Okute, 1/22, 25. Apr '21
Die kommentierten Spiele sind im Forum meine Lieblingsrubrik, immer gewesen. Auch wenn ich mich bisher nicht zu den verschiedenen Beiträgen geäußert habe, studiere ich alle Kommentierungen und lese die Beiträge von interessierten Mitgliedern dazu mit großem Interesse. Und ich habe mir gedacht, warum nicht selbst einmal die Kommentierung einer Partie versuchen. Hilft vielleicht dem eigenen Schach und man lernt auch was im Hinblick auf die Erstellung von pgn-Dateien.
Bei der Wahl einer zu kommentierenden Partie kamen für mich nur Partien meines Lieblingsspielers, Rashid Gibiatovich Nezhmetdinov, in Frage. Auf der Suche nach einer passenden Partie ist mir dann aufgefallen, dass es hier im Forum bereits eine kommentierte Partie gibt (das berühmte positionelle Damenopfer auf f6 gegen Oleg Chernikov). Wer diese Kommentierung von Oli1970 noch nicht kennt, dem empfehle ich unbedingt einmal hier /forum/topic.html?key=a6864aea101b40fe vorbeizuschauen.
Für mich hieß das allerdings, eine andere Partie zu finden, die ich selbst noch einigermaßen überblicke und die dennoch spannend und unterhaltsam ist. Denn, und diese Bemerkung ist mir wichtig, mit der vorgestellten Partie habe ich lediglich den Anspruch, eine unterhaltsame Partie vorzustellen. Keinesfalls möchte ich etwas besonders Lehrreiches herausarbeiten (mit einer Ausnahme vielleicht), denn dafür bin ich selbst viel zu sehr Lehrling.
Also bin ich dann auf die nachfolgende Partie gekommen, zu welcher ich einleitend noch Folgendes berichten kann (die Auflösung der Beitragsüberschrift folgt dann nach der Partiekommentierung):
Rashid Nezhmetdinov hat nur sehr selten im Ausland gespielt, denn er gehörte nicht zur ersten Riege der russischen Schachgrößen (ob zu Recht oder zu Unrecht lasse ich mal offen). Dank der beginnenden Entstalinisierungsmaßnahmen sowie als Antwort auf die Kritik am russischen Schachverband, dass dieser nur seine Top-Spieler zu ausländischen Turnieren delegieren würde, weil er befürchte, die „zweite Reihe“ würde keine guten Resultate erzielen können, wurden im Frühjahr 1954 vier damals eher unbekannte sowjetische Schachspieler (Viktor Korchnoi, Ratmir Kholmov, Semyon Furman und Rashid Nezmetdinov) zu dem internationalen Turnier mit insgesamt 18 Teilnehmern nach Bukarest, Rumänien, entsandt, natürlich nicht, ohne diese im Vorfeld in Moskau ordentlich vorzubereiten (dies geschah unter Anleitung von Isaac Boleslavsky and David Bronstein). Nach dem Turnier wurde allen vier russischen Teilnehmern aufgrund ihrer Ergebnisse der Titel „IM“ verliehen.
