein einfacheres, aber m.E. nicht minder reizvolles Beispiel.

(Ein zusätzliches Kuriosum am Rande bietet der Umstand, dass Anderssens Gegner in dieser Partie sowohl mit Vor- wie auch mit Nachnamen Alexander hieß, also Alexander Alexander.)

Wenn wir obige Stellung betrachten, fällt uns sofort auf, dass die schwarzen Türme zur Verteidigung ihres Herrn und Meister denkbar ungünstig stehen. Der in der Mitte stehende schwarze König wird nur von Dame und Läufer notdürftig beschützt. Eine solche Stellung 'riecht' immer geradezu nach einer schnellen Entscheidung.

Gehen wir also in das folgende pgn-File zum 37. Zug von Schwarz und sehen wir uns die traurige Konsequenz der schwarzen Figurenstellung an:

[Event "2nd NSB Congress, Hamburg"]
[Site "Hamburg, Prussia GER"]
[Date "1869.07.26"]
[Round "2"]
[White "Adolf Anderssen"]
[Black "Alexander Alexander"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "C65"]

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 Nf6 4. d3 d6 5. Bxc6+ bxc6 6. h3 g6 7. Nc3 Bg7 8.
Bg5 h6 9. Be3 c5 10. Qd2 Qe7 11. g4 Bd7 12. O-O-O Bc6 13. Rdg1 Nd7 14. Kb1 Nb6
15. Ne2 a5 16. Ka1 Bd7 17. Ng3 Be6 18. Nf5 Qf8 19. Nxg7+ Qxg7 20. c4 Bd7 21.
Qe2 Nc8 22. Nd2 a4 23. a3 Ne7 24. Nb1 Nc6 25. Nc3 Be6 26. Qd1 Bd7 27. Nd5 Kd8
28. g5 h5 29. Nf6 Ke7 30. Rf1 Rhb8 31. Bd2 Qf8 32. f4 exf4 33. Rxf4 Be6 34.
Rhf1 Nd4 35. Bc3 Qc8 36. Bxd4 cxd4 37. Nd5+ Ke8 38. Rxf7 $1 {Weiß kann es sich
leisten, einen vollen Turm 'reinzubuttern', da die schwarzen Türme 'tote
Materie' sind; sie werden nicht dort eingreifen können, wo sie gebraucht
würden. Weiß spielt also in Wirklichkeit nicht mit einem Turm weniger, sondern
mit einem (aktiven) Turm mehr! Der Turm muss übrigens genommen werden, da Te7+ nebst Df8# droht.} 38... Bxf7 39. Qf3 {Die erste Pointe des
Turmopfers; es droht Dxf7+ nebst De7#, und die schwarze Dame kann f7 weder von
d7 noch von e6 aus decken, da sie dann jeweils durch eine Springergabel auf f6
bzw. c7 erobert wird.} 39... Bxd5 ( {Auch der Wegzug des Läufers} 39... Be6
{(oder Lg8 mit derselben Fortsetzung) führt zum Damenverlust nach} 40. Qf8+ Kd7
41. Qg7+ {(das Feld e7 muss die Dame dem Springer überlassen!)} 41... Kc6 42.
Ne7+) 40. cxd5 {So einfach ist es! Der zurückschlagende weiße Bauer nimmt dem
schwarzen König auch noch die Felder c6 und e6, so dass er nun der Drohung Df8+
nebst Tf7# völlig hilflos gegenüber steht. Sowohl Dd8 wie auch Dd7 führen
bereits zu Matt im folgenden Zug. Mit immer noch einem Turm mehr gab Schwarz daher auf. (Seine Türme ruhen
weiterhin beschaulich auf a8 und b8.)} 1-0


Übrigens hätte in der Diagrammstellung auch das ruhige Verfahren 38. Df3 letztlich zum Erfolg geführt. (Auf 38... Db7 mit Mattdrohung auf b2 hätte Weiß allerdings erst noch 39. Df2 einschalten müssen.)

Anderssens Turmopfer war aber schneller, präziser und eleganter.

Danque fürs Lesen und ggf. Liken!
Alapin2 - 23. Sep '25 Edited
Turnierdaten in der Überschrift :"Hamburg /Hamburg,Prussia GER "...
Da möchte ich mal ausdrücklich betonen, daß Hamburg NIE zu Preußen gehört hat !!
Anders als z.B. Preußen Münster,Borussia Dortmund/Mönchengladbach usw.,wo es heute noch im Namen steht.
"Freie -und Hansestadt",Hammonia,nix Borussia.
1869 war Hamburg,nachdem die Dänen 1864 geschlagen worden waren,allerdings von Preußen umzingelt (vorher nördlich/westlich von Dänemark,skol!)Trotzdem nicht korrekt.Eben Internet!😜
P.S.: Es steht noch ,ca.300 m hinter der Stadtgrenze, das alte Reetdachhaus des dänischen Zöllners von 1830...seit Jahren leer.Jetzt sind sie am Renovieren, hoffentlich als Museum.In der Nähe ein alter Meilenstein (Inschrift kaum noch zu lesen :" Lübeck 16 Meilen"),verfällt langsam.Banausen !!!
Vabanque - 23. Sep '25 Edited
@Alapin2: Geografisch-historische Angaben in den pgn-Files prüfe ich nie nach (dazu fehlt mir auch jegliche fachliche Kompetenz), obwohl ich mich auch über 'Preußen' kurz gewundert hatte ... nachdem es aber nichts mit der Partie zu tun hatte, bin ich dem nicht weiter nachgegangen😉

Trotzdem natürlich danke für den korrigierenden Hinweis!
Alapin2 - 23. Sep '25
Vabanque : Kein Problem, hatte von Schrobenhausen ja auch noch nie was gehört, bis Du es vor einiger Zeit mal im Zusammenhang mit Franz von Lenbach erwähntest.
Wollte eigentlich nur mal vorbeugen, bevor mich einer von Euch Bayern statt mit "saudoof"(kein Problem, bin ich eben manchmal) als Saupreiß bezeichnet! 😄
Alapin2 - 23. Sep '25
Zum Wettkampf Anderssen-Steinitz 1866 schreibe ich morgen noch was "historisches".
Vabanque - 23. Sep '25
>>Zum Wettkampf Anderssen-Steinitz 1866 schreibe ich morgen noch was "historisches".<<

Gerne!