Vabanque, 1/20, 28. Jun '25
Was ist ein 'stiller' Zug? Dabei handelt es sich um einen Zug, der weder Schach bietet noch einen Stein schlägt.
Stille Züge sind in der Regel viel schwerer zu sehen und zu berechnen als 'laute'.
Ich gehe da jetzt mal von mir selber aus; ich bevorzuge immer klare, leicht zu berechnende Abwicklungen.
Nehmen wir mal die folgende Stellung aus der (berühmten) 16. Partie des WM-Matchs Karpov-Kasparov 1985:
Diese Stellung mit Schwarz am Zug sah ich neulich als Aufgabe in einem Buch. Ich erinnerte mich nicht mehr an die tatsächliche Partiefortsetzung, so dass ich 'messerscharf' abwickelte:
37... Dxd3 38. Txd3 Te1+ 39. Lf1 Txf1+ 40. Kg2 Txb1 mit einer Mehrqualität.
Leider ist dies beileibe nicht die beste Fortsetzung, denn das Endspiel müsste erst noch gespielt werden und ist - zumal gegen einen Karpov - technisch gar nicht so einfach.
Kasparovs tatsächlicher Zug in der Diagrammstellung war ein 'stiller', nämlich
37... Tc1!
Um so etwas zu spielen, muss man einiges zugleich erkannt haben. Zunächst einmal, dass die sD nicht zu nehmen ist wegen 38. Txe3 Txd1+ 39. Lf1 Txe3 (und nicht etwa Txf1+??, wonach Kg2 den T angreift!), und Weiß wird noch eine Leichtfigur verlieren, so dass er am Ende mit 2 Leichtfiguren gegen 2 Türme völlig hoffnungslos dastünde.
Aber allein dies zu erkennen, reicht nicht. Der stille Zug hat nur Kraft, wenn er entweder auch etwas droht oder Weiß in Zugzwang bringt.
Eine der Drohungen, die Tc1 mit sich bringt, ist Txb1 nebst Dxd3.
Karpov brachte nun seinen Randspringer mit 38. Sb2 wieder heran, aber sofort stellte sich heraus, dass Kasparov mit Tc1 noch eine weitere, viel üblere Drohung aufgestellt hatte, die er jetzt mit 38... Df2! (wieder einem stillen Zug!!) ausführte:
Auch im vorigen Zug wäre Df2 schon möglich gewesen, aber dann hätte Weiß immerhin noch Tf3 antworten können. Nach vorangegangendem Tc1 ist Df2 noch viel stärker. Es droht Te1+ mit schnellem Matt und Weiß kann den Tc1 deswegen auch nicht nehmen. Nach dem nutzlosen 39. Sd2 (soll wohl f1 überdecken) hätte Kasparov schon mit 39... Te2! in 2 Zügen mattsetzen können, er wählte aber den etwas längeren Weg mit 39... Txd1+ 40. Sxd1 Te1+:
Und hier gab dann Karpov auf, denn egal ob er den S oder den L auf f1 dazwischen stellt, es folgt immer Txf1+ nebst Dxf1#.
Dass diese Folge nicht ganz so locker-leicht war wie die beiden vorigen, liegt an der Natur des stillen Zuges. Er scheint - anders als Schachgebote und Schlagzüge - den Gegner zunächst einmal zu gar nichts zu zwingen, sondern ihm volle Handlungsfreiheit zu gewähren. Aber diese scheinbare Handlungsfreiheit hat hier Weiß nichts genutzt, denn die Drohungen, die der stille Zug aufgestellt hatte, waren einfach zu stark gewesen.
Mit seinem 37. Zug Tc1 hatte Karpov seine De3 geopfert und mit 38... Df2 den Tc1, aber es waren ebenfalls keine 'lauten' Opfer gewesen, sondern so genannte 'passive' Opfer; d.h. sie stellten eine Figur nicht aktiv auf ein Feld, wo sie geschlagen werden konnten, sondern sie ließen diese Figur einfach einstehen. Stille Züge und passive Opfer gelten als eleganter und ästhetischer und werden auch im Problemschach bevorzugt.
Kasparov versuchte eben immer, nicht nur stark, sondern auch schön zu spielen, und sehr häufig ist ihm das auch gelungen.
Danque fürs Bis-hierher-Mitlesen👍
Das nächste Mal wird es dann wieder deutlich einfacher.
Anregungen, Ergänzungen und ggf. Korrekturen werden gerne entgegen genommen!
Stille Züge sind in der Regel viel schwerer zu sehen und zu berechnen als 'laute'.