Nun aber zur Partie selbst, die in der 5. Runde des Turniers ausgetragen wurde. Bei der Kommentierung habe ich die beiden Bücher, die es in englischer Sprache zu Partien von Rashid Nezhmetdinov gibt, das erste von ihm selbst und das andere von Alex Pishkin, sowie einige Videobesprechungen der Partie zur Hilfe genommen. Los geht‘s:
[Event "Bucharest 1954"]
[Site "Bucharest ROU"]
[EventDate "1954.02.24-1954.03.26"]
[Round "rd. 5"]
[Date "1954.03.04"]
[White "Rashid G. Nezhmetdinov"]
[Black "Enrico Paoli"]
[Result "1-0"]
[ECO "Sicilian Defense: Najdorf Variation (B95)"]
[PlyCount "53"]
1.e4 c5
2.Nf3 d6
3.d4 cxd4
4.Nxd4 Nf6
5.Nc3 a6
6.Bg5 e6 {Die Najdorf-Variante in der Sizilianischen Verteidigung, alles ganz normal. Rashid selbst bemerkt dazu, dass die Situation von Schwarz, obwohl dieser in fünf von seinen ersten sechs Zügen einen Bauern bewegt hat, sehr gut ist. Die halboffene c-Linie und die Bauernmehrheit im Zentrum kompensieren den geringen weißen Raumvorteil völlig.}
7.Qf3 {Damals, 1954, der am häufigsten gespielte Zug, der u.a. eine alsbaldige lange Rochade vorbereitet.} ({Heute spielt man eher} 7. f4 {und interessanterweise gehört Rashid zu denjenigen, die eine Fortsetzung mit f4 forciert haben, u.a. in der Auseinandersetzung mit dieser Partie.}) {In dieser ging es jedoch weiter mit 7...}Be7
8.O-O-O {Da ist sie schon, die lange Rochade, was Paoli ermuntert, seine Geschütze für einen Angriff am Damenflügel aufzufahren. Er spielt 8...} Qc7
9.Rg1 {Rashid bereitet den Marsch seines g-Bauern vor. Paoli entwickelt weiter seine Figuren, 9...}
Bd7 ({Rashid kommentiert zu diesem Zug, dass 9...}Nc6 {besser gewesen wäre, weil das Feld d7 eventuell noch als Fluchtfeld für den Springer auf f6 gebraucht wird.})
({Auch die kurze Rochade 9...} 0-0 {wäre hier noch gegangen, und nach} 10.g4 b5 {wäre eine ausgeglichene Stellung entstanden.})
10.g4 {Los geht's, Attacke! Paoli lässt sich aber nicht stören, entwickelt weiter; 10...} Nc6
11.Be3 {macht das Feld g5 für den Bauern frei, Paoli deckt g5 mit 11...} h6
12.h4 {soll dem g-Bauern helfen; Paoli ignoriert den weißen Angriff und will seine eigene Attacke am Damenflügel vorantreiben, entscheidet sich deshalb für 12...} Rc8?
{Für mich als Freizeitspieler sieht dieser Zug konsequent aus, schließlich unterstützt er die schwarzen Angriffsabsichten am Damenflügel. Aber tatsächlich wird er von den Experten kritisch gesehen.}
({Zum einen steht damit fest, dass Paoli nicht mehr rochieren wird, denn eine kurze Rochade wäre jetzt wohl eher Selbstmord gewesen und eine lange Rochade ist nun unmöglich. Zum anderen wäre es wohl besser gewesen, zunächst den Angriff von Nezhmetdinov zu stoppen, mit entweder 12...} h5 13. g5 Ng4) ({oder mit 12...}Ne5 13. Qe2 {und dann fortsetzen mit 13...} h5 {oder 13...}(b5))
{In unserer Partie kommt aber nun erwartungsgemäß}
13.g5 hxg5
14.hxg5 Ne5 {greift die Dame an,}
15.Qg2 Ng8? {Das war nach Engineberechnungen bereits der entscheidende Fehler von Paoli, denn mit dem nächsten Zug von Rashid sehen heutige Schachengines bereits einen Vorteil von mehr als 2 Bauerneinheiten.}
({Besser wäre wohl gewesen 15…} Nfg4 16. Bf4 Qb6 17. Be2 Ng6 18. Qxg4 e5{, was nach den Schachengines Schwarz ein weiterhin ausgeglichenes Spiel gegeben hätte.})
{In der Partie ging es weiter mit}
16.f4 {was den Springer vertreibt, der aber nach }Nc4{ zieht und von dort jetzt auf den Läufer auf e3 zielt. Auf e3 droht dann sogar eine Gabel auf Dame und Turm.}
17.Bxc4 {Der Angreifer wird sofort beseitigt. 17...} Qxc4
18.f5 {Rashid ignoriert den drohenden Bauernsturm am Damenflügel} b5 {Es droht jetzt b4 mit Angriff auf den Springer.} ({Alternative für Paoli wäre wohl 18...} e5 {gewesen, aber dann hätte weiß} 19.Nb3 {gespielt und der weiße Angriff wäre weitergegangen.})
19.Kb1 {Der König geht einem möglichen Matt auf c2, welches im Raume steht, solange die schwarze Dame und der schwarze Turm die c-Linie beherrschen, mal vorsorglich aus dem Weg. Eine gute Entscheidung, wie man später sehen wird. Außerdem ist nun auch der Bauer auf a2 gedeckt, der durch die schwarze Dame bedroht ist, sollte der Springer c3 verlassen müssen.
