Vabanque, 1/12, 06. Jul '25
Das folgende, sehr einfache Schema bedarf wohl keiner Erläuterung:
Schema 1
Weiß setzt mit seiner Dame, gestützt auf den starken Rücken des Pferdes, in 2 Zügen matt (h7 und f7).
Warum ich dieses wahrlich banale Beispiel zeige, wird sich bald erweisen.
Wichtig scheint es mir aber zuvor noch festzuhalten, dass die Dame vor die Leichtfigur gebracht werden muss.
Beim Turm ist es nämlich idealerweise umgekehrt:
Schema2
Die Dame muss hinter dem Turm lauern, um dem gegnerischen K das Fluchtfeld f7 abzuschneiden und Th8# zu ermöglichen.
Sehen wir nun, was uns die Kenntnis dieser beiden einfachen Schemata nützt bzw. wie wir sie in einer komplexeren Situation (aus einer GM-Partie) wiedererkennen.
Waganjan-Jussupow, Schacholympiade Istanbul 2000
Interessanterweise gilt die aus Schema 2 abgeleitete 'Regel' (Dame hinter Turm) auch hier, obwohl man in diesem Fall keine einzügige Mattdrohung aufstellen kann.
Der 'stille' Zug (siehe auch Schachgedanquen 3 zu dieser Thematik)
25... Dh5! droht aber Matt in 3 durch Th1+ (Räumung des Feldes h2 plus Lenkung des Lg2 nach h1) nebst Dh2+ und Dxf2#, d.h. haargenau wie in Schema 1.
Weiß verteidigte sich mit 26. Kf1, denn jetzt könnte der wK über e2 entkommen.
Die schwarze Antwort 26... Txg2! erscheint zwar fast selbstverständlich (Vernichtung der Verteidigungsfigur), musste aber trotzdem präzise berechnet werden, da der wK nun zunächst über f3 entflieht:
27. Kxg2 Dh2+ 28. Kf3
Wie geht es denn nun weiter? Sollte Schwarz mit Dxf2+ unter Opfer des Sg4 den wK weiter aufs offene Feld treiben? Verfügt er anschließend über genügende Ressourcen, um ihn zu Tode zu hetzen?
Aber diese Frage muss gar nicht beantwortet und der Sg4 gar nicht geopfert werden, er kann ja mit Tempo, d.h. in diesem Fall mit Schachgebot weiter am Angriff teilnehmen! Vor allem, wenn man auch schon die weiteren Züge entdeckt hat, wird man spielen:
28... Se5+ 29. Ke2 (auf 29. Kf4 Dxf2+ 30. Kxe5 Df6# wird es nämlich schnell und lustig Matt)
In der Vorausberechnung hat man bei 26... Txg2 vermutlich diese Stellung vor dem geistigen Auge schon gesehen und auch erkannt, dass man nun mit Dh5+ und Dh1+ zumindest ein Remis durch Dauerschach erzwingen kann, der Turm also jedenfalls nicht 'veropfert' ist.
Diese 'Rückversicherung' über ein Remis, das man auf alle Fälle in der Hand behält, kann bei der Durchrechnung von Kombinationen manchmal beruhigend sein.
Aber nun, da man die letzte Bildstellung auf dem Brett erreicht hat, sollte man auch sehen, dass deutlich mehr 'drin' ist.
Die sD kann den wK nämlich mit Dh5+ auf die Grundreihe treiben, dann das Schach auf h1 geben, aber anschließend - gestützt auf den Se5 - eines auf f3, und schließlich kommt der Springer wieder nach g4, und man erreicht somit doch noch Schema 1:
29... Dh5+ 30. Kf1 Dh1+ 31. Ke2 Df3+ 32. Kf1 Sg4!
Natürlich ist die Berechnung eines solchen Damen- und Springermanövers für einen GM wie Jussupow reine Routine, und ich bin sicher, dass er alles schon bis hierher gesehen hatte, als er seinen T auf g2 opferte (wahrscheinlich sah er es sogar schon bei Dh5).
Jetzt steht Weiß blöd da, er kann das drohende Matt auf f2 nur mit Te2 oder Le3 decken, aber auf Te2 käme Dh1#, da das Feld e2 nun in typischer Weise geblockt ist, und auf Le3 schlüge Schwarz einfach mit dxe3 den L, und egal ob Weiß f2 nun mit Db2 oder Tb2 deckt, es käme e2+ (Erzwingung des Blocks e2) nebst Dh1# (oder, auf Kg1, Dxf2+ nebst Dh2#).
Waganjan gab übrigens interessanterweise bereits nach 28... Se5+ auf!
Insgesamt haben wir jedenfalls gesehen, wie scheinbar komplexe Königsangriffe letztlich auf ganz einfache, bekannte Muster zurückgeführt werden können. Die Kenntnis der Schemata zeigt dem Spieler den Weg, den er gehen muss, um dorthin zu gelangen.
Danque fürs Lesen!
Kritik und Anmerkungen werden gerne genommen, aber auch stille Leser sind ebenso willkommen wie stille Züge😉
6k1/5p1p/6p1/6N1/7Q/8/8/8 w - - 0 1
Schema 1
Weiß setzt mit seiner Dame, gestützt auf den starken Rücken des Pferdes, in 2 Zügen matt (h7 und f7).
Warum ich dieses wahrlich banale Beispiel zeige, wird sich bald erweisen.