Ich gehe da jetzt mal von mir selber aus; ich bevorzuge immer klare, leicht zu berechnende Abwicklungen.
Nehmen wir mal die folgende Stellung aus der (berühmten) 16. Partie des WM-Matchs Karpov-Kasparov 1985:
2r1r3/5pk1/7p/8/Np4P1/1P1Rq1P1/6BP/1N1R3K b - - 0 37
Diese Stellung mit Schwarz am Zug sah ich neulich als Aufgabe in einem Buch. Ich erinnerte mich nicht mehr an die tatsächliche Partiefortsetzung, so dass ich 'messerscharf' abwickelte:
37... Dxd3 38. Txd3 Te1+ 39. Lf1 Txf1+ 40. Kg2 Txb1 mit einer Mehrqualität.
Leider ist dies beileibe nicht die beste Fortsetzung, denn das Endspiel müsste erst noch gespielt werden und ist - zumal gegen einen Karpov - technisch gar nicht so einfach.
Kasparovs tatsächlicher Zug in der Diagrammstellung war ein 'stiller', nämlich
37... Tc1!
Um so etwas zu spielen, muss man einiges zugleich erkannt haben. Zunächst einmal, dass die sD nicht zu nehmen ist wegen 38. Txe3 Txd1+ 39. Lf1 Txe3 (und nicht etwa Txf1+??, wonach Kg2 den T angreift!), und Weiß wird noch eine Leichtfigur verlieren, so dass er am Ende mit 2 Leichtfiguren gegen 2 Türme völlig hoffnungslos dastünde.
Aber allein dies zu erkennen, reicht nicht. Der stille Zug hat nur Kraft, wenn er entweder auch etwas droht oder Weiß in Zugzwang bringt.
Eine der Drohungen, die Tc1 mit sich bringt, ist Txb1 nebst Dxd3.
Karpov brachte nun seinen Randspringer mit 38. Sb2 wieder heran, aber sofort stellte sich heraus, dass Kasparov mit Tc1 noch eine weitere, viel üblere Drohung aufgestellt hatte, die er jetzt mit 38... Df2! (wieder einem stillen Zug!!) ausführte:
4r3/5pk1/7p/8/1p4P1/1P1R2P1/1N3qBP/1NrR3K w - - 3 39
Auch im vorigen Zug wäre Df2 schon möglich gewesen, aber dann hätte Weiß immerhin noch Tf3 antworten können. Nach vorangegangendem Tc1 ist Df2 noch viel stärker. Es droht Te1+ mit schnellem Matt und Weiß kann den Tc1 deswegen auch nicht nehmen. Nach dem nutzlosen 39. Sd2 (soll wohl f1 überdecken) hätte Kasparov schon mit 39... Te2! in 2 Zügen mattsetzen können, er wählte aber den etwas längeren Weg mit 39... Txd1+ 40. Sxd1 Te1+:
8/5pk1/7p/8/1p4P1/1P1R2P1/3N1qBP/3Nr2K w - - 1 41
Und hier gab dann Karpov auf, denn egal ob er den S oder den L auf f1 dazwischen stellt, es folgt immer Txf1+ nebst Dxf1#.
Dass diese Folge nicht ganz so locker-leicht war wie die beiden vorigen, liegt an der Natur des stillen Zuges. Er scheint - anders als Schachgebote und Schlagzüge - den Gegner zunächst einmal zu gar nichts zu zwingen, sondern ihm volle Handlungsfreiheit zu gewähren. Aber diese scheinbare Handlungsfreiheit hat hier Weiß nichts genutzt, denn die Drohungen, die der stille Zug aufgestellt hatte, waren einfach zu stark gewesen.
Mit seinem 37. Zug Tc1 hatte Karpov seine De3 geopfert und mit 38... Df2 den Tc1, aber es waren ebenfalls keine 'lauten' Opfer gewesen, sondern so genannte 'passive' Opfer; d.h. sie stellten eine Figur nicht aktiv auf ein Feld, wo sie geschlagen werden konnten, sondern sie ließen diese Figur einfach einstehen. Stille Züge und passive Opfer gelten als eleganter und ästhetischer und werden auch im Problemschach bevorzugt.
Kasparov versuchte eben immer, nicht nur stark, sondern auch schön zu spielen, und sehr häufig ist ihm das auch gelungen.
Danque fürs Bis-hierher-Mitlesen👍
Das nächste Mal wird es dann wieder deutlich einfacher.
Anregungen, Ergänzungen und ggf. Korrekturen werden gerne entgegen genommen!