Jakow Damski, der auch eine Biographie und Partiensammlung über Rashid Nezhmetdinov verfasst hat - leider ist das Werk nur in Russisch erhältlich - soll gesagt haben, dass Rashid vor diesem Zug die Partie bis zum Matt vorausberechnet hat. Für jemanden wie mich ist das unvorstellbar, gerade wenn man die zahlreichen Möglichkeiten, die man im Folgenden berechnen musste, betrachtet. Der nächste Zug von Paoli war aber tatsächlich vorhersehbar, denn es kam 19...}b4
{Der Springer ist angegriffen, also was tun? Den Springer in Sicherheit bringen? Rashid Nezhmetdinov hatte da eine andere Idee...}
20. g6!
{Sieht so aus, als hätte Schwarz nun mehrere Optionen; der Springer auf c3 könnte genommen werden, vielleicht muss der Bauer auf g6 beseitigt werden, auch der Bauer auf f5 könnte geschlagen werden; die Bauernzüge f6 und e5 sind weitere Möglichkeiten, die Paoli betrachten musste. Schauen wir uns einige von den Möglichkeiten an:}
({1. Fortsetzung mit 20... fxg6:} 20.g6 fxg6 {führt schlicht zu} 21.Qxg6+ Kd8 22.Qxg7 {und Weiß wird gewinnen. Das Schlagen auf g6 ist also aus dem Rennen.})
({2. Fortsetzung mit 20... bxc3:}
20.g6 bxc3 21. gxf7+ Kd8
({Der König kann den Bauern auf f7 nicht nehmen, wegen 21…}21... Kxf7 22.Qxg7+ {und damit einer Verluststellung für Schwarz, })
{aber Weiß spielt auch nach 21... Kd8 entweder}
22. Qxg7
({oder} 22.b3 Qb4 23.fxe6 {attackiert sind nun der Läufer auf d7 und der Springer auf g8, deshalb 23…} Nf6 24.exd7 Kxd7
({Falls mit dem Springer geschlagen wird, 24…} 24...Nxd7 {, ist es Schachmatt} 25. Ne6{#})
25.e5 dxe5 26.Nc6+
{Schach durch den Turm auf d1, während der Springer durch die Dame gedeckt ist. Damit sind die schwarze Dame sowie das Spiel für Schwarz verloren.})
{nach 22.Dxg7 geht es weiter mit 22…} Kc7 23. b3 Qb4 24. Qxh8 Nf6
({es hilft auch nicht 24...}24... Qa3 {wegen} 25. Bc1)
{und nach 24... Nf6 kommt eben} 25. Qg7 {und Weiß wird gewinnen. Das Schlagen des Springers ist also auch keine gute Idee.})
({3. Fortsetzung mit 20... exf5:} 20.g6 exf5 21. Nd5 f6 22. b3 {und wo soll nun die schwarze Dame hin? Weiß wird in der Folge Material und die Partie gewinnen. exf5 ist also auch ausgeschieden.})
({4. Fortsetzung mit 20... f6:} 20.g6 f6 21.fxe6 {und jetzt kann Schwarz 21…} bxc3 ({oder21…} Bxe6 22. Nd5 Bxd5) 22.exd7 Kxd7 {spielen, aber beides wird in Stellungen enden, die für Weiß gewonnen sind. Es wäre aber vermutlich noch die beste Fortsetzung für Paoli gewesen.})