Wichtig scheint es mir aber zuvor noch festzuhalten, dass die Dame vor die Leichtfigur gebracht werden muss.
Beim Turm ist es nämlich idealerweise umgekehrt:
6k1/6pR/8/7Q/8/8/8/8 w - - 0 1
Schema2
Die Dame muss hinter dem Turm lauern, um dem gegnerischen K das Fluchtfeld f7 abzuschneiden und Th8# zu ermöglichen.
Sehen wir nun, was uns die Kenntnis dieser beiden einfachen Schemata nützt bzw. wie wir sie in einer komplexeren Situation (aus einer GM-Partie) wiedererkennen.
3r1k2/1p2bpp1/1p6/1Qp1q3/3pP1n1/3P2P1/P2B1PBr/1R2R1K1 b - e3 0 25
Waganjan-Jussupow, Schacholympiade Istanbul 2000
Interessanterweise gilt die aus Schema 2 abgeleitete 'Regel' (Dame hinter Turm) auch hier, obwohl man in diesem Fall keine einzügige Mattdrohung aufstellen kann.
Der 'stille' Zug (siehe auch Schachgedanquen 3 zu dieser Thematik)
25... Dh5! droht aber Matt in 3 durch Th1+ (Räumung des Feldes h2 plus Lenkung des Lg2 nach h1) nebst Dh2+ und Dxf2#, d.h. haargenau wie in Schema 1.
Weiß verteidigte sich mit 26. Kf1, denn jetzt könnte der wK über e2 entkommen.
Die schwarze Antwort 26... Txg2! erscheint zwar fast selbstverständlich (Vernichtung der Verteidigungsfigur), musste aber trotzdem präzise berechnet werden, da der wK nun zunächst über f3 entflieht:
27. Kxg2 Dh2+ 28. Kf3
3r1k2/1p2bpp1/1p6/1Qp5/3pP1n1/3P1KP1/P2B1P1q/1R2R3 b - - 2 28
Wie geht es denn nun weiter? Sollte Schwarz mit Dxf2+ unter Opfer des Sg4 den wK weiter aufs offene Feld treiben? Verfügt er anschließend über genügende Ressourcen, um ihn zu Tode zu hetzen?
Aber diese Frage muss gar nicht beantwortet und der Sg4 gar nicht geopfert werden, er kann ja mit Tempo, d.h. in diesem Fall mit Schachgebot weiter am Angriff teilnehmen! Vor allem, wenn man auch schon die weiteren Züge entdeckt hat, wird man spielen:
28... Se5+ 29. Ke2 (auf 29. Kf4 Dxf2+ 30. Kxe5 Df6# wird es nämlich schnell und lustig Matt)
3r1k2/1p2bpp1/1p6/1Qp1n3/3pP3/3P2P1/P2BKP1q/1R2R3 b - - 4 29
In der Vorausberechnung hat man bei 26... Txg2 vermutlich diese Stellung vor dem geistigen Auge schon gesehen und auch erkannt, dass man nun mit Dh5+ und Dh1+ zumindest ein Remis durch Dauerschach erzwingen kann, der Turm also jedenfalls nicht 'veropfert' ist.
Diese 'Rückversicherung' über ein Remis, das man auf alle Fälle in der Hand behält, kann bei der Durchrechnung von Kombinationen manchmal beruhigend sein.
Aber nun, da man die letzte Bildstellung auf dem Brett erreicht hat, sollte man auch sehen, dass deutlich mehr 'drin' ist.
Die sD kann den wK nämlich mit Dh5+ auf die Grundreihe treiben, dann das Schach auf h1 geben, aber anschließend - gestützt auf den Se5 - eines auf f3, und schließlich kommt der Springer wieder nach g4, und man erreicht somit doch noch Schema 1:
29... Dh5+ 30. Kf1 Dh1+ 31. Ke2 Df3+ 32. Kf1 Sg4!
3r1k2/1p2bpp1/1p6/1Qp5/3pP1n1/3P1qP1/P2B1P2/1R2RK2 w - - 11 33
Natürlich ist die Berechnung eines solchen Damen- und Springermanövers für einen GM wie Jussupow reine Routine, und ich bin sicher, dass er alles schon bis hierher gesehen hatte, als er seinen T auf g2 opferte (wahrscheinlich sah er es sogar schon bei Dh5).
Jetzt steht Weiß blöd da, er kann das drohende Matt auf f2 nur mit Te2 oder Le3 decken, aber auf Te2 käme Dh1#, da das Feld e2 nun in typischer Weise geblockt ist, und auf Le3 schlüge Schwarz einfach mit dxe3 den L, und egal ob Weiß f2 nun mit Db2 oder Tb2 deckt, es käme e2+ (Erzwingung des Blocks e2) nebst Dh1# (oder, auf Kg1, Dxf2+ nebst Dh2#).
Waganjan gab übrigens interessanterweise bereits nach 28... Se5+ auf!
Insgesamt haben wir jedenfalls gesehen, wie scheinbar komplexe Königsangriffe letztlich auf ganz einfache, bekannte Muster zurückgeführt werden können. Die Kenntnis der Schemata zeigt dem Spieler den Weg, den er gehen muss, um dorthin zu gelangen.
Danque fürs Lesen!
Kritik und Anmerkungen werden gerne genommen, aber auch stille Leser sind ebenso willkommen wie stille Züge😉