{Paoli entscheidet sich am Ende für 20...}e5 {was für mich tatsächlich am besten nachvollziehbar ist. Die Idee dahinter ist, dass die schwarze Dame jetzt das Feld f7 deckt und nun außerdem beide weiße Springer angegriffen sind. Welchen soll Weiß retten? Oder doch was ganz anderes? Rashid Nezhmetdinov spielt: }
21.b3! ({Wenn er hier stattdessen } 21. gxf7 {gespielt hätte, folgt 21...} Qxf7 {, und Schwarz steht in etwa ausgeglichen. Eventuell war das ja die Hoffnung von Paoli bei seiner Wahl für 20...e5.})
{Stattdessen bleibt Paoli jetzt gar nichts anderes übrig, als das Springeropfer anzunehmen und damit den Schutz von f7 aufzugeben, 21...}Qxc3
22.gxf7+ Kd8 ({Der König kann den Bauern auf f7 wieder nicht nehmen, wegen 22...} Kxf7 23.Qxg7+)
{Die weiße Königin dringt jetzt in das schwarze Lager ein} 23.Qxg7 {, aber Paoli versucht alles, 23...}exd4 {beseitigt den letzten Beschützer von c2 und bedroht den Läufer}
24.Bxd4 {nun bedroht der Läufer die Dame und auch der Turm auf h8 hängt. Kommt Schwarz da noch mal raus? Sieht zumindest erst mal so aus, 24...} Qxc2+ {Aber in weiser Voraussicht hatte Rashid seinen König ja rechtzeitig von c1 entfernt, entkommt daher mit }
25.Ka1 Rh2 {Paoli dringt seinerseits auf der zweiten Reihe ein und nun droht Matt auf a2!}
({Nur der guten Ordnung halber: Eine Flucht des schwarzen Königs über 25...}Kc7 {wäre auch keine gute Idee gewesen, wegen} 26.Rc1 {was die Dame und die Partie verliert.})
{Wenn diese Partie einen Erkenntnisgewinn hat, dann den, dass es für den Gewinn ausreicht, dass der eigene Angriff einen einzigen Zug eher zum Ziel kommt, als der des Gegners. Denn hier kommt Paoli nicht mehr zum Matt auf a2; Rashid ist schneller:}
26.Bb6+ Rc7
27.Qxg8+
{und hier gab Paoli auf,1:0.}({Er wollte sich nicht noch zeigen lassen:} 27. Qxg8+ Bf8 28. Qxf8+ Be8 29. fxe8=Q# {bzw.} (29. Qxe8#))
Das Turnier wurde am Ende von Kortschnoi (+10 -1 =6) gewonnen, Rashid wurde mit einem halben Punkt Rückstand hervorragender Zweiter (+10 -2 =5). Darüber hinaus wurde seine Fünftrundenpartie gegen Paoli mit dem Preis für die schönste Partie ausgezeichnet.
Ein weiterer, interessanter und hier entscheidender Fakt, weil er mich zu der Beitragsüberschrift gebracht hat, ist, dass Rashid vor der fünften Runde die Nachricht erhalten hatte, dass seine Frau einen Sohn zur Welt gebracht hat. In freier Übersetzung berichtet Rashid über seinen Umgang mit dieser Nachricht wie folgt: „Ich spielte mit großem Enthusiasmus … Nach der fünften Runde, sandte ich ein Telegramm an meine Frau: ‚Ich gratuliere Dir zur Geburt unseres Sohnes, und ich widme ihm meine Partie mit Paoli.‘“. Eine seinem neugeborenen Sohn gewidmete Schachpartie, die dann auch noch einen Schönheitspreis gewinnt - tolle Geschichte!
Ich hoffe, dass mein erster Versuch einer Kommentierung den Lesern nicht den Spaß an der Partie selbst verdorben hat. Mir selbst hat die Arbeit an der Kommentierung Spaß gemacht, und ich bin offen für jede ehrliche Kritik.
Bei der Wahl einer zu kommentierenden Partie kamen für mich nur Partien meines Lieblingsspielers, Rashid Gibiatovich Nezhmetdinov, in Frage. Auf der Suche nach einer passenden Partie ist mir dann aufgefallen, dass es hier im Forum bereits eine kommentierte Partie gibt (das berühmte positionelle Damenopfer auf f6 gegen Oleg Chernikov). Wer diese Kommentierung von Oli1970 noch nicht kennt, dem empfehle ich unbedingt einmal hier /forum/topic.html?key=a6864aea101b40fe vorbeizuschauen.
Für mich hieß das allerdings, eine andere Partie zu finden, die ich selbst noch einigermaßen überblicke und die dennoch spannend und unterhaltsam ist. Denn, und diese Bemerkung ist mir wichtig, mit der vorgestellten Partie habe ich lediglich den Anspruch, eine unterhaltsame Partie vorzustellen. Keinesfalls möchte ich etwas besonders Lehrreiches herausarbeiten (mit einer Ausnahme vielleicht), denn dafür bin ich selbst viel zu sehr Lehrling.
Also bin ich dann auf die nachfolgende Partie gekommen, zu welcher ich einleitend noch Folgendes berichten kann (die Auflösung der Beitragsüberschrift folgt dann nach der Partiekommentierung):
Rashid Nezhmetdinov hat nur sehr selten im Ausland gespielt, denn er gehörte nicht zur ersten Riege der russischen Schachgrößen (ob zu Recht oder zu Unrecht lasse ich mal offen). Dank der beginnenden Entstalinisierungsmaßnahmen sowie als Antwort auf die Kritik am russischen Schachverband, dass dieser nur seine Top-Spieler zu ausländischen Turnieren delegieren würde, weil er befürchte, die „zweite Reihe“ würde keine guten Resultate erzielen können, wurden im Frühjahr 1954 vier damals eher unbekannte sowjetische Schachspieler (Viktor Korchnoi, Ratmir Kholmov, Semyon Furman und Rashid Nezmetdinov) zu dem internationalen Turnier mit insgesamt 18 Teilnehmern nach Bukarest, Rumänien, entsandt, natürlich nicht, ohne diese im Vorfeld in Moskau ordentlich vorzubereiten (dies geschah unter Anleitung von Isaac Boleslavsky and David Bronstein). Nach dem Turnier wurde allen vier russischen Teilnehmern aufgrund ihrer Ergebnisse der Titel „IM“ verliehen.
Nun aber zur Partie selbst, die in der 5. Runde des Turniers ausgetragen wurde. Bei der Kommentierung habe ich die beiden Bücher, die es in englischer Sprache zu Partien von Rashid Nezhmetdinov gibt, das erste von ihm selbst und das andere von Alex Pishkin, sowie einige Videobesprechungen der Partie zur Hilfe genommen. Los geht‘s:
[Event "Bucharest 1954"]
[Site "Bucharest ROU"]
[EventDate "1954.02.24-1954.03.26"]
[Round "rd. 5"]
[Date "1954.03.04"]
[White "Rashid G. Nezhmetdinov"]
[Black "Enrico Paoli"]
[Result "1-0"]
[ECO "Sicilian Defense: Najdorf Variation (B95)"]
[PlyCount "53"]
1.e4 c5
2.Nf3 d6
3.d4 cxd4
4.Nxd4 Nf6
5.Nc3 a6
6.Bg5 e6 {Die Najdorf-Variante in der Sizilianischen Verteidigung, alles ganz normal. Rashid selbst bemerkt dazu, dass die Situation von Schwarz, obwohl dieser in fünf von seinen ersten sechs Zügen einen Bauern bewegt hat, sehr gut ist. Die halboffene c-Linie und die Bauernmehrheit im Zentrum kompensieren den geringen weißen Raumvorteil völlig.}
7.Qf3 {Damals, 1954, der am häufigsten gespielte Zug, der u.a. eine alsbaldige lange Rochade vorbereitet.} ({Heute spielt man eher} 7. f4 {und interessanterweise gehört Rashid zu denjenigen, die eine Fortsetzung mit f4 forciert haben, u.a. in der Auseinandersetzung mit dieser Partie.}) {In dieser ging es jedoch weiter mit 7...}Be7
8.O-O-O {Da ist sie schon, die lange Rochade, was Paoli ermuntert, seine Geschütze für einen Angriff am Damenflügel aufzufahren. Er spielt 8...} Qc7
9.Rg1 {Rashid bereitet den Marsch seines g-Bauern vor. Paoli entwickelt weiter seine Figuren, 9...}
Bd7 ({Rashid kommentiert zu diesem Zug, dass 9...}Nc6 {besser gewesen wäre, weil das Feld d7 eventuell noch als Fluchtfeld für den Springer auf f6 gebraucht wird.})
({Auch die kurze Rochade 9...} 0-0 {wäre hier noch gegangen, und nach} 10.g4 b5 {wäre eine ausgeglichene Stellung entstanden.})
10.g4 {Los geht's, Attacke! Paoli lässt sich aber nicht stören, entwickelt weiter; 10...} Nc6
11.Be3 {macht das Feld g5 für den Bauern frei, Paoli deckt g5 mit 11...} h6
12.h4 {soll dem g-Bauern helfen; Paoli ignoriert den weißen Angriff und will seine eigene Attacke am Damenflügel vorantreiben, entscheidet sich deshalb für 12...} Rc8?
{Für mich als Freizeitspieler sieht dieser Zug konsequent aus, schließlich unterstützt er die schwarzen Angriffsabsichten am Damenflügel. Aber tatsächlich wird er von den Experten kritisch gesehen.}
({Zum einen steht damit fest, dass Paoli nicht mehr rochieren wird, denn eine kurze Rochade wäre jetzt wohl eher Selbstmord gewesen und eine lange Rochade ist nun unmöglich. Zum anderen wäre es wohl besser gewesen, zunächst den Angriff von Nezhmetdinov zu stoppen, mit entweder 12...} h5 13. g5 Ng4) ({oder mit 12...}Ne5 13. Qe2 {und dann fortsetzen mit 13...} h5 {oder 13...}(b5))
{In unserer Partie kommt aber nun erwartungsgemäß}
13.g5 hxg5
14.hxg5 Ne5 {greift die Dame an,}
15.Qg2 Ng8? {Das war nach Engineberechnungen bereits der entscheidende Fehler von Paoli, denn mit dem nächsten Zug von Rashid sehen heutige Schachengines bereits einen Vorteil von mehr als 2 Bauerneinheiten.}
({Besser wäre wohl gewesen 15…} Nfg4 16. Bf4 Qb6 17. Be2 Ng6 18. Qxg4 e5{, was nach den Schachengines Schwarz ein weiterhin ausgeglichenes Spiel gegeben hätte.})
{In der Partie ging es weiter mit}
16.f4 {was den Springer vertreibt, der aber nach }Nc4{ zieht und von dort jetzt auf den Läufer auf e3 zielt. Auf e3 droht dann sogar eine Gabel auf Dame und Turm.}
17.Bxc4 {Der Angreifer wird sofort beseitigt. 17...} Qxc4
18.f5 {Rashid ignoriert den drohenden Bauernsturm am Damenflügel} b5 {Es droht jetzt b4 mit Angriff auf den Springer.} ({Alternative für Paoli wäre wohl 18...} e5 {gewesen, aber dann hätte weiß} 19.Nb3 {gespielt und der weiße Angriff wäre weitergegangen.})
19.Kb1 {Der König geht einem möglichen Matt auf c2, welches im Raume steht, solange die schwarze Dame und der schwarze Turm die c-Linie beherrschen, mal vorsorglich aus dem Weg. Eine gute Entscheidung, wie man später sehen wird. Außerdem ist nun auch der Bauer auf a2 gedeckt, der durch die schwarze Dame bedroht ist, sollte der Springer c3 verlassen müssen.
Jakow Damski, der auch eine Biographie und Partiensammlung über Rashid Nezhmetdinov verfasst hat - leider ist das Werk nur in Russisch erhältlich - soll gesagt haben, dass Rashid vor diesem Zug die Partie bis zum Matt vorausberechnet hat. Für jemanden wie mich ist das unvorstellbar, gerade wenn man die zahlreichen Möglichkeiten, die man im Folgenden berechnen musste, betrachtet. Der nächste Zug von Paoli war aber tatsächlich vorhersehbar, denn es kam 19...}b4
{Der Springer ist angegriffen, also was tun? Den Springer in Sicherheit bringen? Rashid Nezhmetdinov hatte da eine andere Idee...}
20. g6!
{Sieht so aus, als hätte Schwarz nun mehrere Optionen; der Springer auf c3 könnte genommen werden, vielleicht muss der Bauer auf g6 beseitigt werden, auch der Bauer auf f5 könnte geschlagen werden; die Bauernzüge f6 und e5 sind weitere Möglichkeiten, die Paoli betrachten musste. Schauen wir uns einige von den Möglichkeiten an:}
({1. Fortsetzung mit 20... fxg6:} 20.g6 fxg6 {führt schlicht zu} 21.Qxg6+ Kd8 22.Qxg7 {und Weiß wird gewinnen. Das Schlagen auf g6 ist also aus dem Rennen.})
({2. Fortsetzung mit 20... bxc3:}
20.g6 bxc3 21. gxf7+ Kd8
({Der König kann den Bauern auf f7 nicht nehmen, wegen 21…}21... Kxf7 22.Qxg7+ {und damit einer Verluststellung für Schwarz, })
{aber Weiß spielt auch nach 21... Kd8 entweder}
22. Qxg7
({oder} 22.b3 Qb4 23.fxe6 {attackiert sind nun der Läufer auf d7 und der Springer auf g8, deshalb 23…} Nf6 24.exd7 Kxd7
({Falls mit dem Springer geschlagen wird, 24…} 24...Nxd7 {, ist es Schachmatt} 25. Ne6{#})
25.e5 dxe5 26.Nc6+
{Schach durch den Turm auf d1, während der Springer durch die Dame gedeckt ist. Damit sind die schwarze Dame sowie das Spiel für Schwarz verloren.})
{nach 22.Dxg7 geht es weiter mit 22…} Kc7 23. b3 Qb4 24. Qxh8 Nf6
({es hilft auch nicht 24...}24... Qa3 {wegen} 25. Bc1)
{und nach 24... Nf6 kommt eben} 25. Qg7 {und Weiß wird gewinnen. Das Schlagen des Springers ist also auch keine gute Idee.})
({3. Fortsetzung mit 20... exf5:} 20.g6 exf5 21. Nd5 f6 22. b3 {und wo soll nun die schwarze Dame hin? Weiß wird in der Folge Material und die Partie gewinnen. exf5 ist also auch ausgeschieden.})
({4. Fortsetzung mit 20... f6:} 20.g6 f6 21.fxe6 {und jetzt kann Schwarz 21…} bxc3 ({oder21…} Bxe6 22. Nd5 Bxd5) 22.exd7 Kxd7 {spielen, aber beides wird in Stellungen enden, die für Weiß gewonnen sind. Es wäre aber vermutlich noch die beste Fortsetzung für Paoli gewesen.})
{Paoli entscheidet sich am Ende für 20...}e5 {was für mich tatsächlich am besten nachvollziehbar ist. Die Idee dahinter ist, dass die schwarze Dame jetzt das Feld f7 deckt und nun außerdem beide weiße Springer angegriffen sind. Welchen soll Weiß retten? Oder doch was ganz anderes? Rashid Nezhmetdinov spielt: }
21.b3! ({Wenn er hier stattdessen } 21. gxf7 {gespielt hätte, folgt 21...} Qxf7 {, und Schwarz steht in etwa ausgeglichen. Eventuell war das ja die Hoffnung von Paoli bei seiner Wahl für 20...e5.})
{Stattdessen bleibt Paoli jetzt gar nichts anderes übrig, als das Springeropfer anzunehmen und damit den Schutz von f7 aufzugeben, 21...}Qxc3
22.gxf7+ Kd8 ({Der König kann den Bauern auf f7 wieder nicht nehmen, wegen 22...} Kxf7 23.Qxg7+)
{Die weiße Königin dringt jetzt in das schwarze Lager ein} 23.Qxg7 {, aber Paoli versucht alles, 23...}exd4 {beseitigt den letzten Beschützer von c2 und bedroht den Läufer}
24.Bxd4 {nun bedroht der Läufer die Dame und auch der Turm auf h8 hängt. Kommt Schwarz da noch mal raus? Sieht zumindest erst mal so aus, 24...} Qxc2+ {Aber in weiser Voraussicht hatte Rashid seinen König ja rechtzeitig von c1 entfernt, entkommt daher mit }
25.Ka1 Rh2 {Paoli dringt seinerseits auf der zweiten Reihe ein und nun droht Matt auf a2!}
({Nur der guten Ordnung halber: Eine Flucht des schwarzen Königs über 25...}Kc7 {wäre auch keine gute Idee gewesen, wegen} 26.Rc1 {was die Dame und die Partie verliert.})
{Wenn diese Partie einen Erkenntnisgewinn hat, dann den, dass es für den Gewinn ausreicht, dass der eigene Angriff einen einzigen Zug eher zum Ziel kommt, als der des Gegners. Denn hier kommt Paoli nicht mehr zum Matt auf a2; Rashid ist schneller:}
26.Bb6+ Rc7
27.Qxg8+
{und hier gab Paoli auf,1:0.}({Er wollte sich nicht noch zeigen lassen:} 27. Qxg8+ Bf8 28. Qxf8+ Be8 29. fxe8=Q# {bzw.} (29. Qxe8#))
Das Turnier wurde am Ende von Kortschnoi (+10 -1 =6) gewonnen, Rashid wurde mit einem halben Punkt Rückstand hervorragender Zweiter (+10 -2 =5). Darüber hinaus wurde seine Fünftrundenpartie gegen Paoli mit dem Preis für die schönste Partie ausgezeichnet.
Ein weiterer, interessanter und hier entscheidender Fakt, weil er mich zu der Beitragsüberschrift gebracht hat, ist, dass Rashid vor der fünften Runde die Nachricht erhalten hatte, dass seine Frau einen Sohn zur Welt gebracht hat. In freier Übersetzung berichtet Rashid über seinen Umgang mit dieser Nachricht wie folgt: „Ich spielte mit großem Enthusiasmus … Nach der fünften Runde, sandte ich ein Telegramm an meine Frau: ‚Ich gratuliere Dir zur Geburt unseres Sohnes, und ich widme ihm meine Partie mit Paoli.‘“. Eine seinem neugeborenen Sohn gewidmete Schachpartie, die dann auch noch einen Schönheitspreis gewinnt - tolle Geschichte!
Ich hoffe, dass mein erster Versuch einer Kommentierung den Lesern nicht den Spaß an der Partie selbst verdorben hat. Mir selbst hat die Arbeit an der Kommentierung Spaß gemacht, und ich bin offen für jede ehrliche Kritik.